Interview zu Kinderarmut

Kinder brauchen Chancengleichheit

Welche Zukunftschancen ein Kind hat, hängt ganz entscheidend von der materiellen Situation seiner Familie ab. Warum ist das so? Und wie könnte man das ändern? Ein Interview mit Dr. Janina Wölfl vom Deutschen Jugendinstitut.

veröffentlicht am 20.08.2026

Was heißt arm sein in einem reichen Land wie Deutschland oder Österreich? Wie ist Armut da definiert?
Armut in einem reichen Land bedeutet, dass Kinder und Familien deutlich weniger finanzielle Möglichkeiten haben als der gesellschaftliche Durchschnitt und dadurch in vielen Lebensbereichen eingeschränkt sind.

Wir haben im UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland Armut aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Ein wichtiger Indikator ist das verfügbare Haushaltseinkommen. Ein Mensch gilt als armutsgefährdet, wenn das verfügbare Einkommen seines Haushalts nach Sozialtransfers unter 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung liegt. Dabei handelt es sich um ein relatives Armutsmaß. Auf Grundlage der EU-SILC-Daten waren 2023 in Deutschland 14 Prozent aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet und in Österreich 15 Prozent.

Das Einkommen allein reicht jedoch nicht aus, um Armut zu erfassen. Ein weiterer wichtiger Indikator ist die sogenannte materielle und soziale Deprivation. Damit wird erfasst auf welche grundlegenden Dinge Familien aus finanziellen Gründen verzichten müssen, beispielsweise auf eine ausreichend beheizte Wohnung, den Ersatz von abgetragener Kleidung, regelmäßige Freizeitaktivitäten oder einmal im Jahr eine Woche in den Urlaub zu fahren. Als erheblich materiell und sozial depriviert gelten Menschen, die sich mindestens sieben von 13 solcher grundlegender Dinge nicht leisten können. Laut EU-SILC traf das im Jahr 2023 in Deutschland auf ungefähr neun Prozent und in Österreich auf fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen zu.

 

Wer ist besonders von Armut gefährdet?
Der Bericht zeigt, dass Kinderarmut sehr ungleich verteilt ist: Besonders gefährdet sind Kinder, die bei Alleinerziehenden oder in Familien mit 2 oder mehr Kindern aufwachsen. Auch der Bildungshintergrund und die Erwerbssituation der Eltern spielen eine wichtige Rolle. Wenn beispielsweise die Eltern arbeitslos sind oder nur über einen niedrigen Bildungsabschluss verfügen, dann ist das Armutsrisiko deutlich erhöht. Und auch Kinder, die in Familien mit Migrationsgeschichte aufwachsen, sind häufiger von Armut betroffen.

Das zeigt ganz deutlich, dass Armut nicht Ausdruck eines individuellen Versagens ist, sondern dass es bestimmte Lebenslagen gibt, die das Risiko für Armut und Benachteiligung erheblich erhöhen. Und genau deshalb ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, gerade diesen Kindern Chancen zu eröffnen, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen gut aufwachsen können.

 

Der UNICEF-Bericht stellt fest, dass Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien in allen Lebensbereichen benachteiligt sind. Wo sind die Unterschiede besonders deutlich?
Es ist tatsächlich eine Kernbotschaft des UNICEF-Berichts, dass sich Kinderarmut auf sehr viele Lebensbereiche auswirkt und dass sich die Benachteiligungen oft überlagern und gegenseitig verstärken.

Kinder aus armutsbetroffenen Familien leben zum Beispiel häufiger in beengten Wohnungen, haben keinen ruhigen Ort zum Lernen und nehmen seltener an Freizeit-, Sport- und Kulturangeboten teil. Gleichzeitig sind sie auch gesundheitlich stärker belastet, sowohl körperlich als auch psychisch.

Diese Benachteiligungen wirken sich nicht nur auf Bildungs- und Gesundheitschancen aus, sondern schränken auch die Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen ein, soziale Kontakte zu knüpfen oder sich als Teil der Gesellschaft zu erleben. Armut wirkt sich auf nahezu alle Bereiche des Aufwachsens aus und prägt häufig auch den weiteren Lebensverlauf.

