Expertentipp

Wenn Kinder im Haushalt helfen sollen

Kinder zum Helfen bei der Hausarbeit zu bewegen, ist eine Herausforderung. Wer es versucht, braucht starke Nerven und eine gute Strategie. Mit diesen Tipps kann es gelingen.

veröffentlicht am 01.09.2018

Sollen Kinder helfen?

„Ja!“, sagt Diplom-Psychologin Ingrid Ingelmann. „Kleine Kinder wollen helfen. Sie wollen die Erwachsenen nachahmen, sie wollen ernst genommen werden, einen Beitrag leisten.“ Zudem stärke es das Gemeinschaftsgefühl, wenn Eltern ihre Kinder helfen ließen. Und schließlich entwickelten die Kinder beim Helfen fein- und grobmotorische Fähigkeiten und lernten, sich an Absprachen zu halten. „Sich zu Hause einzubringen, ist eine gute Vorbereitung, ja sogar eine Grundqualifikation für das Leben und den Beruf“, erklärt die Mitarbeiterin der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen der Diözese Würzburg. Generell sollte beim Thema Kinder und Haushalt das Bemühen gesehen werden und nicht in erster Linie, wie die Arbeit erledigt wird. „Der Fokus liegt auf dem Wir und auf der Beziehung zum Kind.“

Gesetzlich geregelt

Dass Kinder helfen müssen, ist in Deutschland gesetzlich festgelegt. Im §1619 des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es: „Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob das Kind minderjährig oder volljährig, ledig oder verheiratet ist. Allerdings müssen die Eltern darauf achten, dass die Ausbildung nicht beeinträchtigt wird. Ein Beispiel: 3,5 bis 7 Stunden pro Woche gelten bei 12-Jährigen laut Rechtsprechung als zumutbar.

Das dauert! 

Den Gedanken kennen wohl alle Eltern: „Bis mein Kind die Gurke geschnitten, die Handtücher gefaltet, den Tisch gedeckt (…) hat, habe ich das dreimal selbst gemacht!“ Stimmt. Und noch dazu ist der Job wahrscheinlich weniger ordentlich ausgeführt, als wenn Mama oder Papa selbst Hand angelegt hätten. Aber darauf kommt es auch gar nicht an, sagt Familienberaterin Ingelmann. Es sei wichtig, dass Kinder die anstehenden Arbeiten „nicht in aller Perfektion tun müssen. Wenn Messer und Gabel nicht ganz akkurat neben dem Teller liegen, zählt das für mich trotzdem als Tischdecken.“ Würden die Eltern, um Zeit zu sparen, alle Aufgaben selbst übernehmen, statt die Kinder von Anfang an in die Hausarbeit einzubeziehen, hätten sie mittelfristig ein Problem: Denn dann hätten die Kinder später keine Lust mehr, zu helfen. Und würden argumentieren, sie könnten es nicht.

Helfen gegen Geld

Zwei Euro für einmal Rasenmähen, 50 Cent fürs Wäscheaufhängen. In einigen Familien ist es üblich, dass die Kinder fürs Helfen bezahlt werden. Dagegen ist aus Sicht von Ingrid Ingelmann generell nichts einzuwenden, sofern es das Familienbudget ermöglicht. Allerdings unterscheidet die Beraterin nach Tätigkeiten: Bei langen und anstrengenden Dingen sei es als Anerkennung durchaus okay, den Kindern Geld zu geben. Wenn es sich aber um kleinere, regelmäßige Aufgaben handelt, „wie Getränkehochholen, Tischdecken, Abräumen oder auch einmal etwas Kleines kochen“, würde sie von einer Bezahlung abraten. Wichtig sei, dass nicht der Eindruck entstehe, dass man für jede Leistung etwas bekomme. „Es ist prinzipiell richtig, wenn man seine Fähigkeiten kennt und sich nicht unter Wert verkauft. Aber mit Blick auf die Familie muss es auch Dinge geben, die nicht mit Finanzen zu tun haben, sondern die übernommen werden, weil man sich gegenseitig unterstützen möchte.“

So klappt’s!

