Neue Perspektiven

Eine Fähre als Ort der Begegnung

Seit 2012 pendelt die Don Bosco Fähre in der idyllischen Altstadt Bambergs auf der Regnitz. Jugendliche und Ehrenamtliche machen die Überfahrt zwischen der Schleuse 100 und dem Stephansberg zu einem ganz besonderen Erlebnis.

veröffentlicht am 22.05.2026

  • Moritz Trebin

Bambergs Altstadt füllt sich langsam mit Leben. Ein wenig Nebel liegt noch auf dem linken Regnitzarm, dem Fluss, der durch die Innenstadt fließt. Zwar beginnt die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Don Bosco Fähre ihren Betrieb erst um 10:30 Uhr, doch Jutta Behr-Groh ist bereits eine halbe Stunde früher am Steg. In Ruhe beginnt sie, die Fähre für den Tag vorzubereiten, während sie immer wieder Bekannte grüßt, Spaziergänger informiert, dass sie sich leider noch etwas gedulden müssen, und sich auf die nächsten zwei Stunden Fähr-Schicht freut. 

Routiniert prüft sie die Seile, montiert das schwere Steuerrad, bringt alles Nötige an seinen Platz – und wie jedes ordentliche Schiff hat auch die Don Bosco Fähre ein Logbuch. Hier trägt Jutta sich für den Tag ein. Besondere Vorkommnisse gibt es nicht zu vermerken. Für alle, die neu auf der Fähre mitarbeiten oder noch unsicher sind, gibt es zwei lange Listen, was zu Beginn und am Ende des Tages zu tun ist. Jutta braucht diese Listen nicht, sie ist von Anfang an dabei, seit nun knapp 14 Jahren.

„Immer wieder veränderte Wasserstände, Strömungen, Wind und Wetter. Jeder Tag ist anders"

Dank der langen Zeit auf der Fähre und der vielen Erfahrung weiß Jutta: „Das erste Übersetzen des Tages ist immer spannend. Immer wieder veränderte Wasserstände, Strömungen, Wind und Wetter. Jeder Tag ist anders.“ Zwar gab es mit der Fähre nie Unfälle oder Notfälle, aber Fährfrauen und Fährmänner müssen immer wieder improvisieren. So war der Wasserstand während eines besonders heißen Sommers so niedrig, dass die Strömung kaum reichte, um das Boot ans Ufer zu schieben. Da musste der letzte Meter bis zum Steg mit einer langen Metallstange und viel Muskelkraft überwunden werden. 

Mittlerweile kümmern sich 80 ehrenamtliche Fährleute darum, dass Bamberger und Touristen zwischen April und Oktober an sieben Tagen die Woche je zehn Stunden lang zwischen den Ufern pendeln können. Der Startschuss fiel im September 2012. Damals kam der Bürgerverein Bamberg Mitte auf die Idee, für die Landes­gartenschau in der UNESCO-Welterbestadt eine Fähre in der Altstadt zu installieren. 

Mitarbeitende und Jugendliche halten die Fähre instand

Der Bürgerverein sah das Don Bosco Jugendwerk als kompetenten Partner für das Vorhaben. Das Jugendwerk kümmert sich mit unterschiedlichsten Maßnahmen und Angeboten um Kinder, Jugendliche und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Eines dieser Projekte heißt Zahltag und ist eine wichtige Anlaufstelle für überwiegend wohnungslose junge Menschen in und um Bamberg. Schnell war man sich einig, dass die Fähre vielfältige Aufgaben für Zahltag bietet.

Seit 2012 kümmern sich die Mitarbeitenden und Jugendlichen von Zahltag darum, die Fähre für die kalten Monate winterfest zu machen. Sie sorgen für das Lackieren und Herrichten alle zwei Jahre und überführen das Boot ins und aus dem Winterquartier. Dazu kommen alltägliche Aufgaben wie Reinigung, Wartung, Umbauten und Unterstützung während des Betriebes. Und sollte zum Beispiel nach einem Sturm mal ein großer Ast das Übersetzen erschweren, ist das Team rund um Zahltag-­Projektleiter Felix Ströhlein schnell vor Ort, um in Notfällen einzuspringen.

Jeder darf schweigen, plaudern oder tiefgehende Gespräche führen

Felix ist sich sicher: „Das ganz besondere Gefühl einer Fährfahrt lässt sich kaum beschreiben, man muss es erleben.“ Und auch Jutta ist immer wieder glücklich während ihrer Schichten, auch wenn es viel zu tun gibt. Ein wertvoller Teil der Arbeit ist der Austausch mit den Fahrgästen. Viele von ihnen sind Bamberger, die mit ihren Jahreskarten die Fähre für tägliches Pendeln, Einkäufe und Ausflüge nutzen. Da wird die Überfahrt nicht selten auf mehrere Fahrten, hin und her, verlängert, um sich auszutauschen, dem Wasser zu lauschen, zur Ruhe zu kommen oder sich inspirieren zu lassen. „Eine junge Pfarrerin fuhr einige Fahrten mit, anfänglich schweigend und nachdenklich. Nach einigen Runden verließ sie zufrieden die Fähre und meinte, sie wüsste nun, was sie ihrem Gemeindemitglied, das Rat in einer Notsituation suche, raten kann.“ Regelmäßige Gäste wissen: Jeder darf hier schweigen, plaudern oder tiefgehende Gespräche führen.

