Jugend und Religion

Was glauben Jugendliche?

Pluralisierung und Individualisierung machen auch vor der Religion nicht Halt. Welche Auswirkungen das hat und wie Jugendliche zu Glauben und Kirche stehen.

veröffentlicht am 01.05.2017

"Wieso hat deine Taube ein Stück Pizza im Mund?“ Das Gekicher ist groß. Etwa 25 Jugendliche sitzen im Kreis, in der Mitte steht eine Gruppe von fünf Jungen und Mädchen, die ihr Bild präsentieren. Ihre Aufgabe war es, den Heiligen Geist zu zeichnen. Die Antwort kommt prompt und ohne lange Umschweife: „Das ist doch ganz klar. Pizza bringt Freude – das passt zum Heiligen Geist.“

Ein Wochenende lang sind die Firmlinge des Münchner Pfarrverbands Haidhausen in das Aktionszentrum Benediktbeuern gefahren, um Glaubensthemen zu besprechen und Gemeinschaft zu erfahren. „Wir möchten, dass die Jugendlichen auch einmal Masse erleben“, erklärt Pastoralassistentin Elisabeth Maier. „In der Kirche, im Gottesdienst kommt es eher selten vor, dass ein Jugendlicher irgendwo noch einen zweiten sieht.“ Ein Befund, der auch durch die SINUS-Jugendstudie 2016 gestützt wird. Die befragten Jugendlichen geben zwar an, dass Sinnfragen und der Glaube für sie interessant seien, sie diese aber meist nicht in der Kirche oder einer Glaubensgemeinschaft verorten.

Die Jugendlichen stellen sich laut Studie ihren persönlichen Glauben aus mehreren Quellen wie einen bunten Flickenteppich selbst zusammen. Die Konfessionszugehörigkeit spielt dabei keine ausgeprägte Rolle – auch nicht der regelmäßige Gottesdienstbesuch, das Gebet hingegen schon eher. Ein 15-Jähriger aus der SINUS-Jugendstudie beschreibt folgendermaßen, wie er betet: „Wenn jetzt irgendwie so was passiert, was jetzt nicht so toll ist, denke ich an Gott so. Wenn irgendwie was Tolles passiert ist, danke ich Gott, oder so.“ Und ein 16-Jähriger formuliert es kurz und knapp: „Ich fühle mich danach befreiter.“

Positive Erfahrungen ermöglichen

Vor allem in Krisensituationen und an existenziellen Wendepunkten des Lebens wird die Kirche von Jugendlichen als Hilfe und Ratgeber wahrgenommen. Das merkt auch Elisabeth Maier: „Wir hatten das erst hier in der Pfarrei, dass ein Jugendlicher verunglückt ist. Dann stellt sich plötzlich sehr vehement die Frage nach Gott, auch wenn sie vorher nicht so präsent war.“ Und selbst Jugendliche, die keinen engen Bezug zu Religion und Kirche haben, erkennen die Bedeutung von Glaubensgemeinschaften an, insofern sie sich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetzen und Menschen miteinander verbinden.

Dieses Zugehörigkeitsgefühl entscheidet bei Jugendlichen, ob sie nur aus Rücksicht auf die Familie an Ostern und Weihnachten mit in den Gottesdienst gehen – um des lieben Friedens willen, oder ob sie sich aktiv in der Kirche engagieren. Der Pfarrverband Haidhausen hat das erkannt und bindet Jugendliche, die selbst schon ihre Firmung hatten, bewusst als Firmbegleiter für die neuen Firmlinge mit ein. Wie zum Beispiel den 18-jährigen Patrick: „Bei meiner Firmung ist eine ganz neue Gemeinschaft entstanden und es ist toll, ein Teil davon zu sein. Da hält man dann einfach Kontakt.“

Die SINUS-Jugendstudie 2016 (Infos siehe unten) zeigt deutlich, welche Prioritäten die Jugendlichen beim Thema „Glauben“ setzen. Für die Kirche hilfreiche Ansätze, die zum Teil schon längst zur Praxis geworden sind: „Natürlich versuchen wir, bei der Firmvorbereitung manche Basics wieder aufzufrischen. Trotzdem ist es nicht unser Ziel, dass die Jugendlichen nachher das Glaubensbekenntnis einwandfrei aufsagen können“, gibt Pastoralassistentin Elisabeth Maier offen zu. „Uns ist es wichtig, dass Jugendliche eine positive Erfahrung mit Kirche machen, dass sie dort Menschen begegnen, die zu dem stehen, was sie sagen, und die sie ernst nehmen.“ Und dann drückt man eben auch einmal ein Auge zu, wenn der Heilige Geist als Taube mit einem Stück Pizza im Schnabel oder sogar als Gespenst dargestellt wird.

Woran Jugendliche glauben 

"Glaube bedeutet mir viel, weil er mir Halt gibt im Leben. Er prägt meine Lebenseinstellung, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe und woran ich mein Leben ausrichte. Ich bin nicht der Typ, dem es nur um Geld geht. Für mich ist ein Leben nur dann erfüllt, wenn ich mit anderen zusammen sein und für andere da sein kann. Und das hat für mich auch mit meinem Glauben zu tun.
Ich bin in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Aber ich habe oft den Eindruck, dass die Kirche schon vor Jahrzehnten stehen geblieben ist. Kirche ist nicht attraktiv für junge Menschen. Das fängt an mit den Themen: Wenn ich am Sonntag in den Gottesdienst gehe – da kommen in der Predigt keine Themen vor, die Jugendliche berühren.

