Kind im Knast

Hilfe, mein Kind ist kriminell!

Wenn das eigene Kind mit dem Gesetz in Konflikt kommt, sind die Eltern geschockt. In den meisten Fällen ist eine Lösung in Sicht. Doch manchmal müssen die Eltern hilflos zusehen, wie ihnen ihr Kind entgleitet.

veröffentlicht am 01.09.2015

Sie waren eine zufriedene Familie. Mutter, Vater und drei Kinder. Der Sohn, die Tochter und die Kleine, das Nesthäkchen. Sie lebten in einem Dorf in Süddeutschland, nahe einer Großstadt. Die Kinder gingen zur Schule. Die Mutter arbeitete als Krankenschwester, der Vater als Servicetechniker. Jedes zweite Jahr fuhr die Familie zusammen in den Urlaub. Sonntags wurde gemütlich gefrühstückt.

Heute, viele Jahre später, sitzt die Mutter auf einer Couch in der Beratungsstelle für Angehörige von Inhaftierten (BAI) in Nürnberg und versucht, zu beschreiben, was passiert ist. Versucht, Worte zu finden für etwas, was kaum zu begreifen ist. All die kleinen und großen Katastrophen in den vergangenen rund zehn Jahren. All das, was ihr nach und nach ihr Kind genommen hat. Denn ihre jüngste Tochter, inzwischen 24 Jahre alt, sitzt im Knast. Und das nicht zum ersten Mal.

Doch der Reihe nach. Angefangen hatte es, als Agnes* 15 war. Die beiden älteren Kinder waren schon erwachsen. Mutter Regina Schmidt hatte gerade zum zweiten Mal geheiratet. Agnes war einverstanden mit der neuen Ehe. Die Mutter und ihr neuer Mann fuhren in die Flitterwochen. Dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus: Ihre Tochter hat eine Alkoholvergiftung.

Damals dachte Regina Schmidt noch, das sei normal. Jugendliche machen so was. Das wächst sich aus. Doch es wuchs sich nicht aus. Im Gegenteil.

Agnes trank und nahm Drogen. Sie brach ihre Ausbildung zur Arzthelferin ab. Zu Hause lag sie nur herum, ließ sich bedienen. Sie kam und ging, wann sie wollte. Alles war ihr egal. Das ging über Monate so. Bis ihre Mutter nicht mehr konnte. „Ich habe sie rausgeschmissen!“, sagt Regina Schmidt.

Ganz ruhig und klar sagt sie es. Nicht, weil es ihr damals so leicht gefallen wäre. Sondern weil sie im Rückblick versteht, dass sie keine andere Wahl gehabt hat.

Keine Hilfe, wenn die Tochter nicht will

Nach einiger Zeit kam Agnes zurück. Zeitweise ging sie zur Schule, irgendwann schmiss sie auch die hin. Die Situation zu Hause eskalierte. Die Mutter warf sie wieder raus. Einige Tage später nahm sie sie wieder auf. So ging das hin und her. „Immer, wenn ich gedacht habe, sie hat ihre Lektion gelernt, habe ich ihr wieder eine Chance gegeben“, erzählt Regina Schmidt. Sie wandte sich an Erziehungsberatungsstellen, rief beim Jugendamt an, bei der Caritas. „Immer wurde mir gesagt: Es gibt keine Hilfe, wenn sie nicht will.“

Sie wollte nicht. Weil es Streit mit dem Stiefvater gab, zog Agnes in ein Mädchenwohnheim. Nach drei Wochen musste sie gehen – weil sie Drogen und Alkohol konsumiert hatte. Als sie 17 war, begann sie, sich zu prostituieren.

Wenn sie in der Stadt unterwegs war, fuhr sie schwarz. Dass sie erwischt wurde, war ihr egal. Dass sie zahlen musste, war ihr egal. Und auch die Anzeige, die sie bekam, war ihr egal. Es folgten weitere Anzeigen, unter anderem wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Körperverletzung. Sie war halb nackt durch die Stadt gelaufen, hatte sich Verfolgungsjagden mit der Polizei geliefert und ein Mädchen mit einer Glasflasche verletzt. Sie beschimpfte ihre Mutter lautstark und bei geöffneten Fenstern als „Schlampe“ und „verfickte Hure“. „Wenn sie Drogen genommen hat“, sagt Regina Schmidt, „ist sie definitiv nicht mehr mein Kind.“

