Don Bosco in Kenia
Die unsichtbaren Kinder von Nairobi
Der heute 14-jährige Juma floh von zu Hause vor der Gewalt seines Stiefvaters und dem Leben mit einer drogenabhängigen Mutter. Zwei Jahre lang kämpfte er auf der Straße ums Überleben. Durch Don Bosco bekam sein Leben eine Wende.
veröffentlicht am 18.05.2026
Juma* kennt die Straßen Nairobis wie seine Westentasche. Manche Orte meidet er. Er weiß, wie gefährlich es sein kann, am falschen Ort zu sein. Die Angst vor Übergriffen und Gewalt ist groß. Zwei Jahre hat Juma auf der Straße gelebt. Er hat viel gesehen, was nicht für die Augen eines Kindes bestimmt ist. Er weiß, was Hunger bedeutet, und kennt das Gefühl, ständig in Angst zu leben. Die meisten Menschen in Nairobi nehmen Kinder wie Juma kaum wahr. Im pulsierenden Alltag der Metropole spielt ihre Not keine Rolle. Straßenkinder sind für viele Menschen unsichtbar.
Nairobi ist eine Stadt voller Kontraste. Der Tourismus boomt. Immer mehr Tech-Unternehmen siedeln sich an. Davon profitieren aber nur wenige. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und Armut weit verbreitet. Viele Menschen müssen in Slums am Rande von Nairobi leben, da sie sich ein Leben und die Mieten in der Stadt nicht leisten können. Kibera etwa ist der größte Slum in dem ostafrikanischen Land. Mehrere Hunderttausend Menschen leben hier. Glänzende Wellblechhütten reihen sich aneinander – ohne fließend Wasser und Toiletten.
Auch Juma wuchs in einer informellen Siedlung am Stadtrand von Nairobi auf. Er war der Älteste von fünf Geschwistern. Liebevoll kümmerte er sich um seine Schwestern. Doch Sicherheit und Schutz konnte er ihnen nicht bieten. Wenn sein Stiefvater getrunken hatte, wurde ihre Hütte zu einem Ort der Furcht. Das dumpfe Geräusch der Faustschläge und das unterdrückte Weinen seiner Schwestern wird er nie vergessen. Ein immer wiederkehrender Alptraum.
Oft hungerte er und gab seinen jüngeren Schwestern Essensreste
Doch die tiefste Wunde blieb der Verlust seiner Mutter. Er verlor sie nicht an den Tod, sondern an Drogen. Juma musste mitansehen, wie die Frau, die ihn einst liebevoll umsorgt hatte, Stück für Stück zerfiel – körperlich wie seelisch. Wie sie mehr und mehr ihren Willen verlor und ihre Kinder vergaß. „Ich bin nicht von zu Hause weggegangen, weil ich Abenteuer suchte“, erklärt Juma mit zitternder Stimme. „Ich bin gegangen, weil ich nicht mitansehen wollte, wie meine Familie langsam vor meinen Augen zugrunde geht.“
Auf der Straße lernte Juma schnell eine neue Sprache. Die grausame Sprache des Überlebens. Hunger ist dort kein Gefühl, sondern ein permanenter Zustand. Jumas Tage begannen um 4 Uhr morgens, getrieben von einem knurrenden Magen. Er wurde zum Müllsammler, einem „Chokora“, der den Müll der Stadt nach Altmetall oder Plastikflaschen durchsuchte. Ein Arbeitstag in Dreck und Gestank brachte ihm gerade genug für eine kleine Portion Essen ein. Oft hungerte er selbst und gab seinen jüngeren Schwestern, die sich in den Gassen versteckten, Essensreste. Jedes Mal brach es ihm das Herz, wenn er ihnen sagen musste, dass es nicht genug gab.
Wenn der Hunger unerträglich wurde, griff er zum Klebstoff
Wenn der Hunger unerträglich wurde und der Regen in Nairobi die Nächte in eine eiskalte, schlammige Hölle verwandelte, tat Juma das, was Tausende tun: Er griff zum Klebstoff. Er inhalierte ihn aus einer kleinen Plastikflasche. Er betäubte den Schmerz und brachte so die Erinnerung an das Gesicht seiner Mutter zum Verblassen. „Der Klebstoff lässt dich vergessen, dass du ein Mensch bist“, erklärt er. „Und auf der Straße tut es zu sehr weh, ein Mensch zu sein.“
Juma lebte in ständiger Angst. Auch vor Erwachsenen, die nachts gezielt nach Straßenkindern suchen. Straßenkinder sind schutzlos, und Menschenhändler nutzen das aus, um mit ihren Organen Geld zu verdienen. Um sich zu schützen, schloss sich Juma mit anderen Straßenjungen zu einer Ersatzfamilie zusammen. Für die Jungen war das die einzige Möglichkeit, sich gegen eine Stadt zu verteidigen, die sie als lästiges Übel ansieht.
An einem Tag im Juni 2023 kam wieder Hoffnung in Jumas Leben
Doch dann eines Tages fand die Hoffnung wieder zurück in Jumas Leben. Jedes Jahr am 16. Juni findet in Nairobi der Tag des afrikanischen Kindes statt. Er erinnert an den Soweto-Aufstand 1976 in Südafrika. Tausende Schülerinnen und Schüler protestierten gegen das Apartheid-Regime und setzten sich für das Recht auf Bildung und die Verbesserung der Lebensbedingungen afrikanischer Kinder ein.
