Porträt

Kirsten Boie: Die große Stimme der Kinder- und Jugendliteratur

"Der kleine Ritter Trenk", die "Möwenweg"-Bände oder "Dunkelnacht": Kirsten Boie hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Ihre Werke sind sozialkritisch, provozierend und vielseitig. Warum die Hamburger Autorin für Kinder ein echter Glücksgriff ist.

veröffentlicht am 30.06.2021

Sie ist eine Grande Dame der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Mehr als 100 Bücher hat Kirsten Boie bis heute veröffentlicht und dabei immer wieder ihre besondere Vielseitigkeit gezeigt. Ihre fröhlichen „Möwenweg“-Bände und „Der kleine Ritter Trenk“ stehen ebenso im Kinderzimmerregal wie Geschichten über Flüchtlinge, Mobbing, Obdachlosigkeit und Schulfrust. Wer die Hamburgerin als deutsche Astrid Lind-gren feiert, liegt genauso richtig wie jene, die ihre Werke als provozierend und gesellschaftskritisch bezeichnen.  

„Wenn man für Kinder schreibt, kann man die Hoffnung haben, dass sich etwas bewegt“, sagt die Autorin mit dem blonden Bob und der lebhaften Mimik. Sie ist dankbar, ihre Themen selbst bestimmen zu dürfen. „Ich musste mit meinen Büchern nie meinen Lebensunterhalt verdienen. Wenn du deine Familie mit dem Schreiben ernähren musst, bist du nicht frei. Dann schreibst du ein Buch nach dem anderen und richtest dich nach den Wünschen der Verlage“, macht die erfahrene Schriftstellerin deutlich und ist damit ganz in ihrem Element.

Ungerechtigkeiten sehen, den Finger auf Wunden legen, die Stimme erheben und nicht nur reden, sondern auch handeln – das alles zeichnet das Leben und Wirken von Kirsten Boie aus. Und zwar schon, bevor sie eine erste Zeile veröffentlicht. In den Jahren nach ihrem Studium unterrichtet Boie zunächst Deutsch und Englisch am Gymnasium in einem wohlhabenden Hamburger Jugendstilviertel. Bis sie auf eigenen Wunsch an eine Brennpunktschule wechselt.

Einsatz für das Lesen

„Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, aber ich war sehr naiv und habe nicht geahnt, wie groß der Unterschied sein würde“, sagt sie heute. Die sozialen Brüche, die sie damals als Lehrerin hautnah erlebt hat und seither immer wieder bei Lesungen für Kinder sieht, erschüttern sie nachhaltig. „Es gibt Viertklässler, die mich fragen, warum ich eine Geschichte aus einer bestimmten Perspektive geschrieben habe. Und Gleichaltrige, die noch nicht mal den Titel entziffern können, wenn ich das Buch hochhalte.“

„Ein Fünftel der Grundschulabgänger kann nicht sinnentnehmend lesen. Sie können zwar Buchstaben zu einem Wort zusammenziehen, verstehen aber nicht, was es bedeutet“, erklärt Boie. „An weiterführenden Schulen wird Lesen nicht mehr gelehrt. Damit sind diese Kinder dazu verdammt, in jedem Fach zu versagen. Sie können später keinen qualifizierten Beruf erlernen, nicht in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen. Sie erleben jahrelang, dass sie nicht gut genug sind. Was das für ihr Selbstbewusstsein bedeutet, kann man sich ausrechnen.“

2018 setzt Kirsten Boie daher die Hamburger Erklärung auf. Ihre Forderung: „Jedes Kind muss lesen lernen.“ Gemeinsam mit anderen prominenten Unterzeichnern sammelt sie innerhalb von drei Monaten 110.000 Unterschriften und übergibt sie an die deutsche Bildungsministerin Anja Karliczek. Seither hat sich einiges getan: „Das Thema steht mittlerweile in verschiedenen Bundesländern auf der Agenda. Auch Wirtschaftsverbände bringen sich ein, was sehr wichtig ist.“ Vor allem in Zeiten von Corona. Die Pandemie habe die Situation noch verschärft.

Ein echter Glücksgriff

Vielleicht wäre aus Kirsten Boie irgendwann eine Schulleiterin oder Bildungspolitikerin geworden, hätte das Jugendamt ihr in den 80ern kein Berufsverbot erteilt. Nicht etwa wegen Aufmüpfigkeit, sondern weil sie mit ihrem Mann zwei Kinder adoptierte. „Das war vor fast 40 Jahren, und damals war das Jugendamt der Meinung, dass eine Mutter zu Hause bei ihren Kindern sein und nicht arbeiten sollte.“ Kirsten Boie muss sich entscheiden, und sie entscheidet sich für ihren Sohn und zwei Jahre darauf für ihre Tochter.

„Es war hart für mich, dass ich nicht mehr arbeiten durfte. Ich wäre so gerne beides gewesen, Lehrerin und Mutter“, sagt Boie wehmütig. Die damals 34-Jährige fängt an zu schreiben. „Ich hatte schon als Kind meine ersten Geschichten verfasst. Nun schrieb ich wieder, weil ich dachte, das merkt niemand.“ In dieser Zeit entsteht ihr Buch „Paule ist ein Glücksgriff“, das von einem adoptierten Jungen handelt. Es ist damals ein neues Thema auf dem Kinderbuchmarkt und der Verlag reißt es ihr quasi aus den Händen.


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