Salesianerpater Christian Vahlhaus kennt ganz ähnliche Fälle. Im Jugendhilfezentrum Don Bosco im hessischen Sannerz, dessen Leiter er ist, werden unter anderem Kinder betreut, die teilweise schon mehrfach straffällig geworden sind, die früh mit Drogen und Alkohol in Berührung gekommen sind, für die der Aufenthalt in Sannerz die vielleicht letzte Chance bedeutet. In die Arbeit mit den Kindern werden auch die Eltern miteinbezogen. Der wichtigste Rat, den Pater Vahlhaus Eltern immer gibt, ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben. „Wir können nicht die Entscheidung für den Jugendlichen treffen. Aber wir können versuchen, dass der Jugendliche selbst erkennt, was gut oder eben nicht gut für ihn ist.“ In der Arbeit mit den Eltern versuchen er und seine Mitarbeiter, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, damit Kinder und Eltern wieder gut zusammenleben können. Schuldgefühle seien dabei fehl am Platz, meint der Priester. „Ich ermutige die Eltern. Alle Eltern lieben ihre Kinder und wollen für ihr Kind das Beste. Manchmal gelingt es vielleicht nicht, die passenden Worte oder Handlungen zu finden. Aber die Grundbasis ist da.“ Im Übrigen, fügt er hinzu, machten alle Eltern und alle Betreuer in der Erziehung auch mal Fehler. „Die Eltern dürfen sich zugestehen, dass sie Menschen sind. Es gibt keine perfekten Eltern.“

Bei Agnes gingen die Katastrophen weiter. Eine Schwangerschaft, eine Abtreibung. Weitere Anzeigen. Auflagen vom Gericht, die von der jungen Frau nicht eingehalten wurden. Inzwischen hatten die Eltern einen Betreuer für ihre Tochter bestellt. Immer wieder milde Urteile, mal eine Bewährungsstrafe, mal ein Wochenendaufenthalt in der JVA.

Bis schließlich das Gericht keine Gnade mehr walten ließ und die inzwischen 21-Jährige zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe verurteilte. Noch bevor sie die Haft antrat, wurde Agnes wieder schwanger. Schwanger ging sie ins Gefängnis. Weil der Drogentest positiv war, wurde sie ins Krankenhaus eingewiesen. Von dort floh sie trotz Bewachung und tauchte unter. Bei der Mutter meldete sie sich kurz, um zu sagen, dass es ihr gut gehe.  

Agnes entband ihr Kind in einem Krankenhaus, ohne Ausweis, ohne Mutterpass. Einen Tag später rief sie zu Hause an und informierte die Mutter über die Geburt. Dann war sie wieder verschwunden. Das Kind ließ sie im Krankenhaus zurück.

Ein zermürbendes Auf und Ab

Die Polizei fand die Geflohene, Agnes saß ihre Haftstrafe ab. Entlassen wurde sie mit der Auflage, eine Langzeittherapie zu machen, um von der Sucht wegzukommen. Im Januar 2015 hat Agnes die Therapie abgebrochen. Bereits kurze Zeit später meldete sie sich wieder bei der Mutter.

„Es war Februar. Es war so kalt draußen“, erzählt Regina Schmidt. Weil alle Obdachlosenunterkünfte überfüllt waren, gestatteten Mutter und Stiefvater Agnes, wieder nach Hause zu kommen, und stellten ihr die freie Wohnung im ersten Stock zur Verfügung. Es war ein letzter Hoffnungsschimmer.

Nach einem zermürbenden Auf und Ab – Agnes verfiel nach einer kurzen Zeit der Entspannung wieder in die alten Muster, ihr neuer Freund zog mit ein, sie nahm wieder Drogen – gab es einen massiven Vertrauensbruch, der den Ausschlag dafür gab, dass Regina Schmidt ihre Tochter und den Freund bat, die Wohnung nun endgültig zu verlassen. 

Was muss geschehen, damit ein Mädchen sich so entwickelt? Was sind die Ursachen dafür, dass Kinder und Jugendliche kriminell werden?

