Familienalltag
Aller guten Dinge ... Leben mit Drillingen
Wenn drei Kinder gleichzeitig aufwachsen, bringt das viel Freude, aber auch Herausforderungen mit sich. Gute Organisation und Gelassenheit erleichtern den Alltag. Ein Besuch bei Jule, Daniel und ihren sechsjährigen Drillingsmädchen.
veröffentlicht am 01.04.2026
Es ist ein grauer Samstagmorgen im Kölner Neubauviertel. Nasse Straßen, trister Himmel, Feuchtigkeit, die in die Jacke kriecht. Doch als sich die Tür des Reihenhauses öffnet, ändert sich die Stimmung. Drei Mädchen in bunten Kleidern stürmen die Treppe hinunter und nehmen mich aufgeregt in Empfang. Die Sechsjährigen finden meinen Besuch offenbar genauso spannend wie ich.
Mama Jule setzt sich zu mir in die Sofalandschaft. Von hier aus haben wir freien Blick in den Garten. Auch Vater Daniel gesellt sich dazu. Das Erzählen übernehmen erstmal Mila, Mara und Lena - drei blonde Prinzessinnen, die wild um mich herumspringen. Ich erfahre, als was sie an Karneval gegangen sind, dass Mara gerne blau mag und Lena gerade das Thema „Frühblüher“ im Sachunterricht hat.
Was denn das Beste am Drillingsleben sei, frage ich in den Trubel hinein. „Dass man nie allein spielen muss“, kommt die prompte Antwort. Ob sie denn gerne zusammen spielen? „Nö, am liebsten spiele ich in meinem Zimmer“, meint Mara. Seit einem Jahr hat jede ihr eigenes Reich. Stolz zeigen sie ihre neuen Hochbetten. Lena hat beschlossen, dieses Jahr „aufräumen“ zu fasten und genauso kunterbunt sieht es auch aus.
Überraschung beim Ultraschall: Schock und neues Auto
Zurück im Wohnzimmer erzählt Jule, wie alles anfing. „Es war früh klar, dass wir Zwillinge erwarten.“ Alles verläuft normal, doch in der 13. Woche setzen plötzlich Blutungen ein und Jule geht besorgt zu ihrer Ärztin. Beim Ultraschall gibt es Entwarnung: „Nummer eins sieht gut aus. Nummer zwei auch“, sagt die Gynäkologin und dann eine ganze Weile nichts mehr. „Während ich die Bubbles auf dem Bildschirm beobachtete, rief sie plötzlich: ‚Oh, da haben wir jemanden vergessen!‘“
Während die Ärztin erklärt, dass sich zwei Embryos eine Fruchthöhle teilen und einer der beiden deshalb nicht zu erkennen war, versucht Jule den ersten Schock zu verdauen. Zu Hause überbringt sie ihrem Mann die Neuigkeit und seine pragmatische Reaktion ist: „Dann brauchen wir ein neues Auto!“ Es soll später sogar ein Bus werden, der der Familie das Leben sehr erleichtert.
Doch erst einmal gilt es, drei Babys auszutragen. „Ich habe mir wegen der Risikoschwangerschaft große Sorgen gemacht und mich über jeden geschafften Tag gefreut“, erinnert sich Jule. Im Sommer 2019 ist es so weit. „Es war die 35. Woche und ich lag seit Tagen in einem Spezialkrankenhaus. Alles an mir war geschwollen und mein Bauch so groß, dass er aus dem Krankenhausbett hing.“ Für sie ist klar: „Das geht so keinen weiteren Tag mehr.“
Mila, Mara und Lena kommen per Kaiserschnitt zur Welt. Alle atmen selbständig. Sie sind leicht, aber fit! Weil es ihnen so gut geht, werden sie in ein normales Kinderkrankenhaus verlegt. Jule aber muss wegen ihrer Kaiserschnittwunde noch liegen und sieht die Drillinge drei Tage lang nicht. „Das hat mir sehr zugesetzt“, erinnert sie sich und man sieht ihr den Schmerz noch an. Wenigstens liegen die Mädchen zu dritt in einem Wärmebettchen und werden rundum gut versorgt. Nach drei Wochen dürfen sie nach Hause.
