Seelsorge im Krankenhaus

Gesundheit ist nicht Abwesenheit von Krankheit

Wie kann Spiritualität heilen helfen? Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen und Pfarrer Traugott Roser, Experte für Spiritual Care und für Seelsorge in der Palliativmedizin.
  • Christine Wendel

veröffentlicht am 01.09.2018

Was ist Spiritual Care und was unterscheidet sie von „normaler“ Krankenhausseelsorge?
Spiritual Care ist die Organisation gemeinsamer Sorge für die spirituellen und religiösen Bedürfnisse von kranken Menschen und ihren An- und Zugehörigen. Gemeinsame Sorge heißt, dass die Betreuung, Versorgung und Begleitung von Patienten und Patientinnen sowohl körperliche und psychische Aspekte umfasst wie auch Aspekte, die zum Bereich Glauben, Werteinstellungen und Sinnfragen gehören. Das tut Seelsorge seit jeher, sowohl professionelle Krankenhausseelsorge als auch ehrenamtliche.  Spiritual Care nimmt ernst, dass auch ­Gesundheitspersonal auf die spirituellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten achtet – und sich dabei mit den professionellen Seelsorgerinnen und Seelsorgern bespricht.

Inwieweit trägt Spiritualität zur Heilung und Stärkung bei?
Heilung ist ein vieldeutiger Begriff, wie auch der Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation. Dort heißt es nämlich, Gesundheit bedeutet nicht „Abwesenheit von Krankheit“, sondern ein umfassendes Wohlbefinden – auch bei diagnostizierter Krankheit. Heilung kann ja auch Erfahrung von Heil-Sein meinen – Jesus hat vor der physischen Heilung eines Gelähmten die Vergebung der Sünden ausgesprochen. Heil und Heilung sind eng miteinander verbunden. Spiritualität ist darum ein wichtiger Faktor für die Empfindung von Wohlbefinden und Gesundheit. Das kann physische und psychische Heilung mit umfassen. Aber es kann auch bedeuten, dass Glaube hilft, um mit einer ­unheilbaren Krankheit umgehen zu können.

Warum ist es wichtig, dass sich Seelsorger UND Mediziner mit dem Thema befassen?
Weil es um konkrete Menschen geht. Wir sprechen von „Patientenzentrierung“: Vom Patienten oder einer Patientin aus gedacht muss die Versorgung koordiniert sein. Menschen mit schweren Erkrankungen haben häufig auch begrenzte Kraftreserven – da ist es wichtig, dass die Begleiter nicht untereinander konkurrieren, sondern mit dem Patienten gemeinsame Sache machen, ein Team bilden, in dem er oder sie im Mittelpunkt steht. Die SeelsorgerInnen achten dabei auf andere Aspekte von Krankheit und Gesundheit als die Mediziner – aber es geht immer um einen Menschen als ganze Person.

Welche Voraussetzung muss man als Patient mitbringen, dass Spiritual Care einem helfen kann?
Keine. Außer vielleicht der Bereitschaft, sich auf ein Angebot einzulassen und eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Aber das ist für viele Menschen, vor allem wenn sie seit Jahren an einer chronischen Krankheit leiden, schon schwer. In keinem Fall muss ein Patient, der Spiritual Care in Anspruch nimmt, „gläubig“ oder Kirchenmitglied sein. Seelsorge ist ein voraussetzungsloses Angebot.

Was ist der Unterschied bei der Begleitung älterer Patienten und bei jüngeren bis hin zu Kindern und Jugendlichen?
Das ist schwierig zu beantworten. Auch Kinder haben ihre eigene Spiritualität, egal, in welchem Alter. Die Erfahrung von Vertrauen, Geborgenheit, Trost – wie auch Verzweiflung und Isolation sind in jedem Alter vorhanden. Wichtig ist mir das Wort Jesu geworden, der ein Kind in die Mitte stellt und den Erwachsenen sagt: „Ihr müsst so werden wie ein Kind. Es ist dem Himmelreich näher.“ Das heißt ja nicht, dass man naiv werden und die kritische Vernunft hinter sich lassen soll. Es heißt für mich, dass Spiritualität in allen Lebensphasen da ist. In unserer Gesellschaft müssen wir das auch für die späteren Lebensphasen wieder entdecken. Die Spiritualität alter Menschen ist beispielsweise viel komplexer als manches Klischee im Kopf, das die Frömmigkeit eines „alten Mütterchens in der Kirchenbank“ bagatellisiert. Bei vielen Alten, die ein Leben lang kirchenaffin waren, kommt es – angesichts von Lebenserfahrungen – zu Einbrüchen im Glauben. Manche dagegen finden wieder Trost in Vorstellungen und Frömmigkeitsformen ihrer Kindheit. Spiritualität ist individuell – und ändert sich im Laufe eines Lebens. Deshalb muss die Begleitung auf jeden Menschen individuell eingehen können.

Was empfehlen Sie Krankenhäusern und Seelsorgern, die Spiritual Care noch nicht anwenden, für ihre Arbeit allgemein?
Vor allem Gespräche auf allen Ebenen, von der Ausbildung von Pflegekräften und Betreuungspersonal bis in die Geschäftsleitung von Verwaltung, Medizin und Pflege. Absprachen, wie die Einigung auf ein gemeinsam getragenes Verständnis von Spiritualität und ein Konzept koordinierter spiritueller Versorgung. Vereinbarungen über Erreichbarkeit und Präsenz von Seelsorge. Und ein Verständnis dafür, dass es Patientinnen und Patienten nachgewiesenermaßen besser geht – sie auch zufriedener sind –, wenn sie auch in spiritueller Hinsicht begleitet und „versorgt“ sind. Weil sie sich dann nicht nur als Patient fühlen, sondern als Mensch, der versucht, mit einer Krankheit zurechtzukommen.

Traugott Roser Spritual Care Seelsorge

Traugott Roser (53) ist evangelischer Theologe und Pfarrer. Seit 2013 ist er Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Er leitete zusammen mit einem Kollegen das Projekt „Seelsorge in der Palliativmedizin“ am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München und war von 2010 bis 2013 Professor  der damals neugeschaffenen Disziplin Spiritual Care an der Ludwig-Maximilians-Universität München.


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