Warten
Wer oft genug klingelt ...
Unser Autor sitzt mit seiner Tochter an den Mathe-Hausaufgaben. Da klingeln zwei Nachbarsmädchen. Immer wieder. Sie suchen eine Spielgefährtin. Was tun? Konsequent bleiben, nachgeben? Welche Entscheidung der Papa trifft – und wie er dann darüber denkt.
veröffentlicht am 13.01.2026
Endlich Schnee in Wien, doch bei meiner Jüngsten ist Lernen für die Schularbeit angesagt. Schon in den Tagen davor hat sie Übungsnummern erledigt, die wir nun gemeinsam durchgehen, besonders solche, die sie mit einem Fragezeichen versehen hatte. Die Mathematik bringt die Zwölfjährige mitunter zur Verzweiflung, und ich hoffe insgeheim, dass meine Präsenz dem Fach ein bisschen den Schrecken nimmt. So haben wir uns beide dafür den freien Samstagvormittag reserviert.
Da klingelt es, und schon ist meine Nachhilfeschülerin an der Tür bei den Nachbarsmädchen, fünf und acht Jahre alt. Ob sie nicht rauskommen dürfe zum Spielen, betteln die beiden. Winterkälte von draußen dringt bis zu mir und vertreibt die wohlige Wärme am Wohnzimmertisch. Meine Tochter lässt den Blick über das feierliche Weiß unserer Einfahrtsstraße gleiten und wälzt gedanklich schon die erste Kugel für den Schneemann. Dann rafft sie sich zu einem „Ich muss jetzt lernen, später!“ auf und kehrt in die Welt der Brüche und Koordinaten zurück.
Eine Stunde noch, heißt es – doch die Kinder geben nicht auf
Beim nächsten „Ding Dong!“ drei Minuten darauf geht meine Frau an die Tür und nimmt das Begehr der in dicke Schneeanzüge Gepackten entgegen: Ihre Hände sind kalt. Meine Allerliebste kramt zwei Paar Skihandschuhe aus dem Schrank und überreicht sie den beiden. Ob meine Tochter schon fertig sei, so die beiläufige Frage. Ich deute dieser mit einem Blick, jetzt nicht aufzuspringen, und rufe durch die Tür: „Eine Stunde noch“, und wir rechnen weiter. Zwei Minuten lang. „Können wir den Schlitten ausborgen?“, heißt es dann. Die beiden geben nicht auf.
Als es zum vierten und fünften Mal schellt, werde ich ungehalten. Was tun? Den Türgong abschalten, ein Machtwort sprechen, die Kinder ignorieren oder nach Hause schicken, mit ihren Eltern reden? Ich gehe ans Fenster und beobachte durch die Gardinen die kleinen Belagerinnen, die ohne die erwartete Spielgefährtin so gar keine Freude finden wollen. Sie lungern am Boden, die Augen angespannt auf unseren Eingang fixiert. Sie haben ja recht, kommt es mir, die seltene Gelegenheit darf man nicht verstreichen lassen.
Die Konzentration ist längst weg. Also: Lernpause
Für einen Moment frage ich mich, ob ich mir das alles nur schönrede. Ob ich als Vater gerade nachgebe, statt konsequent zu sein. Aber die beiden da draußen suchen keine Argumente, sie warten einfach. Und meine Tochter drinnen rechnet zwar weiter, doch die Konzentration ist längst den Schneegedanken gewichen. Also: Lernpause.
Den Blick auf das nun fröhliche Umhertollen der drei gerichtet, frage ich mich, ob ich gerade etwas Wichtiges über Stärken der Kinder wie Beharrlichkeit und Hoffnung gelernt habe. Die Nachbarsmädchen jedenfalls wissen nun: Wer oft genug klingelt, dem wird irgendwann geöffnet. Eine Erkenntnis, die ich ihnen eigentlich hätte ausreden wollen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Die Mathematik wird es nicht übelnehmen, wenn man ihr kurz entkommt, wir werden uns ja nachmittags wieder zu ihr an den Tisch setzen. Der Schnee draußen wird dann schon grauer sein.