Zwölf Portionen Milch und Füttern und Wickeln im Akkord
„Wofür wir unglaublich dankbar waren: Im Krankenhaus haben sie die Kinder an einen Vier-Stunden-Rhythmus gewöhnt.“ Wie ein Uhrwerk bekommen die drei Hunger und schlafen zuverlässig zwischen den Mahlzeiten. Mit Ausnahme von Lena, der die Eindrücke des Tages am Abend doch zu viel werden: Sie schreit zwischen 17 bis 24 Uhr, sobald die Eltern sie hinlegen wollen. „Wir haben sie stundenlang rumgetragen und Staubsaugergeräusche zur ihrer Beruhigung gehört. Die anderen hat das nicht gestört.“
Gefüttert wird im Akkord. Zuerst die ungeduldigen eineiigen Zwillinge Mila und Mara. „Ich habe sie links und rechts neben mich auf ein Stillkissen gelegt und parallel die Flasche gegeben.“ Dann ist Lena dran, die fürs längere Warten eine Extraportion Kuscheleinheiten bekommt. „Abends haben wir zwölf Portionen Milch fertig gemacht und mit nach oben genommen, so dass wir nachts nur danach greifen mussten.“
Auch das Wickeln spielt sich ein. „Zur Geburt hatten wir ein Windel-Liefer-Abo geschenkt bekommen, das Gold wert war.“ Am Tag verbrauchen die Babys locker 18 Stück. „Kaum hatten wir eine frische an, war sie schon wieder voll“, kichern die Mädchen. Der Drillingswagen kostet Jule Nerven. „Er war riesig, ließ sich kaum lenken.“ Nach und nach werden die Kleinen mobiler. „Die eine ging an die Steckdose, die zweite an die Blumenerde, die dritte steckte sich einen Stein in den Mund und ich musste entscheiden, wen ich zuerst retten muss.“
Die Lockdowns in der Corona-Zeit: Fast ein Segen für die Familie
Die Lockdowns in der Coronazeit sind für die Familie fast ein Segen: „Wir saßen sowieso hier fest, mit drei Babys ist man ziemlich ans Haus gefesselt. Wir hatten auch keine Hilfe, denn die Großeltern leben in Berlin und der Schweiz.“ Während draußen die Welt stillsteht, erobern die Kinder Haus und Garten und vermissen nichts. „Der größte Benefit war, dass Daniel seitdem meist im Homeoffice arbeiten kann. Das macht alles viel leichter“, sagt Jule.
Sie selbst bleibt zwei Jahre zu Hause. „Mit Drillingen kann man neun Jahre Elternzeit nehmen. Bezahlt wird aber nur ein Jahr mit einem kleinen Aufschlag für die Geschwisterkinder“, sagt Daniel. Mit zwei gehen die Kleinen stundenweise zu einer Tagesmutter, so dass Jule mal durchschnaufen kann. Mit knapp drei kommen sie in den Kindergarten - jede in eine andere Gruppe, denn so sind die Regeln der Kita.
Seit dem Sommer 2025 gehen die Mädchen nun in die Grundschule – auch wieder in unterschiedliche Klassen. Sie haben ihre eigenen Freundeskreise und unterschiedliche Interessen. Auch wenn sich vor allem Mila und Mara ähnlich sehen, so sind alle drei doch ganz eigene Persönlichkeiten. Mara ist viel draußen in der Natur und spielt auch gerne mal mit Jungs. Ihre eineiige Zwillingsschwester Mila ist eher künstlerisch-kreativ.
Lena wird häufig älter geschätzt, obwohl sie eigentlich die Jüngste im Bunde ist. Sie liebt tanzen und wirkt schon ziemlich reif. Unter den Schwestern ist sie die Ruhigste und Harmoniebedürftigste. „Mila und Mara sind aufbrausender als Lena. Sie muss manchmal einiges einstecken und zieht sich zurück, wenn die anderen streiten. Wir müssen aufpassen, dass es ihr nicht zu viel wird“, beschreibt Jule die Dynamik.
Der Alltag ist eine Mischung aus effizienter Planung und Gelassenheit
Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch. Alle sind gerne draußen und alle schlafen wie die Murmeltiere. Ein Glück, denn es beschert ihren Eltern schon früh ruhige Nächte. Zum Problem wird es erst mit der Einschulung. „Es ist schwer, sie aus dem Bett zu bekommen“, seufzt Jule. „Wir teilen uns auf. Während einer die Kinder zur Eile antreibt, managt der andere den Rest.“ Vor allem Mila kann sich oft nicht entscheiden, was sie anziehen soll, und wechselt ihr Outfit gerne nochmal kurz vor knapp.