„Ich hab jetzt keine Zeit!“ – „Immer ich!“ – „Keine Lust!“ Dass Kinder sich erstmal wehren, ist normal. Aber mit ein paar Tipps und Tricks wird es einfacher, sie zum Mithelfen zu bewegen. Ganz entscheidend dabei sind zwei Dinge: dass sich die Eltern einig sind, und welche Jobs vergeben werden. Die Autoren der „Elternbriefe du + wir“ (www.elternbriefe.de) raten, Aufgaben zu finden, die „nicht nur Spaß machen, sondern auch eine Herausforderung darstellen. Kaum ein Kind wird begeistert sein, wenn es nur Handlangerdienste erledigen, etwa jeden Tag die Kartoffelschalen zum Kompost bringen muss.“ Dagegen seien Sechsjährige mächtig stolz, wenn sie ihre Pizza selbst belegen, Spiegeleier braten oder einen Kuchen fast alleine backen dürfen. Unbedingt vermeiden sollten Eltern „permanente Nörgelei“, die „Ich-hab-dir-schon-tausendmal-gesagt-Tour“ oder den „Appell an das kindliche Schuldgefühl“. Diese Methoden seien wirkungslos und sogar kontraproduktiv.
   Bei regelmäßig anfallenden Arbeiten empfiehlt Ingrid Ingelmann, mit den Kindern zu verhandeln, beispielsweise in einer Familiensitzung, und „gemeinsam zu überlegen, was es zu tun gibt und wer was übernehmen könnte“. Dann sei die Motivation für die Mädchen und Jungen höher, als wenn sie die Aufgaben aufgedrückt bekämen. Generell empfiehlt die Beraterin, den Kindern bei der Erledigung ihrer Jobs einen gewissen Freiraum zu geben: Die kleinen Helfer sollen nicht auf Kommando loslegen müssen, sondern selbst Verantwortung übernehmen und über ihre Zeit bestimmen können.

Rollen ändern

„Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach“, lautet ein viel zitierter Satz des Komikers Karl Valentin. Bei der Hausarbeit betrifft das auch die Art der Tätigkeiten, die Mutter und Vater, Tochter und Sohn übernehmen. Kann oder sollte man die Verteilung der Aufgaben auch nutzen, um bestehende Rollenbilder ein wenig aufzuweichen? „Ja, aber nicht penetrant“, meint Ingrid Ingelmann. Entscheidend sei, welche Rollen die Eltern haben. „Wenn die Mutter nie den Rasen mäht, wäre das für die Tochter vielleicht befremdend. Umgekehrt gilt das für einen Sohn, der seinen Vater noch nie in der Küche gesehen hat. Das Einfachste ist, wenn die Eltern es vormachen und sich bei den einzelnen Sachen abwechseln“, sagt die Beraterin. „Oder aber die Mutter sagt bewusst, das ist nicht meine Kompetenz, das lass ich lieber den Papa machen – und ermutigt die Tochter dennoch, es einmal zu versuchen.“ Kinder anzuregen, etwas auszuprobieren, sei sehr wichtig. „Aber wirkungsvoller als Reden und Probierenlassen ist das eigene Vorbild.“
  

   

Studie: Kinder helfen weniger

Töchter und Söhne helfen heute weniger im Haushalt als zu Beginn des Jahrtausends. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor, die im März vergangenen Jahres erschienen ist. Lag der Anteil der 15- bis 17-jährigen Mädchen, die im Durchschnitt mehr als 45 Minuten pro Tag mit Hausarbeit verbrachten, 2001/2002 bei 68 Prozent, so waren es zehn Jahre später nur noch knapp 46 Prozent. Bei den Jungen dieser Altersgruppe sank der Anteil der Helfer von 36 auf 29 Prozent. Die Studie zeigt auch: Einige Jugendliche beteiligen sich kaum oder gar nicht an der Hausarbeit. Etwa 39 Prozent der 15- bis 17-jährigen Jungen packen täglich maximal 15 Minuten mit an, bei den gleichaltrigen Mädchen sind es 23 Prozent. (IW/KNA/ct)


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