Kirchliche Jugendarbeit

Bischof Oster: „Wir brauchen gut gemachte Angebote“

Die Kirche tut sich schwer damit, junge Menschen für den Glauben zu begeistern. Woran liegt das und wie lässt es sich ändern? Antworten von Bischof Stefan Oster.

veröffentlicht am 01.05.2017

Bischof Oster, wie haben Sie eigentlich selbst zum Glauben gefunden und was hat Sie dazu bewegt, Ordensmann und Priester zu werden?
Ich habe immer die ganz großen Fragen gestellt – nach Liebe, Freiheit, Wahrheit – und ich bin in der kirchlichen Jugendarbeit groß geworden. Aber mit 18 Jahren gab es den großen Bruch, weil ich nicht das Gefühl hatte, in der Kirche Antworten auf meine Fragen zu finden. Ich bin dann als Sinnsucher auf große Reisen gegangen, war in Indien und Nepal, habe mich für Buddhismus interessiert. Dann habe ich Philosophie studiert, und da war sicher mein Lehrer Ferdinand Ulrich (Anmerkung d. Red.: ein christlicher Philosoph) entscheidend: Er hat nie ausdrücklich über seinen Glauben geredet, aber wir haben immer gespürt, der ist Christ und er verbindet fundamentale Lebensfragen immer mit dem Glauben. Dadurch habe ich das, was ich so lange gesucht habe, in der Gestalt Jesu Christi neu gefunden. Und dann ist mir Don Bosco gewissermaßen über den Weg geschickt worden. Ich habe mich ihm herzensverwandt gefühlt, weil ich immer schon das Anliegen hatte, jungen Menschen ins Leben zu helfen. Also bin ich Salesianer geworden.

Das Ganze geschah in einer Zeit des gesellschaftlich-kirchlichen Umbruchs. Wir haben Mitte der 1970er-Jahre die Würzburger Synode gehabt als eine Antwort darauf. Sehen Sie sich als Jugendbischof noch im Geist dieser Synode?
Die Würzburger Synode war auch eine versuchte Aktualisierung des Zweiten Vatikanischen Konzils für Deutschland, und die großen Texte des Konzils sind immer noch tief aktuell. Insofern fühle ich mich natürlich dem Geist der Synode verpflichtet. Sie war aus meiner Sicht auch eine wunderbare Antwort auf die damalige Situation der Kirche in Deutschland.
Aber ich glaube, wenn wir heute so eine Synode machen würden, dann würden wir zum Beispiel viel weniger die Gläubigkeit der Menschen in der Kirche voraussetzen. In den 1970er- und 1980er-Jahren ist man zumindest in Bayern davon ausgegangen, dass Menschen gläubig sozialisiert werden über Familie, Kindergärten, Schulen. Heute merken wir, dass dieser für selbstverständlich gehaltene Weg in den Glauben nicht mehr allzu gut funktioniert, und wir aber auch noch nicht viele oder allzu gute Antworten haben auf die Frage, wie wir heute Menschen helfen können, jenseits von volkskirchlich geprägten Wegen in den Glauben zu finden.

Eine veränderte Situation bedeutet oft auch, dass sich Strukturen ändern müssen. Wir haben gewachsene Strukturen in der kirchlichen Jugendarbeit mit dem BDKJ und den bischöflichen Jugendämtern. Sind diese Strukturen noch hilfreich?
Die Verbände sind immer noch sehr wichtige Akteure in der kirchlichen Jugendarbeit, aber auch nicht die einzigen. Die Salesianer, die Orden überhaupt sind andere Akteure auf dem Gebiet. Und dann gibt es noch die geistlichen Gemeinschaften, die offene Jugendarbeit, die Ministranten, die Jugendchöre, die Arbeit in den kirchlichen Schulen und Kindergärten, die Jugendsozialarbeit und anderes mehr. Das alles sind Felder kirchlicher Jugendarbeit, die oft auch gut  aufgestellt sind.

Was zeichnet kirchliche Jugendarbeit aus?
Das ist eine ganz schwierige Frage, weil das Spektrum kirchlicher Jugendarbeit natürlich sehr weit ist und weit sein muss. Aber ich würde sagen: Wenn der Kern des Ganzen verloren geht, der Glaube an Jesus Christus, dann geht auch das Thema Kirchlichkeit verloren. Wir müssen uns die Frage stellen: Können wir in so etwas wie die personale Begegnung mit dem Herrn hineinhelfen? In eine Beziehung, die Qualität hat, mein Leben zu verändern? Diese Ursprungserfahrung, dass das Entscheidende an Kirche die Begegnung mit Christus ist und alles andere daraus fließt, die darf nicht verloren gehen.

Aber wenn wir vielleicht manchen unserer Jugendverbände bisweilen unterstellen, dass sie eher politisch sind und vielleicht nicht mehr so gläubig, dann muss man auch sehen, dass sie gerade mit ihrem politischen Engagement auch stark demokratiebildend für junge Menschen wirken: In ihren Versammlungen und Treffen entwickeln sie eine hohe Debatten- und Beteiligungskultur. Das halte ich gerade heute, in diesen unruhigen Zeiten, für einen hohen Wert.

Früher war die Gemeinde der Ort, wo Kinder und Jugendliche zusammenkamen und in Gruppenstunden regelmäßig auch Glaubensthemen angesprochen wurden. Was sind heute die Orte kirchlicher Jugendarbeit?
Neue Orte kirchlicher Jugendarbeit sind zum Beispiel dort, wo ausdrücklich und herausfordernd Evangelium verkündet wird. Denn die Frage ist für mich, ob wir das überhaupt noch tun, oder ob wir nicht eine Art Humanismus der Nettigkeit verkünden und das mit Christentum verwechseln. Spüren unsere Jugendlichen noch, dass es im Glauben wirklich um etwas geht, dass es um ihr Leben geht?

