Vorfreude

Warten wie ein Kind

Der Sohn unseres Autors wartet auf seinen Freund. Er plant das Treffen, stellt den Wecker. Die Vorfreude ist riesengroß. Wie, fragt sich der Vater, lerne ich wieder zu warten wie ein Kind?

veröffentlicht am 02.11.2017

Heute ist „Zwickeltag“ (Brückentag), und unser Emmanuel erwartet seinen Schulfreund Gabriel. Dessen Mutter muss arbeiten und hat angefragt, ob sie ihn vorbeibringen kann – zur Freude der zwei Buben, die sich schon länger nicht außerhalb der Schulmauern gesehen haben. Was beide verbindet, ist ihre ruhige Wesensart und die Faszination für Flugzeuge, Bücher und Ballsport. Meine Frau und ich sind glücklich, dass unser Ältester einen guten Freund hat und ihm diese Freundschaft wichtig ist.

Schon seit dem Mütter-Telefonat laufen bei Emmanuel die Drähte heiß beim Überlegen, was er alles mit Gabriel unternehmen wird. Endlich kommt die Gelegenheit, den vor Kurzem erstandenen Wuzzeltisch (Tischkicker) im Keller einzuspielen – denn der Papa hat nach der Arbeit kaum Zeit dafür. Auch Papierfliegerbasteln, Autokarten-, Menschärgere-dich-nicht- und Fußballspielen, Fußballstickertauschen und Ringewerfen stehen schon auf dem Besuchsprogramm, ein Rollerrennen vor unserem Haus, den neuen Asterix präsentieren, und, und, und.

Die Vorfeude ist ins Unermessliche gewachsen

Am Vorabend ist die Vorfreude ins Unermessliche gewachsen oder eigentlich eher ins Nervöse und Unausstehliche. Emmanuel gibt komische Laute von sich, flitzt rastlos im Haus herum, muss von uns beruhigt und dazu ermahnt werden, mit seinen Schwestern doch sachter umzugehen. Auch das Einschlafen ist schwieriger als sonst. Emmanuel, der sich an Schultagen immer von mir wecken lässt, hat sich einen Wecker hinter das Kopfkissen gelegt. 7.50 Uhr, kurz vor Gabriels Ankunft um acht Uhr morgens. Dann entsinnt er sich und stellt auf 7.20 Uhr. Dann 7.10 Uhr. Er will ja nicht mehr im Pyjama sein, wenn der Freund erscheint, und falls dieser dann schon gefrühstückt hat, kann man den Vormittag noch besser ausnutzen.

Um 7.30 Uhr am nächsten Tag sitze ich mit Emmanuel bei Kakao und Marmeladebroten. „Papa, darf ich mit dem Roller neben der Straße auf ihn warten?“ Ich bin eigentlich dagegen, dass er sich allein auf der Straße herumtreibt, außerdem ist es heute ungewöhnlich kalt draußen, und vielleicht war die Zeitangabe 8 Uhr nur ungefähr gemeint. Zu bremsen ist mein Sohnemann aber nicht, also geb ich seinem Betteln nach. Und als ich um 8.15 Uhr Richtung Arbeit starte, winkt er mir von der anderen Straßenseite zu, wo er am Gehsteig die Gasse mit dem Scooter auf- und abfährt. Auf der Nase die Brille, die er sonst nur zum Tafellesen braucht – doch er will den Freund ja schon von Weitem sehen und ihn begrüßen.

Warten auf das Ziel des Lebens

Allzu gerne hätte ich den Augenblick von Gabriels Ankunft wenig später noch abgewartet und miterlebt. Denn genauso wie mein Sohn, denke ich mir beim Einsteigen in den Autobus, würde ich gerne selbst sein, wenn ich auf Weihnachten und erst recht auf das endgültige Ziel meines Lebens warte: ungeduldig, mit allem Sein und Tun auf den Ankommenden eingestellt, auch alle Hoffnung in die nahende Begegnung und deren Verlauf gerichtet, auf jeden anderen Plan verzichtend, mich selbst in Bewegung setzend und mein Umfeld mit der Vorfreude ansteckend. Was fehlt mir, wieder so zu werden wie ein Kind?


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