Jugendkriminalität

Wie Polizei und Sozialarbeit Jugendliche vor einer Intensivtäterkarriere bewahren

Es ist ein Projekt mit Vorbildcharakter: Die Initiative „Kurve kriegen“ in Nordrhein-Westfalen geht neue Wege, um kriminalitätsgefährdeten Kindern und Jugendlichen rechtzeitig zu helfen. Sozialarbeiter Gregor Winand über Ansätze und Herausforderungen.

veröffentlicht am 20.02.2024

Die Initiative „Kurve kriegen“ hat als Zielgruppe kriminalitätsgefährdete Kinder und Jugendliche. Was bedeutet das genau? Wen wollen Sie erreichen?
Wir suchen nach Teilnehmern insbesondere im Alter zwischen acht und 15 Jahren. Dabei geht es uns nicht um sämtliche Kinder und Jugendliche, die einmalig durch eine Straftat auffällig geworden sind. Nach unserer Erkenntnis sind sechs bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen für etwa 50 Prozent der Straftaten in dieser Altersgruppe verantwortlich – und genau diese Gruppe wollen wir erreichen. Entscheidend ist auch, ob die Kinder und Jugendlichen bestimmte Risikofaktoren aufweisen, die ein Fortführen von Straftaten wahrscheinlich machen. Solche Risikofaktoren können zum Beispiel ein kriminalitätsbelastetes Wohnumfeld oder Elternhaus sein.
 
Sind das mehr Jungen, die bei „Kurve kriegen“ mitmachen, oder sind genauso viele Mädchen mit dabei?
Tatsächlich liegt der Anteil der Mädchen bei uns unter 20 Prozent. Das heißt, dass wir durchaus Mädchen in das Programm aufnehmen, aber deutlich weniger als Jungen.
 
Welche Straftaten begehen die Kinder und Jugendlichen am meisten?
Das sind teils Diebstahl-, aber vor allem auch Gewaltdelikte. Damit sind keine Auseinandersetzungen, die einmalig eskalieren gemeint, sondern wir reden dabei von Kindern und Jugendlichen, die wiederholt Grenzen überschreiten, körperlich aggressiv und übergriffig werden – gegenüber anderen Jugendlichen, Erwachsenen oder auch Beamten, wenn es Ärger mit der Polizei gibt.
 
Wie kommen diese Jugendlichen zu „Kurve kriegen“? Wie finden Sie genau diese Gruppe?
Genau das ist das Einmalige von „Kurve kriegen“, denn bei uns arbeitet ein Team von polizeilichen und pädagogischen Fachkräften unter einem Dach zusammen. Das bedeutet vom Vorgehen her: Die Polizei nutzt ihre Daten, um nach unseren Kriterien potentielle „Kurve kriegen“-Teilnehmer herauszufiltern. Anschließend bekommt die Familie einen Brief von der Polizei, in dem aufgeführt ist, welche Straftaten oder rechtswidrige Taten ihr Kind in den letzten Monaten begangen hat und dass Hilfe dringend nötig wäre. In diesem Brief wird auch bereits darauf hingewiesen, dass die Teilnahme an der Initiative „Kurve kriegen“ freiwillig und kostenlos ist.
Natürlich ist es nicht so, dass alle Familien, die einen solchen Brief von der Polizei erhalten, sofort darauf reagieren oder offen für das Angebot sind. Wenn Eltern aber zustimmen, gibt die Polizei ihre Kontaktdaten an uns pädagogische Fachkräfte weiter. Hier am Standort Bonn sind wir zu zweit tätig und betreuen im Augenblick zwischen 20 und 25 Teilnehmer. Mit meiner Kollegin zusammen mache ich zeitnah einen Termin mit der Familie aus. Wir laden dabei nie in unser Büro im Polizeipräsidium ein, sondern bitten die Familie, sie in ihrer Wohnung besuchen zu dürfen. So sehen wir direkt das Umfeld, in dem das Kind aufwächst. Wir stellen dann noch einmal sehr ausführlich das Programm vor, erklären deutlich, dass wir keine Polizisten sind und dass die Teilnahme jederzeit ohne negative Folgen abgebrochen werden kann, wenn man gar nicht miteinander klarkommt.
 
Wie geht es danach weiter?
Wichtig ist, dass wir nicht nur das Kind betrachten, sondern dass wir versuchen, das ganze Familiensystem zu analysieren und zu erreichen. Je jünger das Kind ist, umso mehr Einfluss haben die Eltern auch, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Darüber hinaus ist es ganz entscheidend, dass wir erst einmal überhaupt eine Beziehung zu dem Kind oder Jugendlichen aufbauen. Wir investieren also zunächst viel Zeit, um das Kind möglichst unvoreingenommen kennenzulernen. Wenn wir das Vertrauen der Familie und des Kindes gewonnen haben, stellen wir unsere Sicht vor, warum das Kind wiederholt Straftaten begeht, welche Motivation dahintersteckt. Anschließend versuchen wir, Maßnahmen zu definieren, die individuell auf das Kind angepasst sind, und entscheiden zusammen mit der Familie, was wir in welcher Reihenfolge angehen wollen.

Können Sie für solch eine individuell auf das Kind angepasste Maßnahme ein Beispiel nennen?
Ein Kind fällt auf dem Schulhof immer wieder mit Schlägereien auf. Wir stellen fest, dass das Kind kein Selbstbewusstsein während des Unterrichts erfährt, weil es nur schlechte Leistungen erzielt und nicht mit den anderen mithalten kann. Außerdem hat es nicht gelernt, konstruktiv und friedfertig sich mit anderen Kindern auseinanderzusetzen. In diesem Fall würden wir für das Kind ein Coolness-Training vorschlagen. Dort kann es mit anderen Gleichaltrigen, die ähnliche Probleme haben, üben, Signale anderer Kinder besser zu deuten, die eigene Wirkung auf Mitschülerinnen und Mitschüler zu überprüfen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das wäre der eine Ansatz. Der zweite Ansatz wäre zu schauen, welche Lernförderung das Kind benötigt. Muss es lernen, wie man lernt, oder braucht es nur in Form von Nachhilfe zum Beispiel Unterstützung in den Hauptfächern, weil die Eltern das nicht leisten können oder wollen?
 
