Gutes Gefühl

Die Beichte als Sakrament der Versöhnung

Streit und Versöhnung erleben wir in unserem Alltag immer wieder. Was das mit dem Sakrament der Beichte zu tun hat und wie der Begriff der Sünde leichter zu verstehen ist, beschreibt unser Autor, der Theologe und Erzieher Christian Huber.

veröffentlicht am 15.12.2021

Beichte – ein Wort, das uns antiquiert erscheint und wohl bei vielen von uns irgendwie einen negativen Touch hat. Dafür mag es viele Gründe geben. Ein wesentlicher ist, wie ich finde, die Vermittlung dessen, was unter dem Sakrament der Beichte verstanden wurde, und dem Verständnis dessen, was der Beichte vorausgeht, der Sünde.

Für das Sakrament der Beichte gibt es mehrere Bezeichnungen. Der Begriff Beichte kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie „Bekenntnis“ (auf Englisch „confession“). Auch gebräuchlich ist das Wort Bußsakrament. Den Begriff Buße kennen wir vom Bußgeld, von büßen, also etwas wiedergutmachen. Viele Theologen und Gläubige, so auch ich, ziehen jedoch die Bezeichnung „Sakrament der Versöhnung“ vor.

Versöhnung geschieht in unserem Alltag immer wieder

Dabei geht es nicht darum, die Beichte „weichzuspülen“ oder irgendwie milder zu machen. Vielmehr drückt diese Bezeichnung aus, worum es in dem Sakrament geht, und verwendet dabei eine Ausdrucksweise, die in unseren Alltag passt, mit der wir etwas anfangen können. Denn Versöhnung geschieht auch in unserem Alltag immer wieder: nach einer Auseinandersetzung im Kollegium, nach einem Streit in der Partnerschaft, mit den Kindern zuhause oder in der Kita.

Darüber hinaus geschieht Versöhnung, wenngleich oft unbemerkt, auch in uns selbst. Wenn wir uns plötzlich in der Lage sehen, Dingen eine neue Chance zu geben, die lange Zeit tabu waren. Festen, wie beispielsweise dem Weihnachtsfest, Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern. Anlässe, die in uns Verletzungen wieder spürbar machen können, etwa weil Menschen fehlen, die diese Tage einst für uns wertvoll gemacht haben. Vielleicht fühlen wir plötzlich, dass wir einem Ritual, einem Fest, einer Gruppe wieder eine Chance geben können. All das sind Situationen der Versöhnung.

Spätestens im Rahmen der Erstkommunion- oder Firmvorbereitung kommen viele Kinder und Jugendliche mit dem Sakrament der Versöhnung in Berührung. Häufig fremdeln Eltern damit oder ärgern sich darüber, weil sie sich fragen: Was kann ein Kind schon groß Sündhaftes getan haben? Wozu ein Gespräch mit einem Priester – man kann das doch selbst mit Gott ausmachen, wenn man möchte. Zugegeben: Beides ist nicht falsch. Jedenfalls nicht, wenn man unter Sünde „nur“ schwere Betrügereien oder Körperverletzungen versteht.

Sünde ist, wenn ein Graben entsteht

Lassen Sie uns zunächst einen kurzen Blick auf die Frage werfen, was eigentlich Sünde ist. Viele von uns kennen den Begriff Todsünde, vielleicht auch nur von der Werbung einer bekannten Eissorte. Zur Wortherkunft gibt es mehrere Theorien. Interessant finde ich, dass das Wort Sünde mit dem mittelhochdeutschen Wort sunt verwandt ist, das einen Abgrund oder einen Graben bezeichnet. Denn erleben wir nicht nahezu jeden Tag Gräben? Schnell fällt während eines Streits ein Wort oder ein Satz und wir spüren sofort, jetzt bin ich verletzt, wie konnte er oder sie das sagen. Wir fühlen, dass etwas geschehen ist, dass ein Graben zwischen uns entstanden ist.

Gerade Kinder haben hier eine sehr sensible Wahrnehmung, sowohl wenn sie verletzt wurden, als auch, wenn sie jemanden verletzt haben. Schnell bereuen sie es und zeigen das deutlich in ihrem Verhalten, ihren Blicken und oft auch mit Worten der Entschuldigung. Wir Erwachsene tun uns häufig nicht so leicht damit, uns einzugestehen, dass dies oder jenes nicht okay war. Zugleich kennt wohl jeder von uns die Erleichterung, die wir spüren, wenn unser Gegenüber versucht, den entstandenen Graben wieder zuzuschütten. Mit diesem Bild ist der Begriff Sünde, wie ich finde, viel leichter zu verstehen.

Und dann ist auch der Schritt zum Sakrament der Versöhnung nicht mehr groß. Verletzung passiert ja meist dort, wo Beziehung herrscht. Versöhnung geschieht dort, wo Beziehung besteht und wieder hergestellt werden soll, wo uns Menschen und ihre Gefühle, ihr Befinden wichtig sind. Genauso kann es sich mit unserer Beziehung zu Gott verhalten. Vielleicht kennen Sie Momente, in denen etwas passiert ist – vielleicht sogar versehentlich – und genau dieses Gefühl eines entstandenen Grabens Sie überkam. Weil Sie einen Menschen verletzt haben, etwas gesagt oder getan haben, von dem Sie glauben, dass es Ihre Beziehung zu Gott beeinträchtigt hat, dass etwas wiedergutzumachen wäre.  

Einfach Gras über die Sache wachsen lassen?

Nach einem Streit zwischen zwei Menschen besteht natürlich die Möglichkeit, einfach Gras über die Sache wachsen zu lassen, in der Hoffnung, dass der andere das akzeptiert und geht diesen Weg mitgeht. Entdecken Sie die Parallele zum „Ich kann das mit meinem Gott selbst ausmachen“? Es ist eine Möglichkeit, die theoretisch funktionieren kann. Aber in aller Regel wünschen wir uns doch, dass der andere sich entschuldigt. Als Verursacher wünschen wir uns die Gewissheit, dass alles wieder gut ist, dass uns verziehen wurde.

Gott braucht unser Bekenntnis nicht. Gott weiß ohnehin, wie und warum etwas passiert ist. Es gibt allerdings Situationen, in denen wir Menschen eine große Erleichterung empfinden, wenn uns der Priester sagt: Ich spreche dich los von deinen Sünden. Er sagt nicht, Gott möge dir verzeihen oder hoffentlich ist nun alles wieder in Ordnung. Er spricht nicht im Konjunktiv. Nein, es ist die bestimmte Zusage, dass diese Sünden nicht mehr relevant sind, dass sie vergeben sind. Der Priester kann dies aufgrund seiner Vollmacht tun, die aus dem Johannesevangelium abgeleitet wird: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“ (Joh 20,23). Es ist also Gott selbst, der durch die Worte des Priesters die Vergebung ausspricht, die Versöhnung zusagt. Ich finde, das ist ein schöner Gedanke.


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