Neue Freundin
Die Welt mit anderen Augen sehen
Als die Tochter unseres Autors bei einem Fest ein blindes Mädchen kennenlernt, erschließt sich eine neue Welt für sie. Das Zusammensein mit der neuen Freundin bedeutet für sie eine Aha-Erfahrung, die auch ihre eigene Wahrnehmung verändert.
veröffentlicht am 16.09.2026
Vor kurzem waren unsere beiden großen Kinder auf einem mehrtägigen Jugendevent, weshalb die Jüngste das Glück hatte, uns Eltern ein Wochenende ganz für sich zu haben. Oder vielmehr Pech, dachte sie selbst wohl eher, als wir ihr eröffneten, zum Fest eines befreundeten Ehepaares gehen zu wollen. „Langweilig, ich bleibe daheim“, stöhnte sie. Wir nahmen sie dann aber doch mit, es waren ja auch andere Kinder eingeladen. Eine gute Entscheidung, denn schon nach einer halben Stunde war unsere Tochter wie ausgewechselt, fand Anschluss an Mädels ihres Alters, tollte mit ihnen herum und erbettelte abends Mamas Handy, um die neuen Kontakte einzuspeichern.
Besonders ein blindes Mädchen, Sandra, hatte es ihr angetan – und wohl auch umgekehrt. Denn unsere Tochter schleppte die neue Spielgefährtin im Arm eingehängt durchs Haus und ging völlig darin auf, ihr Stufen oder Hindernisse anzusagen. Eine neue Welt eröffnete sich für sie: Das Erleben eines Blindenstocks im Gebrauch, der Angewiesenheit auf den Tastsinn und der Notwendigkeit, Visuelles sprachlich auszudrücken, war für meine Tochter ein Abenteuer und eine Aha-Erfahrung, die auch die eigene Wahrnehmung veränderten. Sie lieh Sandra ihre Augen, und ihre eigenen glänzten vor Freude über eine neue Freundschaft, für die die Sehbehinderung eigentlich bloß ein Einladungsschreiben war.
„Wir müssen uns ein Programm überlegen, bei dem sie sich wohlfühlt“
Wenige Tage darauf feierte unsere Tochter ihren 13. Geburtstag und war sehr aufgeregt, als auch Sandra ihr Kommen zusagte. „Wir müssen uns ein Programm überlegen, bei dem sie sich wohlfühlt“, kam es gleich, und schon sprudelten die Ideen. Ihre älteren Geschwister halfen mit, eine Serie von Kimspielen vorzubereiten, bei denen es etwa darum gehen sollte, Schleichtiere oder aus Holzbuchstaben gelegte Wörter zu ertasten und Gerüche, Geschmäcker oder Geräusche zu erraten. Dazu die geplante Piñata mit einer Augenbinde, die wir uns bei Sandra freilich ersparen konnten. Würden ihr die Aufgabenstellungen leichter fallen als den anderen? Selbst wir Eltern waren gespannt, wie sich das Fest auch sonst entwickeln würde.
Am Festtag hockten dann 14 Mädels unterschiedlichen Alters dicht gedrängt um den Küchentisch und zeichneten gemeinsam an einem Geburtstagsplakat, womit wir bei Kinderfesten stets das Warten auf die letzten Eintreffenden überbrücken. Sandra saß mitten unter ihnen und hatte mit Buntstift ein Haus und eine Blume neben ihren Namen gezeichnet. Ich startete eine Vorstellrunde, da unser besonderer Gast ja ihre Gegenüber nicht sehen konnte. Als sie an der Reihe war, musste ich das Geheimnis lüften: „Das ist Sandra, eine neue Freundin unseres Geburtstagskindes – die nicht sehen kann, aber trotzdem etwas Schönes gezeichnet hat. Wie machst du das bloß?“ Das allgemeine Staunen war groß, niemand der anderen Gäste hatte zuvor bemerkt, was hier abging.
Eine Lektion im Sehen
Sandras Gegenwart setzte der Feier ihren Stempel auf. Bei den Sinnesspielen war sie gut, bei den Merkspielen sogar noch besser, und die Aufmerksamkeit aller für sie war enorm. Unsere Tochter wirkte auch als Gastgeberin als Assistentin, servierte Getränke, erklärte, was es zu erklären galt, und wich bei der Rätselrallye durch die Nachbarschaft nicht von ihrer Seite. Zumindest anfangs, denn gegen Schluss war das Eis gebrochen, viele wollten sich beteiligen. Sandra selbst wirkte anfangs noch angespannt, dann aber glücklich. „Sie ist so talentiert. Sie zeichnet mit der einen Hand und liest mit der anderen die Linien, die sie gezeichnet hat“, hörte ich beim Rückweg nach gefundenem Schatz die achtjährigen Nachbarinnen über sie plaudern.
Für Sandra war es ein Geburtstagsfest, für die anderen eine Lektion im Sehen. Und unsere Tochter will ihre neue Freundin schon bald wieder einladen.





