Liebe statt Konsum

Kinder nicht mit Geschenken überhäufen

Je mehr Päckchen, desto größer die Freude? Nicht unbedingt! Welche Gaben sinnvoll sind und was Eltern tun können, um die Geschenkeflut einzudämmen, erklärt Susanne Savel-Damm, Familienberaterin in der Erzdiözese Salzburg.

veröffentlicht am 01.11.2018

Viele Kinder versinken an Festtagen in Paketbergen. Bekommen Kinder zu viele Geschenke?
Ja. Das hat mit unserer Konsumgesellschaft zu tun und damit, dass in manchen Familien ein Kind auf viele Erwachsene kommt und deshalb die Anzahl der Geschenke größer wird.

Ist es denn so schlecht, wenn Eltern, Verwandte und Freunde dem Kind durch Geschenke zeigen, dass sie es lieb haben und an es denken?
Schlecht ist es nicht. Aber das größte Geschenk, das man Kindern machen kann, ist Aufmerksamkeit, ein wertschätzender Umgang. Das Wichtigste für Kinder in den ersten Lebensjahren ist die Gewissheit, geliebt zu sein, die Erfüllung der seelischen Bedürfnisse – nach Respekt, Liebe, Zugehörigkeit, Sicherheit. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dem aber ein riesiger Berg Geschenke gegenübersteht, lernen Kinder, aus dem Defizit heraus Materielles anzusammeln, um das zu kompensieren. Immer wieder einen neuen Reiz, immer wieder Geschenke zu bekommen, wird dann der Ersatz für Liebe. Das schadet Kindern.

Welche Möglichkeiten haben Familien, die Geschenkeflut einzudämmen?  
Zunächst einmal: Schenken ist ein Beziehungsgeschehen und etwas, das die Entwicklung eines Kindes fördert. Für Kinder ist es auch wichtig, zu lernen, dass sie sich etwas wünschen können, dass sie warten können, dass sie überrascht werden. Das geht nur durch einen Verzicht an Überfluss.

Was Familien tun können: Sie können zum Beispiel Listen erstellen, aus denen die Schenkenden sich etwas aussuchen. Oder man schenkt gemeinsam etwas Größeres, zum Beispiel ein Fahrrad. Eine gute Möglichkeit ist auch, dem Kind etwas zu schenken, das es ohnehin braucht, zum Beispiel ein Paar Schuhe. Oder Zeit, also etwas, das nicht im Geschenkeberg liegt, ausgepackt wird und dann ist es vorbei.

Sollten Verwandte und Freunde mit den Eltern abstimmen, was sie schenken?
Bei größeren Dingen auf jeden Fall. Ältere Kinder sagen vielleicht der Patentante selbst, was sie sich wünschen; dann kann man nachfragen, ob das passt. Aber sonst, ja. Wenn man will, dass sich das Kind über das Geschenk freut, ist es wichtig, zu kommunizieren.

Man muss heute als Familie bewusst ein Gegenprogramm starten zu dieser Konsumwelt, zur Wirtschaft, die uns einredet, was man alles braucht, und die über die Werbung gezielt Kinder anspricht. Man muss sich gegen den gesellschaftlichen Trend stellen.

Hinzu kommen sehr unterschiedliche familiäre Strukturen: Es gibt Alleinerziehende ohne großes familiäres Netz, wo vielleicht das Geld knapp ist und es allein deshalb weniger Geschenke gibt. Es gibt Familien mit großer Verwandtschaft und vielleicht nur einem Kind, wo schnell viele Geschenke zusammenkommen. In Patchworkfamilien sind noch mehr potenzielle Schenker da, sodass es umso nötiger ist, das Thema zu besprechen.

Eine große Rolle spielt der Zeitmangel. Bei vielen Eltern ist die Zeit knapp. Dann ist die Gefahr groß, diesen Mangel bei den Kindern über Geschenke auszugleichen. Möglicherweise werden Dinge wie Fernseher oder Computerspiele geschenkt, die die Kinder eine Zeit lang ruhigstellen. Ein Gegenprogramm zur Zeitknappheit könnte sein, Zeit zu schenken, zum Beispiel Vorlesen, einen Zoobesuch, zusammen Kochen oder Spielen. Wir können  den Blick auf Dinge lenken, die man nicht kaufen kann.