Experten nennen vielfältige Gründe, die eine kriminelle Laufbahn von jungen Menschen begünstigen können. Alkohol- und Drogenkonsum der Eltern zählen  zum Beispiel dazu, familiäre Krisensituationen, emotionale Verwahrlosung, ein Mangel an Bildung oder die falschen Freunde. Auch bestimmte Einflüsse von Religionen können mit dazu beitragen, dass junge
Menschen auffällig werden. Doch das erklärt längst nicht alle kriminellen Karrieren. Auch Kinder aus ganz normalen Elternhäusern werden zu Straftätern. Und umgekehrt driften nicht alle Jugendlichen, die unter schwierigen Rahmenbedingungen aufwachsen müssen, in die Kriminalität ab.

Die Mutter gab sich die Schuld 

Agnes Schmidt hatte eine behütete Kindheit, ein schönes Zuhause. Wie konnte es geschehen, dass sie ihr Leben so gar nicht in den Griff bekommen hat? Natürlich stellte sich die Mutter die Frage: Was habe ich falsch gemacht?

„Das habe ich ganz, ganz lange getan“, sagt Regina Schmidt. „Habe gedacht, der Fehler war, dass ich mich habe scheiden lassen, dass ich relativ schnell wieder einen neuen Partner hatte. Dass ich zu autoritär war. Oder zu weich.“ Sie habe ihre beiden älteren Kinder gefragt, was sie verletzt hätte, aber die sagten, sie sei die beste Mutter gewesen, die man sich hätte vorstellen können.

„Es bringt nichts, die Schuld bei mir zu suchen“, ist Regina Schmidt heute überzeugt. „Es ist schade, dass es so ist, wie es ist. Aber ich kann es nicht ändern. Sie ist erwachsen und muss ihren Weg gehen. Wenn sie Hilfe braucht, bin ich da. Wenn sie die Hilfe nicht möchte, habe ich inzwischen hoffentlich gelernt, sie einfach gehen zu lassen.“

Regina Schmidt hat gemerkt, dass sie selbst kaputtgeht, wenn sie nicht lernt, die Verantwortung abzugeben. Eine Perspektive für ihr Kind sieht sie im Moment nicht. „Ich glaube an keine Zukunft“, sagt sie mit zitternder Stimme, und Tränen laufen über ihr Gesicht.

Und mit einem zaghaften Lächeln fügt sie hinzu: „Es gab eine Zeit, in der sie schon mal auf der Straße gelebt hat und wir uns alle 14 Tage am Bahnhof zum Kakao getroffen haben. Das war ganz entspannt und lustig. Das wäre jetzt erst mal mein Ziel. Den Kontakt nicht abreißen zu lassen.“    

*alle Namen der Familienangehörigen geändert

Diebstahl, Schwarzfahren – (k)ein Problem?

Tipps für Eltern, deren Kind erstmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist,von Sieglinde Schmitz, Gesamtleiterin des Jugendhilfezentrums Don Bosco Helenenberg

1. Gehen Sie sachlich an die Situation heran. Lassen Sie Ihre Wut und Enttäuschung abklingen, bevor Sie mit Ihrem Kind sprechen. Vorwürfe stören die Gesprächsatmosphäre.
2.  Geben Sie Ihrem Kind den Raum, zu reden, stellen Sie keine Fragen, die es nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Stellen Sie Fragen, um herauszufinden, wie es zu dem falschen Verhalten gekommen ist, was genau passiert ist und wie Ihr Kind die Situation erlebt hat.
3.  Lassen Sie Ihr Kind spüren, dass Sie an seiner Seite sind, die Straftat aber verurteilen.
4.  Überlegen Sie gemeinsam, was Ihrem Kind helfen könnte. Mögliche Maßnahmen sind: besseres Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes, beispielsweise was gemeinsame Zeit, Anerkennung oder Taschengeld angeht. Klarere Grenzen setzen für bestimmte Bereiche.
5. Wurde die Straftat in einer Gruppe begangen? Dann kann es sinnvoll sein, mit den Eltern der anderen Kinder oder Jugendlichen oder mit den Freunden selbst Kontakt aufzunehmen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Tun Sie beides jedoch nur nach Rücksprache mit Ihrem Kind.
6. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, sich professionellen Rat zu holen, zum Beispiel bei Erziehungsberatungsstellen oder beim Jugendamt.
7. Egal, was passiert: Bleiben Sie mit Ihrem Kind im Gespräch!


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