Für Juma wird der 16. Juni im Jahr 2023 zu einem ganz besonderen Tag. Denn an diesem Tag wird er endlich gesehen und gerettet. Don Bosco Sozialarbeiter und Freiwillige suchen den Kontakt zu Kindern in den Slums oder auf den Straßen von Nairobi. Sie sprechen mit ihnen, erzählen von Don Bosco und bieten ihnen an, mit in das Don Bosco Zentrum zu kommen. Es sind Begegnungen, die Vertrauen aufbauen sollen und den Kindern zeigen: Ihr seid willkommen.
Kein „Straßenjunge“, sondern ein Kind, das Zuwendung und Geborgenheit braucht
Zu diesem Team gehört auch Salesianerpater Bernard Onyiego. Er ist Direktor des Straßenkinder-Zentrums und der Don Bosco Schule in Nairobi. Pater Bernard geht offen auf Juma zu und lächelt ihn an. Für ihn ist Juma kein „Klebstoffschnüffler“ oder „Straßenjunge“, sondern ein Kind, das Zuwendung und Geborgenheit braucht. Zunächst ist Juma skeptisch, zu oft wurde sein Vertrauen missbraucht. Doch die Wärme in Pater Bernards Augen zeigt ihm etwas, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hat: Hoffnung.
„Jedes Kind verdient eine Chance“, sagt Pater Bernard heute. „Juma war kein Problem, das man beseitigen muss; das innere Leuchten des Jungen war erloschen. Und unsere Aufgabe bestand einfach darin, ihn wieder zum Leuchten zu bringen.“ Im Don Bosco Zentrum erlebte Juma zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, in einem eigenen Bett zu schlafen – in einem sicheren, geschützten Raum. Zum ersten Mal bekam er regelmäßig zu essen, genug, um satt zu werden und keinen Hunger mehr spüren zu müssen. Bei Don Bosco erhielt Juma auch psychologische Unterstützung. So konnte er seine Traumata verarbeiten: die Drogensucht seiner Mutter und die Gewalt seines Stiefvaters und der Straße.
In der Schule gehört er schnell zu den Besten
Seine Plastikflasche mit Klebstoff tauscht er gegen einen Fußball ein. Auf dem Spielfeld wird der Junge, der sich einst im Schatten versteckte, zum Spielführer. Auch in der Schule gehört Juma schnell zu den Besten. Er hat eine schnelle Auffassungsgabe und entwickelt eine Leidenschaft dafür, wie Dinge gebaut werden. Sein Traum ist es, Ingenieur zu werden. „Ich möchte Häuser bauen, die nicht einstürzen und Kindern Sicherheit und Schutz bieten“, so der 14-Jährige.
Für die Salesianer Don Boscos ist die Wiedereingliederung in die Familie ein zentraler Teil ihrer pädagogischen Arbeit. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die nicht immer gelingt. Juma besucht inzwischen wieder regelmäßig seine Mutter, die noch immer mit dem Stiefvater in der Hütte lebt. Bei jedem Besuch wird er von Don Bosco Sozialarbeitern betreut. Oft wartet seine Mutter bereits vor der kleinen Hütte auf ihn. Für Juma sind diese Begegnungen von gemischten Gefühlen geprägt – Freude und Tränen liegen nah beieinander.
„Diese Kinder warten nur darauf, gefunden und sichtbar zu werden“
Don Bosco begleitet Straßenkinder und ihre Familien langfristig. Juma besucht weiter die Schule und kann später eine Ausbildung absolvieren. „Jumas Weg macht uns Salesianer glücklich. Denn er erinnert daran, dass kein Kind verloren ist. Diese Kinder warten nur darauf, gefunden und sichtbar zu werden. Dafür setzen wir uns jeden Tag aufs Neue ein“, freut sich Pater Bernard.
* Name von der Redaktion geändert
Der Autor Kennedy Njogu lebte selbst bis zu seinem sechsten Lebensjahr mit seiner drogenabhängigen Mutter und seinen Geschwistern auf der Straße. Bei Don Bosco fand der heute
35-Jährige ein neues Zuhause. Dort machte er eine Ausbildung und studierte später Journalismus. Heute kümmert Kennedy sich um Straßenkinder in Nairobi.
Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Kenia bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.
Don Bosco in Kenia
Seit 1980 sind die Salesianer Don Boscos in Ostafrika. Sie sind in Kenia, Tansania, im Sudan und Südsudan tätig. In Kenia haben sie insgesamt zwölf Don Bosco Einrichtungen. Dazu gehören drei Pfarreien und fünf technische Schulen. Bei den Bosco Boys in Nairobi steht die Hilfe für Straßenkinder im Vordergrund. Alleine in Nairobi leben mehr als 60.000 Kinder auf der Straße. Die Salesianer leisten außerdem Nothilfe, unterstützen Familien mit Nahrungsmitteln und medizinischer Grundversorgung.