Wie können Eltern reagieren, wenn ihr Kind zu viel oder etwas bekommt, das sie nicht gutheißen?
Sie sollten es ansprechen, es nicht einfach erdulden. Das braucht Mut. Es ist eine Herausforderung, der Verwandtschaft klarzumachen, wie man es haben möchte. Auf der anderen Seite ist es für die Schenkenden lohnend, weil sie dann etwas schenken, was wirklich Freude macht.

Inwiefern sollte man das Kind in die Auswahl der Geschenke einbeziehen?
Das hängt vom Alter ab. Generell sollte man aufmerksam sein für die Wünsche der Kinder. Sie schreiben vor Weihnachten einen Wunschzettel oder drücken auf andere Weise ihre Wünsche aus. Dann kann man darüber sprechen. Was ist ein „guter“ Wunsch? Welcher ist vielleicht zu groß oder passt nicht zur Familie, weil er Wertigkeiten verkörpert, die man nicht teilt? So kann man im Vorfeld mit dem Kind einige Erwartungen dämpfen und die Wünsche schon etwas sortieren.

Eine schwierige Situation: Es gibt Tränen am Gabentisch. Was tun?
Das ist sehr individuell. Wichtig finde ich, in Kontakt mit dem Kind zu gehen und das Bedürfnis dahinter zu sehen. Kindern ist eine Enttäuschung zumutbar. Aber vielleicht kann man in dieser Situation gemeinsam eine Lösung finden. Grundsätzlich ist es nicht falsch, wenn Kinder etwas nicht oder nicht sofort bekommen. Sie lernen so, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Wenn ein Fest auf das Schenken reduziert wird, kann die Enttäuschung über ein Geschenk allerdings das ganze Fest verderben.

Wie stehen Sie zu Geschenken wie Geld oder Süßigkeiten?
Mit Maß und Ziel ist Geld okay. Wenn man zum Beispiel weiß, dass das Kind auf etwas Größeres spart, kann man etwas dazu beitragen. Bei Süßigkeiten ist es sinnvoll, sich an die Gewohnheiten der Familie anzupassen: Wenn es üblich ist, dass es manchmal Süßes gibt, ist es schon möglich. Wenn sowieso Süßigkeiten im Überfluss vorhanden sind, ist das nicht das ideale Geschenk. In jedem Fall können Eltern eingreifen, die Sachen in die Süßigkeitenschublade legen lassen, und dann wird gemeinsam bestimmt, wann es etwas gibt. Bei größeren Kindern muss man verhandeln; oder sie können das schon selber entscheiden.

In vielen Kindertagesstätten, in der Pfarrei oder im Turnverein ist es üblich, dass die Kinder zu bestimmten Anlässen ein kleines Geschenk  erhalten. Ist das pädagogisch sinnvoll?
Wenn es eingebettet ist in die Aufmerksamkeit auf das Kind, das einen besonderen Tag feiert,  ist dagegen nichts einzuwenden. Es muss ja nichts materiell Übertriebenes sein. Ein passendes Geschenk drückt Zuwendung aus, bereitet Freude und führt Menschen zusammen.

Einige Geburtstagskinder stellen inzwischen vor dem Kindergeburtstag einen Geschenke-Tisch in einem Geschäft zusammen. Eine Hilfe für die Gäste oder eine Vergeschäftlichung des Schenkens?
Das entspricht unserer Konsumwelt und macht für Kinder keinen Sinn. Das pervertiert meiner Meinung nach die Idee des Schenkens.

Dazu passt, dass viele Kinder nicht nur zu Weihnachten und zum Geburtstag Geschenke bekommen, sondern auch zu Ostern, zu Nikolaus, zum Schulanfang …
In unserer Überflussgesellschaft ist jedes Fest mit einem Geschäftsinteresse verbunden. Ein kindgerechter und alternativer Lebensstil erfordert, dass ich Feste anders feiere. Dass es Feste gibt, bei denen das Geschenk das Fest selbst ist. Dass die Feier mit anderen Kindern oder der Kuchen schon die Geschenke sind. Dass wir uns in der Familie fragen, wie wir feiern wollen, was wirklich dazugehört und was nicht. Dadurch können Kinder viel lernen und es kann viel Freude entstehen.     

Familienberaterin Susanne Savel-Damm

Susanne Savel-Damm ist Theologin, Systemische Psychotherapeutin und Diplom-Ehe- und Familienberaterin. Seit elf Jahren leitet sie die Partner- und Familienberatungsstellen der Erzdiözese Salzburg.


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