Psychologie

So prägen uns Geschwisterbeziehungen ein Leben lang

Die Beziehung zu unseren Geschwistern ist die wohl längste unseres Lebens. Selbst wenn wir uns voneinander distanzieren, verbindet uns die gemeinsame Geschichte, sagt der Psychologe Harald Werneck. Das zeigt sich besonders im hohen Alter und in Krisen.

veröffentlicht am 10.05.2021

Sie untersuchen Geschwisterbeziehungen auch über das Kindesalter hinaus. Was unterscheidet unser Verhältnis zu Schwester oder Bruder als Erwachsene vom Verhältnis, das wir als Kinder hatten?
Zunächst einmal sind Geschwisterbeziehungen sehr oft die längsten Beziehungen, die wir im Leben haben. In der Kindheit sind Geschwister meist diejenigen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen – oft deutlich mehr Zeit als mit den Eltern. Das ändert sich natürlich im jungen Erwachsenenalter. Dann sind insbesondere Partnerschaften stärker im Vordergrund. Die zweite Besonderheit ist, dass Geschwisterbeziehungen im Gegensatz etwa zu Partnerbeziehungen unkündbar sind. Die Gestaltbarkeit der Beziehung ändert sich aber. Als Kind habe ich nicht die Möglichkeit, zu sagen: „Ich mag meinen Bruder jetzt nicht mehr. Ich möchte ihn ein Jahr lang nicht sehen.“ Als Erwachsener kann ich hier mehr mitgestalten.

Verbringen wir auch im höheren Alter eher wenig Zeit mit unseren Geschwistern?
Interessanterweise findet gerade im hohen und höchsten Alter oft wieder eine Annäherung der Geschwister statt. Es gibt durchaus Fälle, in denen zum Beispiel zwei Schwestern schon verwitwet sind und zusammenziehen – aus pragmatischen, aber durchaus auch aus emotionalen Gründen. Oft kann die gemeinsame Geschichte als etwas Verbindendes im hohen Alter noch einmal zusätzlich zu einer Annäherung der Geschwister beitragen. Das sind aber natürlich alles nur Wahrscheinlichkeiten und Durchschnittsergebnisse. Es gibt immer Fälle, wo es ganz anders aussieht.

Was trägt die Erziehung zu unserer Geschwisterbeziehung als Erwachsene bei?
Unsere Erziehung zieht sich in vielen Fällen tatsächlich bis ins Erwachsenenalter durch. Die meisten Eltern etwa verfolgen das Ziel, alle Kinder gleich fair zu behandeln. Eine exakte Gleichbehandlung ist natürlich zu einem gewissen Grad eine Illusion, besonders weil sich die Kinder unterscheiden und durchaus Unterschiede in den Beziehungen zu jedem Einzelnen da sind. Kinder haben ein sehr feines Sensorium. Das Gefühl, mein Geschwisterkind sei eigentlich das Lieblingskind meines Vaters oder meiner Mutter, kann Kinder enorm belasten – teils bis ins Erwachsenenalter. Bestimmte Rollen werden oft mitgenommen.

Prägt uns das Verhältnis zu unseren Geschwistern auch in unserer Rolle als Eltern?
Wenn ich der älteste Bruder von fünf Geschwistern war und dann selbst fünf Kinder habe, wird es mir wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad leichter fallen, die Rolle des Erstgeborenen nachzufühlen. Natürlich sollte man aber auch versuchen, die anderen Rollen möglichst empathisch nachzuvollziehen. Zu einem gewissen Grad haben wir alle unser Päckchen, unseren Rucksack, den wir mitnehmen. Aber den kann und sollte man natürlich versuchen, immer wieder auszulüften und vielleicht neu zu packen.