Die vielen begeisterten Touristen, die Bamberg besuchen, haben meist viele Fragen rund um die Fähre im Gepäck. Was ist Don Bosco, was ist Zahltag? Wie lange gibt es die Fähre, wie funktioniert das Steuern? Jutta erzählt immer wieder freundlich vom „Schelch“, einem historischen einfachen Bootstyp, der früher an dieser Stelle als Fähre diente. Nach der Überfahrt erreicht man die Bamberger Katakomben, die im Stephansberg zu besichtigen sind. Diese entstanden einst, weil dort besonders feiner Sand zu finden war, der zum Reinigen von Holzböden verwendet wurde – quasi als Vorläufer der modernen Scheuermilch. Während des Zweiten Weltkriegs war die Verbindung der Innenstadt zu diesen Katakomben lebenswichtig.

Fachkundig erklärt die Fährfrau, wie die Gierseilfähre funktioniert 

Besonders oft wird Jutta gefragt, wie sie denn überhaupt die Fähre steuere. Fachkundig beschreibt sie dann, dass es sich um eine sogenannte Gierseilfähre handelt: „Zwei Stahlseile sind mit dem Steuerrad verbunden. Darüber kann ich den Winkel zur Strömung einstellen, und wir werden entsprechend auf die eine oder andere Flussseite gezogen. Ohne Motor, ohne Ruder, ohne Strom.“ Dank ihrer Erfahrung gelingt es Jutta auch stets neben dem Reden und dem Austausch, die Fähre sanft am Steg anzudocken.

Don Bosco steht vor allem für offene Türen für Kinder und Jugendliche, und auf der Fähre sieht man nicht selten ein Kind am Steuerrad. Denn die Fährfrauen und -männer wissen, dass es eine besonders wertvolle Erinnerung ist, einmal Kapitänin oder Kapitän gewesen zu sein. Gerne erklären sie den jungen Gästen in aller Ruhe, was zu tun ist.

Ein magischer Ort für Kinder und Jugendliche 

Auch Jugendliche, die im Projekt Zahltag Halt finden, können bei den Fahrten mitwirken. Sean kennt die Fähre bereits von Reparaturmaßnahmen und dem Überführen aus dem Winterquartier. Doch heute darf er zum ersten Mal selbst ans Steuerrad und setzt erfolgreich viele Gäste über.

Felix sieht das große Potenzial der Arbeit auf der Fähre. Für Bamberg, für die Touristen, für die Jugendlichen von Zahltag und seit 2025 auch für die Klienten des Projekts Lifeline. Lifeline ist seit 2002 ein Angebot des Don Bosco Jugendwerks Bamberg. Menschen, die verpflichtet sind, Sozialstunden abzuleisten, finden hier professio­nelle Ansprechpartner und Vermittlung. Mittlerweile können sie diese Sozialstunden auch durch Mitarbeit an der Fähre ableisten.

Die Organisation der Schichten funktioniert per digitalem Kalender 

Die Organisation der vielen Schichten funktioniert meist reibungslos per digitalem Kalender. Nur ganz selten muss Felix noch mal nachfragen, wer Zeit hat. Und auch heute kommt Hartmut Herbst pünktlich zum Schichtwechsel, um Jutta abzulösen. Hartmut ist gebürtiger Hamburger und darum bestens vertraut mit dem „Schnacken“ (gemütliches Plaudern, sich unterhalten) und dem Element Wasser. Er zog 2021 nach Bamberg, und ihm war von Anfang an klar: „Ich will hier Fährmann werden. Es ist die beste Möglichkeit, in einer neuen Stadt Menschen kennenzulernen und etwas Besonderes zu leisten.“ Der Wechsel wird ordentlich im Logbuch vermerkt, und schon geht die Fahrt weiter. Auf beiden Stegen warten bereits die nächsten neugierigen Fahr­gäste. 

Don Bosco Bamberg 

Das Don Bosco Jugendwerk Bamberg ist eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe mit einem breiten Angebot für junge Menschen und Familien. Dazu gehören unter anderem Hilfen zur Erziehung mit verschiedenen Wohngruppen, Tagesstätten, schulischen Angeboten, Jugendsozialarbeit, dem Zirkus Giovanni und Projekten sowie Einrichtungen an mehreren Standorten. Mit seinem vielfältigen Engagement begleitet das Jugendwerk Kinder und Jugendliche in
unterschiedlichen Lebenslagen und ist in Bamberg und darüber hinaus ein wichtiger Ort der Unterstützung, Förderung und Begleitung.

Sie möchten die Fähre und das Projekt Zahltag von Don Bosco Bamberg unterstützen? Hier finden Sie weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten.


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