Tradition im Wandel

Erstkommunion: Warum kleine Feiern große Tiefe haben können

Aufgeregte Gruppen, Lieder, Geschenke: Die Erstkommunion ist oft eher laut und bunt. Unsere Autorin Barbara Humer hat schon viele Kommunionkinder begleitet und erzählt, welche besondere Wirkung eine leisere, persönlichere Art der Feier haben kann.

veröffentlicht am 02.02.2026

  • Barbara Humer

Um die Gegenwart zu verstehen, braucht es manchmal einen Blick zurück. Wenn ich an meine eigene Erstkommunion denke, erinnere ich mich an drei Dinge, die für mein achtjähriges Ich von Bedeutung waren. Meine Erstbeichte war trotz der Sorgen und Ängste, die ich davor hatte, einer der bewegendsten und schönsten Momente meines Lebens. Ich fühlte mich verstanden, geliebt und ganz mit Gott im Reinen – dank eines bemerkenswerten Seelsorgers, der mich bis heute begleitet. Außerdem erinnere ich mich an unglaublich guten Milcheis während der Vorbereitungszeit und an den Gugelhupf nach der Feier.

Alles andere ist verschwommen. An die Messe selbst habe ich keine konkrete Erinnerung, auch nicht an den Moment der ersten Kommunion. Und doch weiß ich noch genau, wie wichtig es für mich war, Jesus zum ersten Mal in dieser besonderen Gestalt des Brotes zu begegnen. Diese Erfahrung war für mich verändernd und prägend, auch wenn sie sich nicht in einzelnen Bildern festhalten lässt.

Für die meisten Menschen ist die eigene Erstkommunion ein abgeschlossenes Kapitel. Sie liegt hinter uns und wird erst dann wieder relevant, wenn wir selbst Kinder haben. Bei mir war das anders. Schon kurz nach meiner Firmung beschäftigte ich mich erneut intensiv mit dem Thema, denn mit fünfzehn Jahren durfte ich erstmals Kinder auf ihrem Weg zur Erstkommunion begleiten. 

Ich war begeistert – und gemeinsam mit meinem Seelsorger begannen wir, die Vorbereitung vorsichtig zu verändern. Schritt für Schritt wurden Bastelrunden zu Weggottesdiensten, die Vorbereitung gemeinschaftlicher und spiritueller. Lange Zeit war diese Form für mich stimmig.

Trubel statt Stille und Bedeutung

Doch wir Menschen entwickeln uns weiter. Es kam eine Phase, in der ich mich aus der Erstkommunionarbeit zurückzog, ausgelastet von Beruf und Familie. Jahre später stand ich dann als Mutter neben meinem eigenen Sohn, der sich auf seine Erstkommunion vorbereitete – und ich begann mich zu wundern. Die Kirche war voller als früher, alles war bunt, aufwendig und laut. Die Kinder bastelten viel, die Programme waren dicht und gut gemeint. Und doch fehlte mir etwas Entscheidendes: der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zu Jesus im Brot.

Es wurde vom Weinstock gesprochen, aber oft nur als Bild. Jedes Kind gestaltete eine Traube mit seinem Foto, doch kaum jemand wusste, warum. Der Regenbogen stand für Freude und Farben, aber nicht für den immer wieder erneuerten Bund Gottes mit den Menschen. Es war viel – und zugleich zu wenig. Die Kinder waren nervös, alle mussten etwas vorlesen, die Musik war laut. Mir fehlten Tiefe, Stille und Bedeutung.

2019, mit der Vorbereitung meines zweiten Sohnes, fand ich meinen Weg zurück zur Erstkommunionarbeit. Ein Priesterwechsel brachte neue Möglichkeiten, und ich konnte mich wieder aktiv einbringen. Gemeinsam mit unserem Pfarrer und engagierten Eltern entwickelten wir ein Konzept aus Weggottesdiensten, Begegnung und gemeinschaftlichem Erleben. Die Kinder erfuhren Glauben mit allen Sinnen: Wir backten Brot, spielten Bibelgeschichten nach, feierten Gottesdienste mit und für die Gemeinde. Die einzelnen Stationen dieses Weges wurden sichtbar gemacht und als Plakat in der Kirche gezeigt. Wir wuchsen zusammen – als Gruppe, als Gemeinde, als Glaubensgemeinschaft.

Erstkommunion im kleinen Kreis

Dann kam der Stillstand. Corona. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr möglich. Treffen waren verboten, Gemeinschaft nicht erlaubt. Doch wir gaben nicht auf. Mit Videonachrichten, Handpuppengeschichten auf YouTube und gemeinsamen Online-Messen versuchten wir, den Weg weiterzugehen. Schließlich kam die ernüchternde Nachricht: Auch die Feier der Erstkommunion kann nicht in Gemeinschaft stattfinden.