Außerdem brauchen wir Räume geistlicher Erfahrung, wir müssen Formen des Miteinander-Betens und des Miteinander-Sprechens über die Inhalte des Glaubens finden, die für Jugendliche heute adäquat sind.

Ein ganz wichtiger Punkt ist für mich dabei das Thema Willkommenskultur. In Amerika oder auch an anderen Orten bei uns, wo Kirche wächst, heißt es „belonging before believing“ – also: Es ist erst mal schön, dass du da bist. Und du darfst dich bei uns wohlfühlen. Und dann kann man vielleicht weitergehen ins Heiligtum. Bei uns ist es in älteren Strukturen manchmal ein wenig so: Erst musst du dich ordentlich aufführen, dann gehörst du vielleicht auch dazu. Ich glaube, wir müssen das Ding umdrehen, weit aufmachen, auch hinausgehen und sagen: Kommt alle zu uns, wir haben hier die Räume, wo ihr leben könnt mit uns, und dann führen wir euch weiter ins Herz des Glaubens. Aber dieses soll dann auch passieren – oder man soll spüren, dass die Protagonisten einer Willkommenskultur gerade daraus leben.

Das ist ein Plädoyer dafür, erst mal den Jugendlichen einzuladen­ – auch mit seinen Reizthemen?
Natürlich müssen wir die klassischen kirchlichen Reizfragen diskutieren. Aber ich glaube, wir müssen den Jugendlichen auch helfen, erst einmal in Glaube und Kirche hineinzukommen und zu lernen, dass von innen her die Reizthemen noch mal völlig anders aussehen, als wenn sie immer nur von außen, vor allem medial, gespiegelt werden: „Die Katholiken missachten Frauen, gehen schlecht mit Homosexuellen um, quälen Priester ins Zölibat rein und so weiter.“ Das Entscheidende ist die Relevanz des Glaubens: Du musst den Herrn kennenlernen, weil er der letzte und tiefste Sinn deines Lebens ist – und von dort stellen sich solche Fragen noch einmal anders!

Dann dürfte eine Mehr-Konferenz, wie sie Anfang des Jahres in Augsburg stattgefunden hat, genau die richtige Antwort sein, oder? Immerhin hatte sie großen Zulauf …
Der Erfolg der Mehr-Konferenz hängt, glaube ich, mit den beiden Dingen zusammen, die ich schon erwähnt habe: einerseits herausfordernde Verkündigung und andererseits ein Raum, der spirituelle Erfahrung bietet.

Wo geht ein junger Mensch hin, der lernen will, was die Katholiken glauben? Wenn ich ihn einfach in die Messe schicke, versteht er ja noch gar nichts. Wir brauchen gut gemachte katechetische Angebote. Die Leute vom Gebetshaus in Augsburg versuchen so etwas und es wirkt offenbar anziehend. Aber es gibt noch mehr solcher Bewegungen: unter anderem Adoray in der Schweiz, die Prayerfestivals bei uns oder die Loretto Gemeinschaft in Österreich. Ich bin zu deren Pfingsttreffen in den Salzburger Dom eingeladen. Da kommen ein paar Tausend Jugendliche hin, wollen Gott anbeten, Lobpreis singen und auch wieder beichten. Das schaut äußerlich alles ein bisschen anders aus als früher, aber das verkündete Evangelium ist dasselbe.

Es schmeichelt sicher einem Bischof, wenn er zu Veranstaltungen kommen darf, wo relativ brave, Gott suchende Jugendliche sind. Die Sinus-Studie hat aber ergeben, dass die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland sich längst von der Kirche abgewandt hat.
Das Problem ist ja, dass wir eine Mehrheit von jungen Menschen schon ganz lange nicht mehr erreichen – aus vielerlei Gründen, auch aus Gründen unserer eigenen Glaubwürdigkeit. Daher glaube ich, wir können immer wieder neu nur klein anfangen. Auch die eben genannten Bewegungen sind langsam gewachsen. Ich selber lade 14-täglich am Sonntag junge Menschen zwischen 15 und 35 Jahren zu „Believe and Pray“ ein. Ein intensives Angebot von Lobpreis, Schweigen und Glaubensimpuls mit Gespräch, also nicht gerade niederschwellig, aber mittlerweile kommen da sehr regelmäßig 40 bis 70 junge Menschen zwischen 15 und 35 Jahren. Und ich merke, dass da und dort leise etwas wächst, und das ist sehr schön.

Im Jahr 2018 steht eine Bischofssynode an, die sich dem Thema Jugend widmet. Was soll so eine ­Synode bringen und ändert sich dadurch etwas an der Situation hier?
Was ein gutes Ergebnis werden könnte, wäre eine Art breite Bewusstseinsbildung bei Menschen in der Kirche überhaupt und natürlich bei denen, die im engeren oder weiteren Sinn mit Jugendarbeit zu tun haben. Vielleicht werden wir auch die eine oder andere Antwort schriftlich dokumentiert finden zu den Fragen, was Jugendliche heute wirklich suchen oder brauchen, wie wir ihnen helfen können, in den Glauben zu finden. Und die Jugendlichen können hoffentlich auch selbst ihre Themen einbringen und sagen, was sie eigentlich von Kirche erwarten.    

Bischof Oster im Video: Schnellfragerunde über die Herausforderungen kirchlicher Jugendarbeit

Bischof Stefan Oster im Interview zu Jugend und Glaube

 Bischof Stefan Oster steht der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz vor. Er ist seit 21 Jahren Salesianer Don Boscos und seit 2014 Bischof der Diözese Passau.


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