Angst

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Weil er vor nichts und niemandem Angst hat, zieht ein junger Mann aus, um das Fürchten zu lernen. Erzählt von Gesa Rensmann nach einem Märchen der Brüder Grimm.

veröffentlicht am 11.01.2021

Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der ältere klug und gescheit, der jüngere aber dumm. Wenn abends beim Feuer Geschichten erzählt wurden, so sprachen die Zuhörer manchmal: „Ach, es gruselt mir!“ Der Jüngste hörte das mit an, wusste aber nicht, was es heißen sollte.

Nun geschah es, dass der Vater zu ihm sprach: „Hör mal, du wirst groß, du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienst.“ „Vater“, antwortete der Junge, „ich will gerne lernen, dass mir gruselt; davon verstehe ich noch gar nichts.“ Der Vater seufzte und antwortete ihm: „Das Gruseln, das sollst du lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.“ Da ging der Junge fort und kam zu einem Wirtshaus und rief: „Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“

Der Wirt lachte und erzählte: „Nicht weit von hier steht ein verwünschtes Schloss, wo einer wohl lernen könnte, was Gruseln wäre, wenn er nur drei Nächte darin wachen wollte. Der König hätte dem, der’s wagen sollte, seine Tochter zur Frau versprochen. Schon viele wären hinein-, aber noch keiner wieder herausgekommen. Da ging der Junge am anderen Morgen vor den König und sprach: „Wenn’s erlaubt wäre, so wollte ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schlosse wachen.“ Der König sah ihn an und weil er ihm gefiel, sprach er: „Du darfst drei Dinge ins Schloss nehmen.“ Da antwortete der Junge: „So bitte ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit Messer.“

Als der Junge im Schloss gegen Mitternacht sein Feuer anmachen wollte, da schrie’s plötzlich aus einer Ecke: „Miau! Wie es uns friert!“ – „Was schreit ihr? Wenn euch friert, kommt, setzt euch ans Feuer.“ Da kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprunge herbei, sahen ihn mit ihren feurigen Augen ganz wild an und streckten die Krallen aus. „Ei“, sagte der Junge, „was habt ihr lange Nägel!“, packte sie beim Kragen und warf sie hinaus. Doch gleich kamen aus allen Ecken mehr schwarze Katzen. Sie schrien schrecklich. Da fasste der Junge sein Schnitzmesser und rief: „Fort mit euch, Gesindel!“ Ein Teil sprang weg und einen Teil warf er hinaus in den Teich. Als er wieder in der Kammer war, wollten ihm die Augen nicht länger offenbleiben. Da blickte er um sich und sah in der Ecke ein großes Bett. Als er aber die Augen zutun wollte, fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im ganzen Schloss herum. „Recht so“, sprach der Junge. Da rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über die Schwellen und Treppen auf und ab, bis das Unterste zerbarst. Aber der Junge stieg nur heraus und sagte: „Nun mag fahren, wer Lust hat“, legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war.

In der zweiten Nacht hörte der Junge Lärm und Gepolter. Mit lautem Geschrei kam ein Knochenmann den Schornstein herab und fiel vor ihm hin, und nach ihm noch mehr Knochenmänner. Sie begannen, mit Totenköpfen zu kegeln. Da bekam er auch Lust und fragte: „Hört ihr, kann ich mitspielen?“ – „Ja, wenn du Geld hast.“ „Geld genug“, antwortete er“, „aber eure Kugeln sind nicht recht rund.“ Da nahm er die Totenköpfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund. „So, jetzt werden sie besser rollen“, sprach er, „seht, nun geht’s lustig!“ Er spielte mit, doch als es zwölf schlug, war alles verschwunden. Am andern Morgen kam der König und wollte sich erkundigen. „Wie ist dir’s diesmal ergangen?“, fragte er. „Hat dir denn nicht gegruselt?“ „Ei, was“, sprach der Junge, „lustig fand ich es!“

In der dritten Nacht trat ein Riese herein, alt, mit einem langen weißen Bart. „O, du Wicht“, rief er, „nun sollst du sterben.“ „Nicht so schnell“, antwortete der Junge, „so stark wie du bin ich auch.“ Da nahm der Riese eine Axt und schlug einen Amboss mit einem Schlag in die Erde. „Das kann ich besser“, sprach der Junge, spaltete das Holz und klemmte den Bart des Alten hinein. Der wimmerte und bat, er möchte ihn losmachen. Da zog der Junge die Axt raus und ließ ihn los. Der Alte aber zeigte ihm in einem Keller drei Kasten voll Gold.

Am andern Morgen kam der König und sprach: „Du hast das Schloss erlöst und sollst meine Tochter heiraten.“ Aus dem Schlosskeller wurde das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert. Aber der junge König, so lieb er seine Gemahlin hatte, sagte noch immer: „Wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte.“ Da zog die Königin eines Nachts seine Decke weg und schüttete einen Eimer voll kaltem Wasser und kleinen zappelnden Fischen über ihm aus. Da wachte der Junge auf und rief: „Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was gruseln ist.“


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