Ich werde das Telefonat mit unserem Pfarrer nie vergessen. Seine Ankündigung lautete: Einzelerstkommunionen. Ein Kind, die engste Familie und er – Priester, Seelsorger, Menschenfischer. Ich war schockiert. Das konnte doch kein Fest sein. Wo blieb die Gemeinschaft? Nach einer kurzen Stille stellte er mir eine einfache Frage: „Ist es nicht die Gemeinschaft mit Jesus, die zählt?“

Diese Frage veränderte meinen Blick auf die Erstkommunion grundlegend. Heute, im sechsten Jahr, feiern wir in unserer Pfarre Erstkommunion in sehr kleinen Gruppen – zwischen einem und sechs Kindern. Es sind individuelle Feste der Gemeinschaft mit Jesus. Die Familien sind intensiv in die Gestaltung eingebunden, die Termine werden ähnlich wie Tauftermine vereinbart. Die Kinder sind nicht nervös, sondern voller Vorfreude. Und von Jahr zu Jahr hören wir von Eltern, wie berührend und intensiv diese Form der Feier ist.

Den Moment wieder bewusst erleben

Das Fest der Erstkommunion im Familienverband schenkt Kindern etwas, das in unserer lauten, schnellen Welt selten geworden ist: Zeit. Zeit, um den Moment bewusst zu erleben. Zeit, um Jesus zu begegnen. Zeit, um eine innere Veränderung zuzulassen, die Kraft, Hoffnung und Vertrauen schenken kann.

Familien sind – oft ohne es ausdrücklich zu benennen – spirituelle Räume. Hier lernen Kinder Vertrauen, Beziehung, Verlässlichkeit und Liebe. Genau hier kann auch Glaube wachsen: nicht als Pflicht oder Programm, sondern als gelebte Erfahrung. Wenn Eltern sich Zeit nehmen, mit ihrem Kind über Gott zu sprechen, Fragen zuzulassen und auch auszuhalten, nicht auf alles sofort eine Antwort zu haben, entsteht ein offener Raum, in dem Spiritualität ihren Platz findet.

Rituale können dabei zu einer Brücke zwischen Alltag und Glauben werden. Sie geben Halt, Struktur und Bedeutung – gerade Kindern. Ein gemeinsam formuliertes Familiengebet, das regelmäßig gebetet wird, hilft, Worte für Dank, Bitte und Vertrauen zu finden. Eine von der Kernfamilie gestaltete Kerze, die während der Erstkommunionfeier entzündet wird und später bei besonderen Momenten im Familienleben wieder brennt, macht sichtbar: Gott gehört zu unserem Alltag. Auch ein bewusst gestaltetes Tischgebet am Tag der Erstkommunion, das vom Kind selbst mitformuliert wird, verbindet Liturgie und Familienfeier auf natürliche Weise.

Rituale, die Gott präsent halten

Besonders berührend ist es, wenn auch die Gäste in die spirituelle Dimension des Festes einbezogen werden. Ein kleines Gästebuch, in das jede und jeder einen Segenswunsch, ein Gebet oder einen persönlichen Gedanken für das Erstkommunionkind schreibt, wird oft zu einem bleibenden Schatz. Es zeigt dem Kind: Viele Menschen tragen mich, begleiten mich und wünschen mir Gutes – heute und auf meinem weiteren Lebensweg.

Auch über den Tag der Erstkommunion hinaus können kleine Rituale helfen, die Beziehung zu Jesus lebendig zu halten. Selbstgebastelte Gebetswürfel, kurze Bibelgeschichten zum Vorlesen oder Nachspielen, Segenszeichen vor dem Schlafengehen oder ein gemeinsames Innehalten am Sonntag zeigen: Gott ist nicht nur im Kirchenraum präsent, sondern mitten im Leben. Gerade in einer Welt, die schnell, laut und oft widersprüchlich ist, brauchen Kinder solche Anker.

Erstkommunion ist ein Fest der Gemeinschaft. Wenn es gelingt, diesen Tag bewusst, persönlich und mit Raum für Stille, Begegnung und Sinn zu feiern, wird Erstkommunion zu mehr als einem schönen Fest. Dann wird sie zu einer tragenden Basis im Glaubensleben eines Kindes – und oft auch im Glauben der ganzen Familie.

Barbara Humer - Brünette Frau mit hellblauem Hemd und grüner Brille

Barbara Humer ist Lehrerin und Mutter von vier Söhnen. Sie lebt mit ihrer Familie südlich von Wien. Schon als Jugendliche begleitete sie Kinder auf dem Weg zur Erstkommunion. Seit 2019 gestaltet sie die Vorbereitung der Kommunionkinder ihrer Gemeinde wieder aktiv mit.


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