Wenn wir den Bereich Bildung betrachten: Theoretisch kann in Deutschland oder Österreich jedes Kind jede Schulart besuchen. Trotzdem gibt es einen Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Bildungsziel. Woher kommt das?
Der Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund der Familien und dem Bildungserfolg entsteht oft schon sehr früh: Beispielsweise wird Kindern aus armutsgefährdeten Familien schon im Vorschulalter im Durchschnitt seltener vorgelesen. Und im Schulalter zeigt sich, dass Schülerinnen und Schüler mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund deutlich häufiger leseschwach sind oder auch überdurchschnittlich oft in den unteren Leistungsbereichen liegen.

Gleichzeitig sehen wir, dass Kinder aus finanziell besser gestellten Familien oft mehr Unterstützung haben, zum Beispiel durch ruhigere Lernbedingungen zu Hause, durch mehr digitale Ausstattung, Nachhilfe oder kulturelle Förderung.

Das zeigt, dass die Bildungschancen nicht nur von der Schule selbst abhängen, sondern ganz stark von den Ressourcen, die im Elternhaus und im sozialen Umfeld vorhanden sind.

  

Eine zentrale Rolle in dem Bericht spielt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen. Wie sehen sie selbst ihre Lage?
Uns war wichtig, Kinder und Jugendliche nicht nur als Gegenstand der Forschung zu betrachten, sondern ihre Perspektiven aktiv in den Bericht einzubeziehen. Deshalb haben wir neben amtlichen Statistiken auch Daten ausgewertet, die auf Selbstauskünften von Kindern und Jugendlichen beruhen. So konnten wir beispielsweise ihre Einschätzungen zu ihrem Wohlbefinden, ihrer Lebenszufriedenheit oder ihren Zukunftsängsten berücksichtigen. Hier zeigte sich, dass Kinder in Armutslagen von einem geringeren psychischen Wohlbefinden und stärkeren Ängsten und Sorgen berichten.

Darüber hinaus waren Jugendliche auch an der Erstellung des Berichts beteiligt. In zwei Workshops haben sie die Themenschwerpunkte mitdiskutiert und die Ergebnisse gemeinsam mit uns eingeordnet. Das Schwerpunktthema des Berichts 2025 „Soziale Ungleichheit und Armut“ wurde von den Jugendlichen selbst vorgeschlagen.

  

Was könnte getan werden, um die Zukunftschancen von Kindern aus finanziell schlechter gestellten Familien zu verbessern?
Zunächst einmal wäre eine verlässliche materielle Absicherung als Grundlage sehr wichtig, also dass es ein einfach zugängliches und möglichst automatisiertes System gibt, wie es im Konzept einer Kindergrundsicherung vorgesehen war. Ein weiterer Punkt wäre, dass Bildungseinrichtungen und Gesundheitssystem noch mehr auf Chancengleichheit ausgerichtet sein sollten. Also, dass beispielsweise Kitas und Schulen personell und finanziell ausreichend ausgestattet sein müssen, um inklusiv und sozialraumorientiert arbeiten zu können. Und schließlich müssen besonders gefährdete Gruppen, etwa Alleinerziehende oder zugewanderte Familien, gezielt unterstützt werden. Dafür braucht es passgenaue Hilfsangebote.
Auf jeden Fall dürfen wir die Verantwortung, sich aus der Armut herauszuarbeiten, nicht einfach den Kindern und Jugendlichen und ihren Familien überlassen, sondern müssen es als gesellschaftliche Aufgabe verstehen, sie zu unterstützen. Davon würden nicht nur die unmittelbar betroffenen Kinder profitieren, sondern die Gesellschaft insgesamt.

Porträt einer jungen Frau mit langen hellbraunen Haaren, weißem Shirt und grüner Blazer

Dr. Janina Wölfl

Dr. Janina Wölfl ist Wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut (DJI) und hat am UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025 mitgearbeitet. Auch am nächsten Bericht für 2027 ist sie wieder beteiligt.


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