Zugehörigkeit schenken

Wenn Kinder in Armut aufwachsen

Armut ist oft nicht auf den ersten Blick sichtbar. Doch sie kann Familien sehr belasten. Was Kita, Schule und andere Familien tun können, damit Kinder aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht ausgegrenzt werden, beschreibt Erzieher Christian Wittl.

veröffentlicht am 10.07.2026

Vielleicht haben Sie Szenen wie diese auch schon einmal beobachtet: Ein Kind entdeckt beim Einkaufen ein buntes, leuchtendes Spielzeug, im besten Fall mit Sound-Effekten, und will es unbedingt haben, ein entnervter Elternteil aber sagt „Nein, das ist zu teuer!“. Nun muss das nicht unbedingt heißen, dass in dieser Familie Armut ein Thema ist, es kann auch sein, dass Eltern bewusst eine Grenze gezogen haben – was ja auch ratsam sein kann. Trotzdem sind Armut und Kinderarmut Themen, die uns alle angehen und betreffen können. 

Armut ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Manche Kinder kommen in sauberer Kleidung in die Kita, lachen mit ihren Freunden und nehmen scheinbar unbeschwert am Alltag teil. Und doch leben sie in Familien, in denen jede unerwartete Rechnung Sorgen bereitet, in denen man auf den nächsten Gehaltseingang wartet oder gemeinsame Ausflüge am Geld scheitern.

Armut beeinflusst häufig den gesamten Familienalltag

Armut hat viele Gesichter und sie betrifft mehr Familien, als wir oft vermuten. Es ist wichtig, Armut nicht auf fehlende materielle Dinge zu reduzieren. Sie beeinflusst häufig den gesamten Familienalltag. Eltern stehen unter hohem finanziellem Druck, arbeiten in mehreren Jobs oder kämpfen mit Unsicherheiten. Diese Belastungen können Auswirkungen auf das Familienleben, die Gesundheit und die Teilhabe der Kinder haben. Gleichzeitig wünschen sich nahezu alle Eltern dasselbe: dass ihr Kind dazugehört, Freundschaften schließt und unbeschwert aufwächst. 

Gerade in Kita und Schule wird sichtbar, wie unterschiedlich Lebenswelten sein können. Während einige Kinder begeistert vom letzten Urlaub erzählen oder neue Markenkleidung präsentieren, schweigen andere. Manche können am kostenpflichtigen Ausflug nicht teilnehmen, andere bringen kein Frühstück mit oder tragen Kleidung, die längst zu klein geworden ist. 

Sensibel hinschauen, ohne zu stigmatisieren 

Solche Situationen dürfen jedoch niemals Anlass für Bewertungen sein. Hinter jeder Geschichte stehen individuelle Lebensumstände, die wir oft nicht kennen. Eine zentrale Aufgabe besteht deshalb darin, sensibel hinzuschauen, ohne zu stigmatisieren. Armut sollte weder übersehen noch zum bestimmenden Merkmal eines Kindes werden. Stattdessen braucht es eine Haltung, die die Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt stellt. Bemitleiden wir Kinder nicht! Kinder möchten nicht bemitleidet werden, sie möchten dazugehören. 

Niemand spricht gern über Geldsorgen. Umso wichtiger ist eine wertschätzende Atmosphäre, in der Hilfsangebote selbstverständlich vermittelt werden können. Informationen über Unterstützungsleistungen oder Beratungsstellen sollten allen Familien zugänglich sein, ohne einzelne hervorzuheben. So wird Hilfe normalisiert und Scham reduziert. Auch Kinder selbst entwickeln bereits früh ein Gespür für soziale Unterschiede. Sie bemerken, wer immer neue Spielsachen besitzt oder wer bei Ausflügen fehlt. Erwachsene können diese Wahrnehmungen aufgreifen und mit den Kindern über Zusammenhalt, Gerechtigkeit und gegenseitige Unterstützung ins Gespräch kommen: altersgerecht und ohne einzelne Kinder bloßzustellen. Geschichten, Bilderbücher oder gemeinsame Projekte können wertvolle Anknüpfungspunkte sein.

Eine Kultur der Achtsamkeit leben und wertschätzend miteinander umgehen 

Armut wird sich nicht allein in Kita oder Schule überwinden lassen. Es handelt sich hier schließlich um ein strukturelles Problem, bei dem die Politik auf allen Ebenen gefragt ist bzw. gefragt wäre. Doch Kitas und Schulen können Orte sein, an denen Kinder erleben: Hier gehöre ich dazu. Hier werde ich gesehen. Hier werde ich nicht danach bewertet, was meine Familie besitzt, hier zählt einfach, wer ich bin. Gerade dieses Gefühl von Zugehörigkeit kann Kindern Kraft geben und ihre Entwicklung nachhaltig stärken. Denn manchmal ist die wichtigste Ressource, die wir schenken können, nicht Geld, sondern die Erfahrung, angenommen und wertgeschätzt zu sein.

Auch Familien, die selbst nicht von Armut betroffen sind, können zu einer Kultur der Achtsamkeit beitragen. Wenn Eltern auf wertschätzende Weise miteinander umgehen, Unterschiede nicht kommentieren und ihre Kinder zu Solidarität und Mitgefühl ermutigen, entsteht ein Miteinander, in dem niemand aufgrund seiner finanziellen Situation ausgegrenzt wird. Vergleichen wir uns nicht gegenseitig, lassen wir stattdessen Gemeinschaft wachsen! Gleich ob durch gegenseitige Hilfe, das Weitergeben gut erhaltener Kleidung oder einfach durch die selbstverständliche Haltung, dass jedes Kind unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten seiner Familie dazugehört.


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