Einzelkinder
Aufwachsen ohne Geschwister
Wie prägt es eine Familie, wenn sie nur aus Mutter, Vater und einem Kind besteht? Unsere Autorin Janina Mogendorf und ihre Tochter Lia sprechen über ihr Leben als Einzelkindfamilie, gemeinsame Erfahrungen und Klischees, die ihnen immer wieder begegnen.
veröffentlicht am 19.08.2026
Janina: Lia, wie ist für dich, ein Einzelkind zu sein?
Lia: Einfach! Ich kann zum Beispiel meine Meinung zu Hause häufig durchsetzen, weil sich niemand beschwert, dass es unfair ist. Und ich finde es einfach gut, Einzelkind zu sein. Wenn es anders wäre, wäre es vielleicht nicht so leicht.
Janina: Würdest du sagen, du hattest eine schöne Kindheit?
Lia: Ja, auf jeden Fall, mir hat nie was gefehlt. Ich habe viel mit Freunden gespielt, konnte mich aber auch gut allein beschäftigen und hab auch immer gerne Zeit mit euch verbracht. Wie ist es denn für dich, nur ein Kind zu haben?
Janina: Am Anfang war es nicht so leicht. Wir waren sehr glücklich mit dir, aber haben uns ein zweites Kind gewünscht. Vor allem, als im Freundeskreis die meisten ein zweites oder sogar drittes Kind bekommen haben. Nach und nach wurde es besser und irgendwann war es einfach gut. Heute haben wir das Gefühl als Familie vollständig zu sein.
Lia: Ich habe nicht mitbekommen, dass es für euch schwer war und bin froh, dass es heute nicht mehr so ist.
Janina: Ja, heute sehen wir viele Vorteile. Wir sind ein eingespieltes Team, haben ein gutes Verhältnis, reisen, machen Ausflüge. Es ist schön, dass du gerne mit uns unterwegs bist, auch wenn ich verstehen könnte, wenn es anders wäre. Eine Freundin von mir hat drei Kinder im Teenageralter. Sie erzählt, dass sie kaum noch etwas finden, was der ganzen Familie Spaß macht.
Lia: Für mich ist selbstverständlich, dass wir etwas zusammen unternehmen, weil ich es auch nur so kenne. Es ist etwas ruhiger, als wenn man was mit Gleichaltrigen macht, aber sehr ungezwungen. Natürlich gibt es manchmal Diskussionen. Jeder sagt, was er will, und dann finden wir eine Lösung. Wenn ich noch Geschwister hätte, wäre das vielleicht schwerer, weil sie andere Wünsche hätten.
Janina: Hast du denn das Gefühl, dass wir ein besonders enges Verhältnis haben, weil wir zu Dritt sind?
Lia: Ja, definitiv. Ich fand schon immer, dass wir häufig einer Meinung sind. Weil wir viel Zeit miteinander verbringen, kommen wir einfach super miteinander zurecht.
Janina: Gibt es denn als Einzelkind auch Nachteile?
Lia: Es gab Zeiten, da bin ich nicht gerne alleine zu Hause gewesen. Ich habe mir Sorgen gemacht, wenn ihr ohne mich unterwegs wart. Das wäre mit Bruder oder Schwester sicher anders gewesen. Es war besser, als unser Hund noch gelebt hat. Mit ihm habe ich mich sicher gefühlt.
Janina: Ich tue mich heute noch schwer damit, ohne dich auszugehen und bin froh, wenn du dann Besuch hast. Ich glaube, ich hätte dich früher entspannter draußen laufen lassen, wenn Geschwister dabei gewesen wären. Gerade im Urlaub. Wir waren mal mit Freunden unterwegs und die Kinder waren auf einem weiter entfernten Spielplatz. Als die Tochter von der Rutsche fiel, kam ihr Bruder gerannt und hat Bescheid gesagt. Das fand ich gut. In solchen Momenten habe ich bedauert, dass du keine Geschwister hast.
Lia: Ja, kann ich verstehen. Ich denke aber, wenn man ein kleineres Geschwisterchen hat und ständig aufpassen muss, dann kann diese Verantwortung auch anstrengend werden. Es wird dann eine Verpflichtung. Da finde ich es besser, wenn man mit Freunden unterwegs ist, weil man sie mag und sich frei dafür entschieden hat.
