Meinung

Für eine Kirche ohne Angst

Das Image der Kirche hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. Doch Angst um die Zukunft sei jetzt eine schlechte Beraterin, schreibt der Chefredakteur des Don Bosco Magazins. Er setzt auf eine Gemeinschaft von "geistbegabten Einzelnen".

veröffentlicht am 30.03.2022

Angst hat jede und jeder. In schwierigen oder bedrohlichen Situationen bewirkt Angst Verunsicherung und Zweifel: Kann ein anstehendes Problem bewältigt werden? Sie ist somit eine Schutz- und Überlebenskraft, die hilft einzuschätzen, ob man sich einer Herausforderung stellen will, um sie zu lösen, oder ob man sich der „brenzligen“ Situation lieber entziehen soll.

Betrachtet man „die Kirche“ in unseren Tagen, so sieht man medial vermittelt nur einige Erscheinungsbilder von ihr. Sie wird zunehmend als ein System definiert, das in vielen Problembereichen versagt hat. Missbrauch, Umgang mit Frauen, Fragen der Sexualität, Macht und Finanzen – all diese Themen finden sich auch in anderen Systemen wieder. Diese Themen sind aber in Bezug auf die Kirche insofern besonders relevant, als dass diese einen anderen Anspruch an sich selbst erhebt und ihn öffentlich vertritt. Durchgehender Tenor ist, die Kirche hat versagt! Beweise dafür kommen Tag für Tag ans Licht und bestätigen die Meinung. Versuche innerkirchlich, die Problemfelder anzugehen, werden von außen wie innen zunehmend skeptisch beäugt oder als unglaubwürdig bewertet.

Angesichts dieser Situation bricht sich die Angst bei Verantwortlichen in den Diözesen und Ordensgemeinschaften, in den Verbänden und in den Gemeinden ihre Bahn. Wie kann es eine Zukunft geben für unsere Kirche? Angst ist bei dieser Frage aber eine schlechte Beraterin. Denn oft hat man den Eindruck, dass viele Verantwortliche sich eher wegducken oder sich in spirituelle Überlegungen flüchten, anstatt sich den Herausforderungen zu stellen. Dennoch ist zu verzeichnen, dass sich die Stimmen der Verantwortlichen mehren und zunehmend lauter erheben, die – oft angetrieben durch Druck von außen – Studien in Auftrag geben, sich einem Dialog stellen, anfangen, das Leid der Betroffenen zu sehen und dieses in den Vordergrund stellen. Das ist kein Befreiungsschlag, sondern ein erster Schritt, um Schuld anzuerkennen und Not zu lindern.

Muss man Angst um die Zukunft der Kirche haben?

Blickt man auf die Anfänge der Kirche zurück, dann trifft man auch dort auf Angst. Die kleine Gruppe derer, die Jesus nachgefolgt waren, versammelt sich zunächst in verschlossenen Räumen. Ihren Mitgliedern fehlen die Kraft und die Motivation, um das Erlebte im eigenen Leben umzusetzen. Mit dem Pfingstfest verändert sich dies schlagartig: Die Geistausgießung befähigt die Menschen, zusammen als Gemeinschaft die Türen zu öffnen, zu den Menschen zu gehen und ihnen die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. So wie Jesus durch das Herabkommen des Geistes in der Taufe am Jordan mit seiner messianischen Sendung beginnt, so ist für jeden Christen die Mitteilung des Geistes in der Taufe die „Ausstattung“ für sein Handeln und Leben. Das Geschenk der Taufe bedeutet, Anteil zu haben an Jesus Christus, der Priester, König und Prophet ist.

Damit sind drei Wirkweisen angesprochen, die jeder und jedem Getauften geschenkt sind und die sich unterschiedlich im Leben entfalten können: In der Verkündigung der befreienden Botschaft Gottes, der Feier der gemeinschaftsstiftenden Eucharistie, dem bewussten Einsatz für andere in Not, dem Aufdecken von zerstörerischen Kräften in der Schöpfung und in vielem mehr – das ist das Programm des Reiches Gottes, das Jesus verkündet und das jede und jeder Getaufte leben kann. Damit rückt die einzelne Person in den Vordergrund, die mit ihrer geisterfüllten Persönlichkeit und ihren Begabungen und Lebenserfahrungen bedeutsam ist.

