Ausnahmezustand

Wenn Paare sich vergeblich ein Kind wünschen

An Weihnachten feiern wir die Geburt eines Kindes. Es ist das Fest der Familie. Doch wie geht es Paaren, die sich sehnlichst ein Kind wünschen und immer wieder enttäuscht werden? Wir haben zwei dieser Paare besucht.

veröffentlicht am 01.12.2020

Jedes zehnte Paar in Deutschland hat einen unerfüllten Kinderwunsch, sagt die Statistik. Hinter dieser nüchternen Zahl stehen Schicksale, die von Höhen und Tiefen geprägt sind, von Warten und Bangen, von Enttäuschung, aber auch von Hoffnung. Ein Wechselbad der Gefühle, das eine Partnerschaft in die Krise führen kann. Viele schweißt es aber auch zusammen. Wir stellen zwei Paare vor, die ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, auf der Suche nach dem gemeinsamen Glück.

Katharina Appia und Jürgen Kleinschnitger aus Dortmund sind seit 15 Jahren zusammen und seit fünf Jahren verheiratet. Als sie sich 2015 entscheiden, eine Familie zu gründen, ist es für sie nicht die Erfüllung eines langgehegten Traums, sondern eher das Gefühl: Jetzt würde es passen. „Ein Kind gehörte nicht von Anfang an zu unserem Lebensplan. Wir wollten erstmal selbst erwachsen werden, uns beruflich und persönlich entwickeln und reif dafür sein.“ Katharina ist zu diesem Zeitpunkt 36, Jürgen 42 Jahre alt.

Erstaunlich schnell wird Katharina schwanger und plötzlich sind da so viele Gefühle. „Es war als würde eine Glückswelle mich mitreißen“, erinnert sich die quirlige Frau mit deutsch-afrikanischen Wurzeln. Sie genießt die Veränderungen ihres Körpers und freut sich mit Jürgen auf das neue Leben, das in ihr wächst. Es ist der erste Termin beim Frauenarzt, der ihrem Glück ein jähes Ende bereitet: Im Ultraschall ist zwar eine Fruchthöhle zu sehen, darin hat sich jedoch kein Embryo entwickelt.

"Es war ein Schock"

„Es war ein Schock“, sagt Katharina leise. „Natürlich wusste ich, dass man auch eine Fehlgeburt haben kann. Aber wie das so ist: Man rechnet nicht damit, dass es einen selbst treffen wird.“ Auch für Jürgen ist es ein Schlag ins Gesicht: „Wir haben uns gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben. Sind wir die Sache zu locker angegangen?“ Die darauffolgenden Tage verbringen beide zusammen - schweigen, reden, trauern.

„Es war nicht nur der Abschied von einem Kind, sondern von einem Lebensplan, auf den wir uns eingestellt hatten. Plötzlich war uns diese Perspektive genommen“, beschreibt Jürgen seine Gefühle. Doch beide sind stark und nach einigen Wochen geht es ihnen wieder besser. Die Zukunft kann kommen. Etwa ein Jahr später ist Katharina erneut schwanger. Wieder erleben sie Freude und Hoffnung und wieder kommt der Moment, in dem sie im Sprechzimmer sitzen und das Kartenhaus zusammenfällt.

Vier Fehlgeburten durchlebt das Paar in viereinhalb Jahren und vor allem Katharina nimmt es sehr schwer. Die Frau mit den wilden Locken und dem breiten Lächeln wird immer trauriger. Nach dem dritten Mal spürt sie deutlich: „Es besteht die Möglichkeit, dass das nichts mehr wird.“ Eine bittere Erkenntnis und ein ganz neues Gefühl: „Ich war es bis dahin gewöhnt, mein Leben in der Hand zu haben, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Aber hier hatte ich keine Kontrolle.“

Immer öfter erlebt Katharina depressive Phasen. „Manchmal habe ich in ganz unpassenden Situationen geweint. Zum Beispiel, als ich dieses süße Mädchen in einem Café sah und plötzlich dachte: Wow, das wirst du nie haben“, erinnert sie sich. Jürgen ist stabiler, versucht für seine Frau da zu sein. „Er hat mir zugehört, war für mich da, hat manchmal auch mit mir geweint.“ Zugleich macht er sich zunehmend Sorgen.