Was sind für Sie die größten Herausforderungen in der Begleitung und Beratung der Kinder und Jugendlichen?
Zum einen ist es herausfordernd, einen guten Draht zu den Jugendlichen aufzubauen. Doch wir sind da mittlerweile sehr selbstbewusst, denn unsere Erfahrung zeigt, dass auch ein anfangs ablehnendes Verhalten sich in der Regel mit der Zeit verändert und sich die Kinder und Jugendlichen meistens irgendwann öffnen.
Zum anderen müssen wir als Team aushalten, dass die Kinder und Jugendlichen während der Teilnahme weiterhin Straftaten begehen – nur weil sie jetzt Kontakt zu einer pädagogischen Fachkraft haben, verändern sie sich nicht von heute auf morgen. Vielleicht war ein Teilnehmer auf einem guten Weg, hat sich im Gruppentraining verbessert und dann kommt es auf dem Schulhof erneut zu einem Ausbruch körperlicher Gewalt. Mit diesen Rückschlägen müssen wir rechnen, doch es gilt, sie nicht als Misserfolge zu verstehen, sondern als Ansporn, die Maßnahme fortzuführen und noch einmal genau zu schauen, welche Hilfen der Teilnehmer benötigt.
 
Wie lange werden die Teilnehmer durchschnittlich durch „Kurve kriegen“ begleitet?
Zwischen zwei und zweieinhalb Jahren. Wer erfolgreich ist, verlässt uns als sogenannter Absolvent. Das bedeutet, dass der Teilnehmer über einen längeren Zeitraum, etwa ein Jahr oder länger, deliktfrei geblieben ist. Sowohl die polizeiliche als auch die pädagogische Expertise muss dem- oder derjenigen eine positive Sozialprognose ausstellen und die Risikofaktoren müssen entweder beseitigt sein oder der Jugendliche hat entsprechende Kompetenzen entwickelt, trotz der Risikofaktoren seinen Lebensweg zu finden und zu gehen. Etwa 65 Prozent aller Teilnehmer in Nordrhein-Westfalen verlassen uns als Absolventen.
 
Was passiert danach? Halten Sie weiterhin Kontakt zu den Jugendlichen?
Nein, denn es soll nicht der Eindruck für den Jugendlichen entstehen, dass ihm immer ein Stigma anhaftet. Nach dem Motto: „Du warst einmal Teilnehmer bei uns, deswegen bekommst du regelmäßig Kontrollbesuche.“ Sobald jemand die Initiative erfolgreich verlässt, ist die aktive pädagogische Arbeit beendet. Die Teilnehmer selbst können unsere Handynummern aber gerne behalten. Manchmal kommt es vor, dass uns Teilnehmer später kontaktieren, weil sie noch eine Frage haben. Außerdem übergeben wir den Familien am Schluss immer einen Notfallzettel mit sämtlichen Telefonnummern und Adressen der Institutionen, mit denen wir während der Begleitung zusammengearbeitet haben, sodass gegebenenfalls in Eigeninitiative noch einmal auf die bewährte Hilfe zurückgegriffen werden kann.
 
Bei „Kurve kriegen“ arbeiten Polizei und Sozialarbeit eng zusammen. Inwiefern ist das ein entscheidendes Plus?
Vor meiner Tätigkeit hier habe ich auch schon mit Jugendlichen gearbeitet, die auf der Straße gelebt oder viel Freizeit dort verbracht haben und die Straftaten begangen haben. Ein Problem meiner pädagogischen Arbeit war häufig, dass ich oft zu spät und nicht sehr detailliert von dem kriminellen oder grenzüberschreitenden Verhalten der Jugendlichen erfahren habe – oft erst mit der Anklage, wenn die Tat schon Monate zurücklag. So kann ich als Sozialarbeiter nicht mehr adäquat darauf reagieren. Bei „Kurve kriegen“ ist das anders – und eben das entscheidende Plus. Über meine polizeiliche Ansprechpartnerin weiß ich tagesaktuell und unmittelbar, ob ein Teilnehmer wieder polizeilich aufgefallen ist. Ich bekomme nicht nur Informationen, wenn er einer Straftat beschuldigt wird, sondern unter anderem auch wenn er Zeuge oder Opfer einer Straftat war. Das versetzt mich in die Lage, sofort reagieren zu können – durch einen schnellen Anruf oder einen unangekündigten Besuch bei der Familie. Auf diese Weise merkt der Jugendliche, dass ich alles mitbekomme. Er kann sich nicht hinter Ausflüchten verstecken. Ich kann als Sozialarbeiter zeitnah auf ein bestimmtes Verhalten eingehen und gemeinsam mit dem Jugendlichen Handlungsalternativen überlegen. Das ist ein besonderer Wirkfaktor, den ich sonst in meiner Arbeit oft vermisst habe.

Portrait Gregor Winand

Gregor Winand ist Sozialarbeiter bei der Ambulanten Suchthilfe Bonn von Caritas und Diakonie und seit 2016 bei der Initiative „Kurve kriegen“ mit dabei. Vorher war er in der stationären Jugendhilfe, der Inobhutnahme, der offenen Jugendarbeit und als Streetworker tätig.


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