Schwangerschaftsdepression

Wie eine Krankheit unsere Familie auf die Probe stellte

Als die Frau unseres Autors mit ihrem dritten Kind schwanger war, erkrankte sie an einer Depression. Erst nach vielen Therapien, Hilfen und Gesprächen ging es aufwärts. Hannes Pernsteiner ist dankbar, dass seine Familie diese schwere Zeit überstanden hat.

veröffentlicht am 07.09.2021

Die Geburt unserer jüngsten Tochter gehört zu den wichtigsten und freudigsten Ereignissen unserer Familiengeschichte. Dennoch sind wir heilfroh, dass die Zeit rundherum überstanden und vorbei ist. Grund dafür ist die Schwangerschaftsdepression meiner Frau, welche wir erst reichlich spät beim Namen kannten und die dann – unerwartet und bei dieser Diagnose völlig unüblich – sogar über Jahre zu unserer Begleiterin wurde. Wenn ich jetzt davon schreibe, so aus Dank darüber, dass meine Frau kürzlich die letzten Tabletten dafür absetzen konnte und sich jetzt wieder ganz gesund fühlen darf.

Einiges kam damals zusammen: Zu den normalen Schwangerschaftsbeschwerden und Übelkeiten gesellten sich in einem Sommer mit Rekordhitze und Hochwasser tägliche Panikzustände und Erschöpfung, wobei wir die vielen Arzt- und Spitalsbesuche irgendwann nicht mehr mitgezählt haben. Oft schickte mich mein Chef vorzeitig nach Hause – was ich ihm bis heute hoch anrechne – wo meine Allerliebste einfach nicht mehr mit dem Kindergeschrei und dem von Arbeit überquellenden Haushalt zurechtkam, denn alles wurde zu viel. In dieser Verzweiflung konnten wir wortwörtlich nur noch darum beten, den jeweiligen Tag irgendwie zu überstehen.

Um Hilfe bitten und Hilfe annehmen

Die Not ließ uns um Hilfe bitten und Hilfe annehmen. Die Großeltern konnten nicht einspringen, da die einen damals selbst von einer schweren Krankheit betroffen und die anderen in Mexiko außer Rufweite waren. So fanden wir Babysitter für unsere Kinder, später über die Caritas professionelle Haushaltshilfen, während Nachbarn unseren Ältesten täglich vom Kindergarten abholten und der Pfarrer die Krankenkommunion brachte. Meine Frau erlebte sich wie die schwangere Elisabeth (spanisch: Isabel), die von der Jungfrau Maria besucht wird – weshalb unsere Tochter später den Namen Isabel Maria erhielt.

Nach der trotz allem glücklichen Geburt erhielt ich zwei Karenzmonate und meine Schwägerin kam für ein halbes Jahr zu uns. Meine Frau konnte daher sogar stillen, bis sie mit medikamentöser und auch Psychotherapie begann. Ganz langsam, Schritt für Schritt, und dazwischen oft auch mit Rückschritten, besserte sich ihr Zustand und die Zuversicht kehrte zurück. War das Eingestehen der Krankheit zuvor mit Scham besetzt, so half nun das Reden darüber. Es öffnete uns die Augen dafür, wie unglaublich viele Mütter ein ähnliches Leid trifft – und mit ihnen immer jeweils auch die ganze Familie, die dies alles hautnah miterlebt, mitträgt und aus der Normalität geworfen ist.

Treue auch in schlechten Tagen

Welche Schäden unsere Kinder von dieser dunklen Zeit wohl davontragen? Solche Grübeleien verwarfen wir irgendwann und sahen lieber das Positive, die natürlich veranlagte Widerstandskraft. Isabel Maria hatte ihre Antidepressiva längst gefunden: Den Daumen, den sie schon im Ultraschallbild und dann noch lange als Kleinkind lutschte, vor allem aber die intensive Zuwendung ihrer Mama. Sie wuchs heran zu einem äußerst lebhaften, fröhlichen Kind. Hingegen waren ihre beiden älteren Geschwister schon zuvor ruhige Charaktere, die im künstlerischen Ausdruck und beim Sport Ausgleich fanden.

Und wie prägte die Depression uns Eltern? Sie war eine Feuerprobe für unser Eheversprechen zur Treue auch in schlechten Tagen. Sie war unfreiwilliges Training zu mehr Aufmerksamkeit und Rücksicht füreinander, Befreiung von schlechten Gewohnheiten – vom Perfektionismus bis hin zu falschen Prioritäten und zu knapper Zeiteinteilung – und Stärkung des Vertrauens. Dass dies so und nicht ganz anders verlief, dafür können wir dem Himmel nur danken. „Wie es scheint, offenbart Gott seine Zärtlichkeit am allerliebsten dort, wo der Mensch mit seiner Kraft und Weisheit ganz am Ende ist und sich nur noch auf Ihn verlässt“, fand ich in meinem Tagebuch aus den schwersten Tagen.


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