Janina: Das stimmt, Geschwister können auch nervig sein und man versteht sich nicht immer gut. Auf der anderen Seite gehört man aber automatisch zusammen, ohne sich dafür irgendwie anstrengen zu müssen. Ich habe hier ein paar Klischees zu Einzelkindern und würde gerne mit dir darüber reden. Was man oft hört, ist:
„Einzelkinder können nicht teilen.“
Lia: Das würde ich nicht unterschreiben, denn ich hatte noch nie Probleme damit. Ich glaube sogar, dass ich manchmal besser teilen kann als andere, weil ich ja nie mit Geschwistern um etwas konkurrieren musste.
Janina: Das ist auch mein Eindruck. Du hast schon im Kindergarten gerne Spielsachen oder andere Dinge geteilt. Wie ist es mit
„Einzelkinder sind verwöhnt“?
Lia (lacht): Da würde ich zustimmen. Geschwister müssen vermutlich häufig auf Dinge verzichten oder bekommen weniger Taschengeld. Es geht zum Beispiel bei Geschenken ja auch um die Frage, was die Eltern sich leisten können.
Janina: Ja, das stimmt. Außerdem richten wir uns oft nach deinen Wünschen, zum Beispiel beim Essen oder wenn wir unterwegs sind. Das ist sicher einfacher, wenn man nur ein Kind hat.
„Einzelkinder werden schneller erwachsen.“
Lia: Ich bin 14 und habe das Gefühl, dass ich mit Gleichaltrigen nicht so die Gesprächsthemen habe. Ich unterhalte mich gerne mit Älteren, weil ich ihre Themen spannender finde.
Janina: Wahrscheinlich, weil du in deinem Leben einfach mehr mit Erwachsenen zu tun hast. Ich empfinde dich auch nicht als typischen Teenager und staune oft, wie entspannt du dich mit Älteren unterhältst.
„Einzelkinder müssen alle Erwartungen ihrer Eltern erfüllen.“
Ist das etwas, was du auch spürst?
Lia: Bei uns habe ich das nie so empfunden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Eltern bei Einzelkindern höhere Erwartungen haben, weil sie sie nur auf ein Kind projizieren können. Zum Beispiel, wenn es um gute Noten oder einen bestimmten Schulabschluss geht.
Janina: Ich denke, das ist ein bisschen abhängig davon, ob Eltern grundsätzlich bestimmte Vorstellungen für ihre Kinder haben oder da eher offen sind. Aber klar, wenn man nur ein Kind hat, dann liegt der Fokus mehr auf seinem Weg. Was meinst du zu:
„Einzelkinder lernen nicht, auf andere Rücksicht zu nehmen.“
Lia: Das kann man nicht so pauschal sagen. Ich sehe in der Schule, wie rücksichtslos manche Kinder gegenüber anderen sind - egal, ob sie Geschwister haben oder nicht.
Janina: Ich nehme das auch nicht so wahr. Wenn du Freunde da hast, merke ich oft, dass du auf ihre Bedürfnisse achtest, sie zum Beispiel entscheiden lässt, was ihr macht oder welchen Film ihr schaut.
„Einzelkinder haben es schwer, Freundschaften zu schließen.“
Lia: Ja, vielleicht. Ich habe den Eindruck, dass man extrovertierteres Verhalten eher bei Geschwisterkindern sieht. Einzelkinder halten sich eher mal zurück und sind vielleicht auch wählerischer mit ihren Freundschaften.
Janina: Geschwister müssen untereinander auch Verhaltensweisen akzeptieren, die sie nicht mögen. Und dann sind sie vielleicht auch toleranter, wenn es um Freundschaften geht. Wer zu Hause mit anderen Kindern zusammen ist, geht möglichweise leichter auf andere zu. Würdest du sagen
„Einzelkinder fühlen sich oft einsam.“
Lia: Ich selbst habe das nie so empfunden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es anderen Einzelkindern so geht.
Janina: Ich bin froh, dass du dich nicht einsam fühlst. Ich staune immer, wie zufrieden du bist, wenn du etwas alleine machst. Als letztes habe ich noch
„Einzelkinder wünschen sich Geschwister.“
Lia: Ich glaube, davon könnte ich nicht weiter entfernt sein. (lacht) Ich war immer sehr froh, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und würde das auch nicht ändern wollen. Ich bin erleichtert, dass ich euch für mich alleine habe. Also, vielleicht kann ich doch nicht so gut teilen, wie gedacht.