Seit sie einen neuen Trick anwenden, ist das Problem jedoch gelöst. „Die Kinder legen sich jetzt abends in ihren Klamotten für den nächsten Tag ins Bett. Das spart uns wertvolle Zeit am Morgen.“ Auch die Pausenbrote liegen dann schon fertig in der Box. Zur Schule geht es mit dem Lastenrad durchs Viertel und den kleinen Wald. „Das Rad ist für uns das zweite Auto. Ohne könnten wir nicht überleben“, schmunzelt Jule.
Ihr Alltag mit den Drillingen ist eine Mischung aus effizienter Planung und ‚Fünfe grade sein lassen‘. „Manches klappt bei uns besser und schneller als bei anderen - einfach, weil wir von Anfang an alles durchtakten mussten. Ich bin strukturiert und Daniel bringt Gelassenheit mit. Er ist der beste Drillings-Papa überhaupt“, sagt Jule und blickt vielsagend zu ihrem Mann, der sich gerade in aller Seelenruhe von den Mädels föhnen, kämmen und frisieren lässt und damit Raum für das Interview schafft.
„Eine Nachbarin hat mal zu mir gesagt: Man kriegt immer die Aufgabe, die man bewältigen kann.“ Und tatsächlich scheinen die Eltern sich perfekt zu ergänzen. So sehr, dass beide jetzt wieder Vollzeit arbeiten und Jule sogar zwei Tage pro Woche in Frankfurt ist. „Das ist wertvolle Zeit für mich und tut der ganzen Familie gut, weil ich so viel ausgeglichener bin“, sagt sie dankbar. Die restlichen Tage arbeitet sie im Homeoffice und kann ihre Zeit flexibel einteilen.
Die Reaktionen: Applaus in Italien, Skepsis in Deutschland
Was im Alltag gut klappt, lässt sich auch auf den vielen Reisen der Familie umsetzen. „Wir waren immer schon gerne unterwegs und haben unsere Leidenschaft an die Kinder vererbt.“ Davon zeugen viele Urlaubsbilder im Treppenaufgang. „Wir waren auf den Malediven und zwei Monate lang in Asien, sind durch Südeuropa gereist und haben letztes Jahr eine Camper-Tour durch Irland gemacht. Dieses Jahr stehen Kroatien und die Niederlande an.“
Was ihnen dabei aufgefallen ist: In Deutschland reagieren die Menschen anders auf ihre Drillinge als zum Beispiel in Südeuropa. „In Italien haben wir im Restaurant Standing Ovations bekommen. Die räumen den ganzen Laden um, wenn wir kommen“, sagt Daniel. Hierzulande wird die Familie manchmal mit skeptischen Blicken bedacht. ‚Das muss anstrengend sein‘ ist ein Satz, den sie häufig hören. „Eine ältere Frau sagte mal: ‚Ich würde mich erschießen!‘“
Jule lässt sich von solchen Bemerkungen nicht aus dem Konzept bringen. „Ich sehe die Dinge gerne positiv“, betont sie, während sie ihre Mädchen liebevoll betrachtet. „Natürlich kann man drei gleichaltrigen Kindern nicht jede Minute des Tages so gerecht werden, wie man eigentlich möchte. Man kommt ständig an seine Grenzen, denn eine schreit immer“, sagt sie. „Aber dafür haben die drei etwas sehr Wertvolles: Sie gehen ihren Lebensweg gemeinsam und waren von Anfang an eng verbunden. Und ich hoffe, dass sie immer füreinander da sein werden.“
Ein seltenes Wunder
Drillingsgeburten sind etwas Besonderes. Im Jahr 2024 gab es in Deutschland über 677.000 Geburten. Darunter waren 10.275 Zwillingspaare, aber nur 151 Mal Drillinge. Sie werden fast immer früher geboren, im Schnitt zwischen der 32. und der 34. Woche. Etwa 80 Prozentt aller Drillinge sind dreieiig - also nicht ähnlicher als normale Geschwister. Drillinge mit einem eineiigen Zwillingspaar sind sehr viel seltener. Die Wahrscheinlichkeit eineiige Drillinge zu bekommen, liegt bei eins zu 200 Millionen. Nur etwa ein Viertel aller Drillinge haben das gleiche Geschlecht.