Was mir trotzdem gefällt an Kirche, ist, dass es Ansichten und Standpunkte gibt, die für die Kirche indiskutabel sind. Andererseits gibt es offene Fragen, die sich die Kirche irgendwie verbaut hat. Manche Dinge gehören einfach mal überdacht – zum Beispiel, dass Frauen keine Priester werden können. Dürfen wir wirklich über Berufungen urteilen?"

Stefan B., 19 Jahre, aus Stuttgart

"Ich glaube nicht an Gott und ich habe auch keine Religion. Für mich ist das nicht greifbar und nicht wissenschaftlich belegt. Für mich ist der Glaube eher etwas Zwischenmenschliches, dass ich an andere glaube und andere an mich. Ich habe auch keinen Bezug zur Kirche. Einmal war ich auf einer Konfirmation, aber sonst habe ich mit Kirche nichts am Hut. Ich war auch noch nie an Weihnachten oder Ostern dort. Ich freue mich, wenn das anderen Leuten was gibt, aber mir gibt das nichts. Ich habe auch noch nie so eine Erfahrung gemacht, die mich daran glauben lässt.

Nach dem Tod von jemandem aus der Familie würde ich mir natürlich wünschen, dass der- oder diejenige dann im Himmel ist. Aber das ist nur ein Wunschgedanke. Ich glaube nicht richtig daran. Das humanitäre Weltbild von Kirche kann ich schon vertreten, aber ansonsten finde ich vieles problematisch. Zum Beispiel, wenn ein Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft ist und man dann nur da arbeiten darf, wenn man katholisch ist."

Lea Z., 17 Jahre, aus Berlin

"Mir bedeutet der Glaube nicht so viel, aber ich gehe in der Schule in den Religionsunterricht. Ich finde es einfach interessant, mehr über die Religionen zu erfahren – über den Buddhismus, das Judentum, den Hinduismus und das Christentum. Das fördert ja auch das Allgemeinwissen. Ich finde es auch okay, wenn andere an Gott glauben. Jeder Mensch kann das selbst entscheiden. Ich akzeptiere das. Ich bin zwar nicht gläubig, aber meine Familie und ich glauben schon, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und die Seele weiterlebt. Ich weiß nicht, warum, aber daran glauben wir einfach. Was ich an der Kirche gut finde, sind die Gebäude. Die sind so groß und geräumig. Einfach gewaltig – ja, das ist das richtige Wort – gewaltig. Das ist schon cool, wenn man da drinnensteht."

Sophie G., 15 Jahre, aus Magdeburg

"Sonntags in die Kirche zu gehen, war für mich schon immer selbstverständlich. Meine Eltern haben mich so erzogen und ich mache das weiter. Seit neun Jahren bin ich Ministrant und jetzt zusätzlich noch in einer Neokatechumenalen Gemeinschaft. Wir treffen uns immer samstagabends zur Messe und mittwochs zur Wortliturgie. Da wird dann aus der Bibel vorgelesen und danach tauschen wir uns darüber aus, was uns an der Lesung angesprochen hat und wie Gott gerade in unserem Leben wirkt.

In einem normalen Gottesdienst ist es leider oft so, dass man da relativ anonym nebeneinander sitzt. Bei uns ist das alles sehr persönlich und das finde ich schön. Und wenn wir sonntags mit der ganzen Gemeinde Messe feiern, ist es auch richtig voll.

Der Glaube an Gott und Jesus Christus gibt mir Geborgenheit, weil ich weiß, dass da jemand ist, der mich liebt. Er hilft mir, schwierige Situationen anzunehmen, die ich vielleicht nicht verstehe. Und er gibt mir Hoffnung, wenn es mir mal nicht gut geht."

Korbinian S., 17 Jahre, aus München

Jugend und Glaube - Ergebnisse der Shell-Jugendstudie

  • Für 59 Prozent der katholischen Jugendlichen hat die Kirche keine Antworten auf die Fragen, die sie bewegen.
  • 75 Prozent der katholischen Jugendlichen betonen, dass sich die Kirche ändern müsse.
  • 42 Prozent der Jugendlichen finden es gut, dass es die Kirche gibt.
  • 23 Prozent der Jugendlichen in Deutschland sind konfessionslos.
  • 75 Prozent der katholischen Jugendlichen finden es gut, dass es die Kirche gibt.
  • 33 Prozent finden es wichtig, an Gott zu glauben.

Die Umfragewerte stammen aus der 17. Shell-Jugendstudie 2015, die sich auf eine Stichprobe von 2.558 Jugendlichen im Alter von zwölf bis 25 Jahren stützt. Die Antworten sind Resultate eines standardisierten Fragebogens und vertiefender Einzelinterviews.

SINUS-Jugendstudie 2016

Im Frühjahr 2016 ist unter dem Titel "Wie ticken Jugendliche?" die dritte Jugendstudie des SINUS-Instituts in Heidelberg erschienen. 72 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren wurden in qualitativen Tiefeninterviews über ihre Einstellung zu Themen wie beispielsweise „Digitale Medien und digitales Lernen“, „Flucht und Asyl“ sowie „Glaube und Religion“ befragt. Unter den Auftraggebern der Studie mit dabei: der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz.


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