Diagnose und Therapie

Was tun, wenn mein Kind Depressionen hat? Interview mit Psychotherapeutin Julia Ebhardt

In jeder Schulklasse sitzen im Schnitt zwei Kinder, die von Depressionen betroffen sind. Wann Eltern hellhörig werden sollten und wo sie Hilfe finden, erläutert Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Ebhardt.

veröffentlicht am 01.10.2021

Frau Ebhardt, eins von hundert Kindern leidet bereits im Vorschulalter unter Depressionen. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Zahl der Betroffenen an. Woran können Eltern frühzeitig erkennen, dass etwas nicht stimmt?
Wenn Kinder sich über Wochen ohne ersichtlichen Grund anders verhalten als sonst, sollten Eltern aufmerksam werden. Kleinere Kinder sind oft traurig und reizbar, haben keinen Appetit oder schlafen schlecht. Viele klagen über Bauchweh oder Kopfweh. Je älter die Kinder werden, desto eher entwickeln sie typische Symptome einer Depression. Sie sind dauerhaft niedergeschlagen, fühlen sich leer und erschöpft. Sie sacken in der Schule ab, verlieren ihre Interessen, bis hin zu dem Punkt, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können.

Was können Eltern tun, wenn sie den Verdacht haben, ihr Kind könnte depressiv sein?
Zunächst einmal das Gespräch mit dem Kind suchen. Vielleicht gibt es ja einen plausiblen Grund für die Probleme. Kinderärzte und -ärztinnen können körperliche Ursachen ausschließen und an Kinderpsychiaterinnen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten überweisen. Man kann diese aber auch direkt aufsuchen. Dort erfolgt eine sorgfältige Diagnostik mit Tests und Fragebögen. Dabei wird auch das Umfeld des Kindes mit einbezogen. Je nach Schweregrad der Depression wird eine Psychotherapie empfohlen. Bei Jugendlichen kann in schweren Fällen eine stationäre Behandlung notwendig werden. (Wie eine Familie mit ihrem Sohn gegen Depressionen kämpft)

Wie läuft diese ab?
In der Klinik lernen die jungen Menschen im geschützten Rahmen – ohne Druck –, wieder eine Alltagsstruktur zu entwickeln. Es gibt feste Zeiten, Einzel- und Gruppentherapien, Psychotherapie, Ergotherapie, musische und sportliche Angebote. Kinder und Jugendliche erleben hier, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Erkrankung. Ein Aufenthalt dauert zwischen acht und zwölf Wochen. Danach kann sich ein teilstationäres Angebot in einer Tagesklinik anschließen oder eine ambulante Therapie.

Es ist nicht immer leicht, kurzfristig einen Therapieplatz zu bekommen…
Tatsächlich ist das ein Problem. Eltern können sich an die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen wenden. Oder an Ausbildungsinstitute für angehende Therapeuten und -therapeutinnen, denn diese müssen im Rahmen ihrer Ausbildung auch Kinder behandeln. Zur Überbrückung eignen sich Beratungsstellen vor Ort oder Online-Angebote wie fideo.de. Auch die „Nummer gegen Kummer“ oder die Schulsozialarbeit können Anlaufstellen sein, ersetzen aber natürlich keine Therapie.   

Wie lange dauert eine ambulante Therapie?
Es gibt Kurzzeittherapien und Langzeittherapien je nach Schweregrad der Erkrankung. Eltern oder andere Bezugspersonen werden in die Therapie mit einbezogen. Ist die Therapie beendet, kann es zur Rückfallprophylaxe auch weitere Sitzungen in größeren Abständen geben, um frühe Warnzeichen zu erkennen und das Erlernte aufzufrischen.

Porträt Julia Ebhardt

Julia Ebhardt ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Leipzig und Projektleiterin des Internet-Portals fideo.de, das sich an Jugendliche mit Depression richtet. Hier können sich junge Menschen austauschen und über die Erkrankung Depression informieren.

Weiterführende Informationen und Hilfsangebote 


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