Wie schafft man das?
Es kann hilfreich sein, im Rahmen eines Gesprächs mit der Partnerin oder dem Partner genau diese Rollen zu reflektieren. Also etwa: „Mich als ältestes Geschwister hat das immer unheimlich belastet. Wie können wir es schaffen, das bei unseren eigenen Kindern zu vermeiden?“

Was verbindet uns mit unseren erwachsenen Geschwistern?
Erklärbar ist diese Verbindung im Wesentlichen durch die großteils gemeinsame Sozialisation: meist nahezu in der gleichen Umwelt aufgewachsen, mit ganz ähnlichen Problemen, Moden, Musikpräferenzen und Ähnlichem. Und natürlich ist auch die gemeinsame Familiengeschichte nicht zu unterschätzen.

Auch Konflikte sind typisch für das Verhältnis von Geschwistern. Tragen wir als Erwachsene immer noch die Konflikte unserer Kindheit aus?
Es gibt traurigerweise diese Fälle. Aber Gott sei Dank können Geschwister ihre Konflikte aus der Kindheit meist irgendwann mehr oder weniger gut lösen. Zumindest so weit, dass sie die Beziehung nicht mehr belasten.

Wo treten besonders häufig Konflikte zutage?
Probleme ergeben sich typischerweise, wenn Geschwister dominieren wollen. In aller Regel sind das die älteren Geschwister, die eine Art Ersatzelternrolle einnehmen, die manchmal von ihnen auch erwartet oder eingefordert wird. Wenn dieses hierarchische Gefälle auch ins Erwachsenenalter mitgenommen wird, kann es zu Konflikten kommen.

Nicht selten finden Geschwister bei Schicksalsschlägen wieder zusammen. Woran liegt das?
Verwandtschaft ist etwas sehr Basales. Gerade in existenziellen Notsituationen oder bei Schicksalsschlägen lässt uns das doch wieder zusammenrücken und über oberflächliche Konflikte hinwegsehen. Typischerweise findet im Erwachsenenalter sehr oft eine Annäherung statt, wenn die Eltern pflegebedürftig werden oder sterben – aus ganz pragmatischen Gründen: Man muss Behördentermine abstimmen, besprechen, wer sich worum kümmert, also wieder mehr Kontakt mit den Geschwistern aufnehmen. Aber durch die gemeinsame Familiengeschichte nähert man sich einander in diesem Kontext oft durchaus auch emotional wieder an.

Wenn wir das Verhältnis zu unserer Schwester oder unserem Bruder wieder verbessern wollen, wie kann das jenseits von besonderen Ereignissen gelingen?
Man muss vorsichtig sein mit Patentrezepten und sich den Einzelfall anschauen: Was ist der Grund dafür, dass meine Schwester oder mein Bruder vielleicht weniger Interesse an Kontakten hat? Ein guter Ansatz wäre grundsätzlich Empathie. Vielleicht haben die Eltern mein Geschwisterkind irgendwie benachteiligt, zumindest aus dessen Perspektive. Grundsätzlich sollte man in der Familienpsychologie immer bedenken, dass die Sichtweisen, die Wahrnehmung, das Erleben der einzelnen handelnden Familienmitglieder ganz unterschiedlich sein können. Vielleicht war da irgendeine massive Kränkung aus Sicht meiner Schwester oder meines Bruders.

Wie kann ich damit umgehen, wenn ich glaube, einen solchen Grund gefunden zu haben?
Man könnte das einmal thematisieren und gegebenenfalls einfach einmal nachfragen: „Warum hebst du nie ab, wenn ich dich anrufe? Was ist eigentlich der Grund?“ Wenn sich herausstellt, dass etwa einseitig irgendeine Verstimmung stattgefunden hat, sollte man das Übel bei der Wurzel packen. Wie in fast allen menschlichen Beziehungen steht und fällt das mit der Kommunikation. Dinge zu besprechen, hilft in den allermeisten Fällen.

Der Psychologe Harald Werneck ist Assistenzprofessor am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien. Geschwisterbeziehungen kennt er nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive: Er hat selbst zwei ältere Geschwister und zwei Töchter


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