Zuflucht

Schneewittchen

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Weil ihre Stiefmutter es nicht ertragen kann, dass Schneewittchen schöner ist als sie, muss das Kind fliehen. Ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm.

veröffentlicht am 11.01.2021

Einst lebte eine Königin, die sehr eitel war. Jeden Tag blickte sie in ihren Zauberspiegel und sprach: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Stets antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im ganzen Land.“ Dann war die Königin zufrieden, aber bald schon befragte sie ihren Spiegel wieder. Eines Tages antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“ Da wurde die Königin wütend. Schneewittchen war ihre Stieftochter, und sie konnte es nicht leiden, dass jemand schöner als sie sein sollte. Deshalb beschloss sie, das Mädchen vom Jäger töten zu lassen.

Der Jäger nahm Schneewittchen mit in den Wald, um es dort zu erschießen. Als er es aber ansah und ihre Schönheit erkannte, brachte er es nicht übers Herz, sie zu töten. Schneewittchens Haut war weiß wie Schnee, ihre Haare schimmerten schwarz wie Ebenholz und ihre Lippen waren so rot wie Blut. „Lauf weit fort, Schneewittchen, ich bringe der Königin das Herz und die Leber eines Hirsches, damit sie denkt, dass ich dich getötet habe.“ Schneewittchen lief fort, und die Königin glaubte, der Jäger hätte das Mädchen getötet. Schneewittchen wanderte weiter und weiter. Da erblickte sie ein kleines Häuschen, das sehr einladend aussah. Schneewittchen ging zur Tür, trat ein und blickte sich um. Auf einem kleinen Tisch standen sieben Tellerchen und sieben Becherchen. An der Wand standen sieben kleine Bettchen. Und weil Schneewittchen hungrig war, aß sie ein wenig von jedem Tellerchen, trank ein wenig und legte sich dann in ein Bettchen, um sich auszuruhen.

Als es dunkel wurde, kehrten die Bewohner des Hauses zurück. Es waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie sahen gleich, dass nicht alles so war wie immer. „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“, fragte der erste Zwerg. „Und wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“, fragte der zweite. Und wer schläft in meinem Bettchen?“, fragte der dritte. Da schauten sie alle Schneewittchen an, die tief und fest schlief. Am nächsten Morgen, als alle erwacht waren, erschrak Schneewittchen zuerst beim Anblick der sieben Zwerge. Schnell merkte sie aber, dass die sieben sehr freundlich waren. „Wie heißt du?“, fragten sie das Mädchen. Es antwortete: „Ich bin Schneewittchen!“ Und dann erzählte es, dass die Stiefmutter es töten wollte. „Du kannst bei uns bleiben und dich in unserem Haus verstecken. Du sollst für uns kochen, waschen und nähen. Dann wird es dir an nichts fehlen.“ Schneewittchen bedankte sich und blieb. Wenn die Zwerge morgens das Häuschen verließen, warnten sie Schneewittchen: „Lass niemanden ein. Die böse Königin wird bald herausfinden, wo du bist.“

Die Zwerge sollten recht behalten, denn die Königin hatte ihren Zauberspiegel wieder befragt, wer die Schönste im Land sei, und der Spiegel antwortete: „Ihr, Königin, seid die Schönste hier, aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“ Die Königin wurde wütend und wusste nun, dass der Jäger Schneewittchen nicht getötet hatte. Sie verkleidete sich als alte Krämerin und machte sich auf den Weg zu ihr. Am Zwergenhaus angekommen, bot sie ihre Ware an. Schneewittchen freute sich über die schönen Dinge und wollte einen Gürtel kaufen. Die böse Königin aber schnürte sie damit so fest, dass Schneewittchen ohnmächtig wurde und wie tot umfiel. Die Königin lachte und sprach: „Nun endlich bist du tot.“ Sie eilte davon.

Die Zwerge erschraken sehr, als sie Schneewittchen fanden, schnürten den Gürtel los, und da erwachte das Mädchen wieder. Die Zwerge waren erleichtert, doch sie warnten Schneewittchen erneut: „Lass niemanden ein!“ Die Königin befragte nach ihrer Rückkehr gleich ihren Zauberspiegel, wer die Schönste sei. Und als der Spiegel Schneewittchen abermals als Schönste nannte, verkleidete sich die Königin als alte Bauersfrau. Sie trug einen Korb mit Äpfeln zum Haus der sieben Zwerge. Als sie klopfte, öffnete Schneewittchen nur ein Fenster. Die Königin reichte ihr einen vergifteten Apfel als Geschenk. Der Apfel sah so schön aus, so rot und knackig! Schneewittchen biss in den Apfel hinein und fiel tot um. Als die Zwerge abends heimkamen, versuchten sie alles, um Schneewittchen zu retten, doch nichts half. Schneewittchen war tot, und die Zwerge weinten bitterlich um sie. Und weil Schneewittchen so wunderschön war, legten die Zwerge sie in einen gläsernen Sarg.

Eines Tages kam ein Prinz des Weges geritten. Als er Schneewittchen im gläsernen Sarg erblickte, verliebte er sich in sie. Er bat die Zwerge darum, den Sarg mitnehmen zu dürfen. Und weil die Zwerge sahen, dass er es gut meinte, erlaubten sie es ihm. Die Diener luden den Sarg auf die Schultern, um Schneewittchen fortzutragen. Doch einer der Diener stolperte über eine Wurzel. Der Sarg fiel zu Boden, und von dem heftigen Stoß wurde das Stückchen des vergifteten Apfels wieder aus Schneewittchen herausgeschleudert. Es dauerte nicht lange, da öffnete das Mädchen seine Augen. Schneewittchen erblickte den Königssohn und fragte: „Wo bin ich?“ Der Prinz antwortete voller Freude: „Du bist bei mir, ich erzähle dir, was passiert ist.“ Und er erzählte, was sich zugetragen hatte. Dann sagte er: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt. Komm mit mir in meines Vaters Schloss, ich möchte dich heiraten, du sollst meine Frau werden.“ Schneewittchen willigte ein. Sie reichte dem Königssohn ihre Hand, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.


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