Gerade in Zeiten, in denen die Volkskirche sich stetig verabschiedet, gilt es, nicht mehr rückwärtsgewandt auf Tradition und Macht zu pochen, sondern sich der Kraft der geistbegabten Personen zuzuwenden. Der bedeutsame Theologe Karl Rahner hat bereits vor 60 Jahren die Frage gestellt, ob sich die „Kirche um ihres eigenen Wesens als Gemeinschaft dieser pneumatischen Einzelnen bewußt werden müsse und in ihrem konkreten Leben dieses Wesen immer mehr auszuprägen habe“*. Kirche vereinigt die Kinder desselben Gottes und Vaters (Eph 4,6) zu einem einzigen Volk (Gal 3,28) und beseitigt die Spaltungen unter den Menschen. So und ähnlich kann man es in vielen kirchenamtlichen Texten lesen; das Problem ist nur, dass die Umsetzung so schwer zu sein scheint.

Der synodale Weg ermöglicht einen Dialog auf Augenhöhe

Aber kann es denn einen anderen Weg geben? Muss nicht Veränderung immer beim Einzelnen beginnen, um dann in der Gemeinschaft fortgesetzt zu werden? Und kann in einem solchen Prozess nicht einfach all jenen Menschen und ihrem Tun Vertrauen entgegengebracht werden, die gemeinschaftlich nach neuen Formen und Perspektiven für die Erfahrbarkeit des Reiches Gottes Ausschau halten?

Der synodale Weg ist ein deutlicher Ausdruck dafür, dass Problemsituationen nicht länger auf den Etagen einer etablierten Kirchenstruktur verwaltet werden, sondern geistbegabte Einzelne gemeinsam nach Lösungen suchen. Muss eine solche Suche Angst machen, dass dadurch die Kirche verkürzt oder eindimensional verkündet wird? Nein, ganz sicher nicht! Es gilt einmal mehr, nicht von oben herab zu agieren, sondern sich auf Augenhöhe zu begegnen, einander ernst zu nehmen und im kreativen Dialog die Fragen der Zeit zu überdenken. Ausgangspunkt muss dabei die Situation des Einzelnen sein, wie es sich in der Grundhaltung Jesu ausdrückt. Er fragt den blinden Bartimäus „Was soll ich dir tun?“ und stellt damit das individuelle Geschick in den Vordergrund.

Eine Kirche, die sich als Gemeinschaft von „pneumatischen Einzelnen“ versteht, die von den Grundbedarfen und Nöten der Menschen ausgeht, die nicht ausgrenzt, sondern zusammenführt – um die muss man sich keine Sorge machen oder Angst zu haben. Eine Kirche aus der Kraft des Geistes, die sich in den Charismen der Einzelnen widerspiegelt, steht bei den Menschen und versammelt sich um ihre lebendige Mitte, Jesus Christus. Und das hat Konsequenzen in verschiedener Hinsicht: Eine Kirche aus dem Geist kann nicht einzelne Geistbegabte ausgrenzen. Sie muss ihre Organisationsform überdenken und Macht kontrollieren. Arme, Kranke, Schwache brauchen ihren festen Platz in der Gemeinschaft. Menschen dürfen nicht wegen ihrer sexuellen Ausrichtung diskriminiert werden, sondern sind vollumfänglich Schwestern und Brüder. Der Weg zu wichtigen Positionen muss breiter angelegt werden. Und auch die Frage des Zugangs zu Weiheämtern muss angegangen werden. Und das alles ohne Angst, sondern in der Zuversicht, die Christus gibt: Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,20).

*Aus: Karl Rahner: Sendung und Gnade. Beiträge zur Pastoraltheologie, Innsbruck-Wien, 5. erweiterte Auflage, 1988


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