Interview

Als Drilling erwachsen werden – Über Nähe, Eigenständigkeit und Beziehungen im Wandel

Stefanie Hohmann-Hasenauer ist als Drilling aufgewachsen. Im Interview erzählt die 53-jährige Lehrerin von Kindheitserinnerungen, gemeinsamen Erfahrungen – und wie sich die Beziehung zu ihren Brüdern im Laufe ihres Lebens entwickelt hat.

veröffentlicht am 01.04.2026

Sie haben zwei gleichaltrige Brüder. Wie haben Sie es erlebt, als Drilling aufzuwachsen?
Wir sind dreieiige Drillinge, aber André und Frank sahen immer aus wie ein eineiiges Zwillingspaar. Als Kinder waren sie sehr eng miteinander, haben sich ein Zimmer und auch den Freundeskreis geteilt. Ich hatte meinen eigenen Raum und eigene Freundinnen. Aber wir gingen immer in die gleiche Klasse und haben als Drillinge in der Schule und in der Freizeit für Aufsehen gesorgt.  In unserem kleinen Dorf bei Fulda waren wir viel mit anderen Kindern in der Natur unterwegs. Dieses Gefühl, nie ganz allein zu sein, war immer da.

Sie sind 1972 zur Welt gekommen. Wir war es, in den Siebzigerjahren Drillinge großzuziehen?
Es war eine enorme Aufgabe, die vor allem an meiner Mutter hängenblieb. Mein Vater hat als Elektriker und Schachthauer im Bergwerk gearbeitet und war oft müde, wenn er nach Hause kam. Die ganze Versorgung lag im Alltag bei meiner Mutter und meiner Oma, die mit im Haus lebte. Sie haben uns gemeinsam gefüttert, gebadet und gewickelt. Das war deutlich aufwendiger als heute. Allein die Stoffwindeln, die täglich in großen Töpfen ausgekocht wurden… Ich habe großen Respekt davor, wie selbstverständlich die beiden Frauen das getragen haben. Ohne die Unterstützung meiner Oma wäre das für meine Mutter kaum möglich gewesen.

Gibt es Kindheitserinnerungen, die Ihnen noch besonders im Kopf sind?
Ja, zum Beispiel dass wir mit der ganzen Familie zum Wandern in die Rhön gefahren sind. Toll war auch immer die Kur auf Borkum – wir waren viermal für mehrere Wochen dort. Unsere Geburtstage waren sehr schön: Unsere Mutter hat sich unglaublich viel Mühe gegeben und vorher die halbe Nacht in der Küche gestanden. Jeder bekam traditionell einen eigenen kleinen Gugelhupf mit Kerzen in einer anderen Farbe und natürlich eigene Geschenke. Auch wenn wir drei waren, sie hat uns immer als eigenständig wahrgenommen.

Was hat Sie als Kinder verbunden?
Zum Beispiel die Musik. Wir haben alle Unterricht in der Stadt bekommen. Meine Brüder haben sehr gut Konzertgitarre gespielt, ich Flöte. Bei Festen oder beim Krippenspiel sind wir zu Dritt aufgetreten. Das war etwas Besonderes. Manchmal auch ein bisschen nervig, weil ein gewisser Anspruch dahinter stand. Aber im Rückblick ist das eine sehr verbindende Erfahrung gewesen. Die Musik begleitet uns alle bis heute – bei mir ist noch der Gesang dazugekommen, mein Bruder Frank spielt Violine.

Gab es eine Zeit, in der Sie sich als Dreierteam besonders nah waren?
Ja, interessanterweise kam das erst im jungen Erwachsenenalter. Ich habe Lehramt für Gymnasium studiert, meine Brüder Geografie und Geologie. Durch das Studentenleben hatten wir ähnliche Interessen und haben uns oft getroffen. Wir waren zusammen auf Partys, haben unsere Geburtstage gemeinsam gefeiert – eine sehr intensive Zeit. Da haben wir uns als Drillinge noch einmal ganz bewusst als Einheit erlebt.

Wie hat sich Ihr Drillingsleben nach dem Studium verändert?
Mit dem Erwachsenwerden haben sich unsere Wege räumlich und zum Teil auch persönlich getrennt. Wir leben in Lüneburg, Kassel und Leimen, mit mehr als drei Fahrtstunden zwischen uns. Mit einem meiner Brüder habe ich weiterhin engen Kontakt – wir sehen uns regelmäßig, auch mit unseren Familien. Gleichzeitig haben wir als Geschwister leider auch einen Bruch erlebt: Der Kontakt zu unserem ältesten Bruder ist aus familiären Gründen seit vielen Jahren nur noch sehr lose. Das ist schmerzlich, gehört aber zu unserer Geschichte dazu.

Würden Sie sagen, dass das „Drillingsein“ trotzdem auch heute noch Teil Ihrer Identität ist?
Ja, auf jeden Fall. Auch wenn sich unsere Beziehung verändert hat, hat mich das Aufwachsen als Drilling sehr geprägt. Dieses frühe Gefühl von Verbundenheit schon im Mutterleib stärkt mich bis heute. Als Mutter hätte ich mir selbst keine Drillinge gewünscht, aber ich bin sehr gerne Teil dieser besonderen Geschwisterkonstellation. Und auch wenn nicht mehr alles so ist wie früher, bleibt es doch ein wichtiger Teil von mir.

Stefanie Hohmann-Hasenauer, blonde Frau mit Brille

Stefanie Hohmann-Hasenauer lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Lüneburg. Die gebürtige Fuldaerin ist unterrichtet als Lehrerin an einem Gymnasium. 


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