Bildung

Einfach nur spielen

Freies Spielen hat bei einigen Eltern einen schlechten Ruf. Ist das nicht Zeitverschwendung? Sollten die Kinder nicht besser etwas lernen? Nein, sagt Erzieher Christian Huber. Spielen ist enorm wichtig und bildet Kinder auf ganz besondere Weise.

veröffentlicht am 14.08.2021

Was nützt Spielen eigentlich? Bringt es überhaupt etwas? Und ist es nicht gerade jetzt, wo Kinder und Jugendliche infolge der Corona-Pandemie so viel verpasst haben, fatal, einfach zu spielen oder auch mal gar nichts zu machen? Wie wird es nach den Ferien weitergehen? Hoffentlich kürzt man zeitverschwendende Aktivitäten in Kitas und Schulen zugunsten eines höheren Bildungspensums!

Zugegeben, das war eine ordentliche Portion Ironie. Dennoch sind viele der hier aufgezählten Ansätze nicht ganz abwegig. Viele Eltern fragen sich besorgt, ob ihr Kind auf der Strecke bleibt, von anderen abgehängt wird und dadurch in eine scheinbar nicht mehr enden wollende Spirale der Frustration und Enttäuschung gerät. Unabhängig von der Corona-Situation gab und gibt es immer wieder Eltern, die sich aus verschiedenen Gründen ständig bemühen, ihrem Kind ein größeres Maß an Bildung mit auf den Weg zu geben. Unsere globalisierte Gesellschaft wird immer komplizierter, schneller und auch gnadenloser. So kann man die Gedanken solcher Eltern durchaus nachfühlen.

Freies Spiel regt die Fantasie an!

Ich möchte einmal den Blick auf etwas scheinbar Selbstverständliches richten und aufzeigen, wie viel Bildung im Nichtstun und im Freispiel steckt. Sowohl zuhause, als auch beispielsweise in der Kita spielen Kinder einfach. Dabei ist zunächst egal, womit. Mit einem Schmunzeln beobachte ich täglich „umherschleichende“ Kinder, die mit offenen Augen durch den Gruppenraum spazieren, auf der Suche nach etwas zum Spielen. Gefunden wird immer etwas, ganz gleich ob es sich um ein Spielzeug im klassischen Sinn handelt, oder um etwas, das in der Fantasie des Kindes zum Spielzeug wird.

Hier stoßen wir direkt auf den ersten entscheidenden Punkt: Freies Spiel regt die Fantasie an! Hier gibt es keinerlei Grenzen. Ob es sich um gemeinsame Rollenspiele handelt, in denen die Kinder sich als Mutter, Vater, Erzieherin oder Erzieher, Verkaufende oder Schauspielende ausprobieren können, oder um Naturmaterialien, aus denen sie etwas legen oder basteln können.

Eine kurze Anregung an dieser Stelle: Während der alljährlichen Fastenzeit vor Ostern erleben wir in unserer Kita die sogenannte spielzeugfreie Zeit, einige Wochen, in denen die Kinder lediglich Dinge angeboten bekommen, die sie selbst konstruieren und für die sie ihre Fantasie einsetzen müssen. Dafür bieten sich Naturmaterialien wie Stöcke, kleine Äste, Steine, Moos oder ähnliches an, was beispielsweise während eines gemeinsamen Waldspazierganges eingesammelt werden kann. Auch Bausteine oder andere Dinge, die man in der Regel im Haus hat, eignen sich. Es braucht nur einen oder zwei Tage, bis die Kinder sich darauf einstellen, und viele Erwachsene würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wenn sie sehen würden, welch großartige Ideen die Kinder während dieser Wochen umsetzen.

Kinder verarbeiten im Spiel Erfahrungen aus ihrem Alltag

Im Freispiel, ohne konkrete Anleitung, setzen sich die Kinder mit sich selbst und ihrer Umgebung aktiv auseinander. Dabei gibt es kein bestimmtes Ziel. Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan geht sogar einen Schritt weiter, wenn er das Freispiel als „zweckfrei“ benennt. Dies ist keineswegs abschätzig zu verstehen, im Gegenteil: Das Freispiel verfolgt keinen bestimmten Zweck – der ja wieder einer Anleitung bedürfte. Es geht darum, im Spiel, in der Fantasie, eine eigene Realität entstehen zu lassen, die lediglich durch die eigene Fantasie begrenzt ist. Selbstverständlich immer unter der Wahrung von Sicherheitsgrundlagen und grundlegenden Regeln des sozialen Miteinanders.

Während des Freispiels sind Spiel- und Lebenswelt ganz eng miteinander verknüpft. Das, was Kinder im Alltag zuhause, in der Kita, beim Arzt oder wo auch immer an Eindrücken mitbekommen, verarbeiten sie häufig im Spiel. Schließlich sind sie es, die im Spiel das Drehbuch schreiben und bestimmen, wie das Ende ist, falls es überhaupt eines gibt. Durch den Perspektivenwechsel können sie spielerisch wie aus einer Meta-Ebene auf ihre eigenen Erfahrungen blicken. Durch Rollenwechsel können sie sich selbst in unterschiedlichen Positionen erleben und wahrnehmen. Wer würde bezweifeln, dass hierbei Kompetenzen gestärkt und erworben werden können?

Spielen und Lernen stehen in Beziehung zueinander. Der schon zitierte Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan, der für Kindertageseinrichtungen in Bayern bindend ist, formuliert hierzu ganz treffend: „Spielen und Lernen sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille, haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede – beide stellen eine Beziehung zur Umwelt her und streben nach Einsicht und Sinn. Zugleich sind sie eng miteinander verknüpft.“

Kreativ sein kann nur, wer auch mal Zeiten des Leerlaufs hat

Gerade jetzt in der Ferienzeit gibt es zahlreiche Möglichkeiten, solche Erfahrungen zu sammeln. Erlauben Sie mir, liebe Eltern, Ihnen etwas überspitzt zuzurufen: Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie Ihrem Kind keinen ausgearbeiteten Wochenplan vorlegen!

Künstlerinnen und Künstler, egal ob aus der Malerei, der Musik oder einem anderen Bereich, berichten immer wieder darüber, wie wichtig Zeiten des Leerlaufs sind. Es sind diese Phasen, die in ihnen neue Ideen hervorbringen, neue Seiten erkennen lassen. Auch unsere Kinder brauchen Phasen, in denen der Tag selbst es ist, der zeigt, was heute geboten ist oder auch nicht geboten wird. Ist es nicht auch ein Talent, die eigene Langeweile schöpferisch zu nutzen und kreativ zu werden? Diese Kompetenz kann sich nur erwerben, wer sich auch einfach einmal sich selbst überlassen wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Kindern eine gute Ferienzeit. Freuen sie sich auch über das Kleine, das vermeintlich wenig wert ist, aber in Wirklichkeit so viel Potenzial in sich hat!


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