Familienbande

Geschwisterliebe will gelernt sein

Sie lieben sich, sie hassen sich, sie brauchen sich. Wenn Hannes Pernsteiner seinen Sohn und seinen beiden Töchter beobachtet, wird ihm klar: Geschwistersein ist eine emotionale Achterbahnfahrt, vor allem im Kindesalter.

veröffentlicht am 29.12.2020

Notgedrungen sind wir schon richtige Experten für den Lockdown, der uns in Österreich derzeit schon zum drittenmal heimsucht. Erneut sind wegen Corona alle wöchentlichen Fixtermine wie Sport, Instrumente, Chor und Freundetreffen abgesagt und die Schule, die Arbeit wie auch die Gottesdienste ins Wohnzimmer verlegt. Immerhin haben wir das Privileg, unsere Präventionshaft mit dem Ehepartner und den Kindern – bzw. diese mit Eltern und Geschwistern – zu verbringen. Also mit den allerwichtigsten Menschen im Leben. Und wir dürfen in einer Phase, in der Freundschaften und Klassengemeinschaften im virtuellen Modus abbröckeln oder zumindest pausieren, wieder intensiver als sonst „Familie“ sein.

Mit allem, was das bedeutet. Wehe, ein Kind bekommt mehr Parmesan auf die Spaghetti als die anderen, darf länger Tablet spielen oder fühlt sich übergangen. „So unfair! Immer sehen wir ‚Spirit‘ und ‚Barbie‘, nur weil es meinen Schwestern gefällt!“, beschwert sich unser Großer darüber, dass die Filmauswahl meist Maß bei den Jüngeren nimmt. Oder: „Boah! Habt ihr keine eigenen Ideen?“, wenn die Schwestern bei einer Küchentisch-Zeichenstunde bei ihm abkupfern. Als unsere Kleinste stolz ihre erste Knetfigur präsentiert, nachdem sie Motivation und Tipps beim großen Bruder bekam, wächst aber auch er um ein paar Zentimeter.

Bei unserem Trio fliegen oft die Fetzen

Geschwistersein ist eine emotionale Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen, vor allem im Kindesalter. Bei unserem Trio fliegen oft die Fetzen, Schreiduelle lassen die Wände erzittern und Neckereien entgleiten derart, dass meine Frau oder ich dazwischengehen müssen, damit es keine Leichen gibt. Die Kinder sind einander ausgeliefert, brauchen einander aber auch als Spielgefährten, Komplizen, Reibebaum, Spiegel, Maßstab und zum Ausprobieren von Rollen. Sie übernehmen Verantwortung füreinander und teilen unfreiwillig Spielsachen, Gewand, Nahrung, Platz im Haus sowie unsere Zeit und Zuwendung. Genauso haben sie aber auch Verwandte und Freunde sowie Erinnerungen an Ausflüge, Reisen, Feste, Traditionen, Freude und Leid gemeinsam.

Denn es gibt auch die vielen schönen Momente. „Danke für den heutigen Tag, für Mama, Papa, Emmanuel, Sara und Isabel“, hören wir allabendlich gleich dreimal hintereinander. Die Kinder leiten damit ihren freien Teil beim Gutenachtgebet ein und nutzen die mit ihrer Formel gewonnenen Sekunden zum Nachdenken, worüber sie denn sonst noch danken könnten. Amüsant finde ich daran nicht nur, dass jeder Gott auch für sich selbst dankt: Fehlt ein Geschwistername, wird dies sofort von den anderen reklamiert. Wird er absichtlich weggelassen, wissen alle, dass noch Unversöhntes in der Luft hängt und wir darüber reden sollten.

Lohnendes Lernfeld auch für die Gesellschaft

Die familiäre Schicksalsgemeinschaft ist eine für alle Beteiligten mühsame Schule, die aber ein äußerst lohnendes Ziel hat. Eine gereifte und herzliche Geschwisterbeziehung zählt zu den größten Schätzen überhaupt, lassen Phrasen wie „XY ist wie ein Bruder, wie eine Schwester für mich“ erahnen. Im Christentum ist die Forderung fundamental, alle als Kinder desselben Vaters und somit als Geschwister zu behandeln, und die jüngste Enzyklika von Papst Franziskus zum Dialog mit dem Islam nimmt darauf sogar im Titel Bezug. Auch der Staat fußt auf Werten wie Ausgleich, Gerechtigkeit, Teilen, Kooperation, Solidarität, Nächstenliebe, Verzicht, Rücksichtnahme und Empathie, die vor allem unter Geschwistern eingeübt werden. Verstehen wir in der immer geschwisterloseren Gesellschaft noch, wovon hier die Rede ist, wenn dieses soziale Lernfeld fehlt?


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