Sie entscheiden: Der Weg ist zu Ende

Und dann kommt der Tag, an dem beide entscheiden: Wir werden diesen Weg nicht weitergehen. „Wir hatten unsere Grenze erreicht. Wenn einer auf der Strecke bleibt, wird das Ziel unwichtig!“, sagt Jürgen mit fester Stimme. Nun heißt es heilen und nach vorne blicken. Schritt für Schritt finden beide ins Leben zurück, beginnen vorsichtig, ihre Zeit zu zweit wieder zu genießen. „Sicher hat es geholfen, dass Kinder nicht von Beginn an zu unserem Lebensplan gehörten. Es wäre eine wundervolle Bereicherung gewesen, aber wir wussten, dass wir auch ohne Kinder glücklich sein können.“

Genau daran arbeiten beide seither. Jürgen geht in seinem Beruf als Fernseh-Redakteur auf, genießt die Zusammenarbeit mit jungen Kollegen, „die vom Alter her auch meine Kinder sein könnten.“ Katharina hat sich beruflich neu orientiert. Ihre stressige Stelle als Projektleiterin in der Entwicklungszusammenarbeit hat sie aufgegeben und eine Ausbildung zum Coach gemacht. Heute ist sie selbständig, begleitet und berät Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Eine Aufgabe, die ihr sehr gut liegt.

Beiden ist es wichtig, Menschen in der gleichen Situation Mut zu machen. „Es gibt ein Leben nach dem Kinderwunsch und das kann durchaus glücklich und erfüllt sein“, macht Jürgen deutlich. Es sei wichtig, lauter über das Thema zu sprechen, damit Paare, die Ähnliches durchgemacht haben, spüren, sie sind nicht alleine. „Auch wenn die Gesellschaft auf das klassische Familienmodell ausgerichtet ist, gibt es in der Realität unzählige verschiedene Lebensmodelle, die alle ihre Berechtigung haben.“ 

Jürgen und Katharina haben beschlossen, auch ohne Kinder ihr ‚bestes Leben‘ zu leben. „Es ist anders, aber nicht schlechter. Wir dürfen ein bisschen spontaner und unbeschwerter sein, denn wir tragen keine Verantwortung für ein Kind.“ Dafür nehmen sie Verantwortung an füreinander und für andere Menschen in ihrem Umfeld, genießen ihre Ehe, ihre beruflichen Herausforderungen, ihre Hobbys.

Liebe weitergeben

Für Katharina ist es wichtig, ihre Liebe weiterzugeben, die sie gerne einem Kind geschenkt hätte. „Ich investiere viel in Beziehungen und lasse Menschen nah an mich heran, auch wenn sie nicht meine Gene teilen“, sagt sie mir Wärme in der Stimme. Zum Beispiel ihre Patentochter. „Zu Beginn ist mir der Umgang mit ihr schwergefallen. Es hat zu weh getan. Heute genieße ich die Zeit mit ihr, freue mich aber auch, wenn ich sie wieder nach Hause bringen und danach den Abend gemütlich in der Badewanne verbringen kann.“

Auch über das Alter haben beide schon gesprochen. „Eltern haben vielleicht das Gefühl, dass sie wegen ihrer Kinder keine Angst haben müssen, später alleine zu sein. Aber das ist ein Trugschluss, denn erwachsene Kinder leben ihr eigenes Leben“, sagt Jürgen und man spürt, dass er lange darüber nachgedacht hat. „Spätestens, wenn die Kinder ausziehen, müssen sich auch Eltern mit diesem Thema befassen. Wir haben da jetzt 20 Jahre Vorsprung“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Beide haben gelernt, dankbar zu sein – füreinander und für das, was sie haben. Ihre Lebensfreude ist zurück und das strahlen sie auch aus. „Je mehr Zeit vergeht, desto kleiner wird die Trauer. Obwohl sie ein Teil von uns ist und uns den Rest unseres Lebens begleiten wird, haben wir unser Glück gefunden“, sagen sie. Und es fällt leicht, das zu glauben.

Untersuchungen, Diagnosen, Hormongaben

Auch Vera* und Tobias* haben die tiefe Sehnsucht nach einem Kind erlebt. Als die beiden sich 2016 kennenlernen, ist von Anfang an klar, dass sie sich eine Familie wünschen. Zugleich ahnt Vera zu diesem Zeitpunkt schon, dass dieser Weg, kein leichter werden könnte. „Ich stamme aus Russland und als ich 22 war, haben die Ärzte mir dort gesagt, dass es aus verschiedenen Gründen schwierig werden könnte, schwanger zu werden. Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen.“

Trotz dieser Bedenken, versuchen sie zunächst auf natürlichem Weg ein Kind zu zeugen. Ein Jahr geht ins Land und jeder negative Test ist eine Enttäuschung. Schließlich entscheiden Vera und Tobias, sich Hilfe zu suchen. „Natürlich hätten wir es lieber alleine geschafft. Aber wir waren uns von Anfang an einig, dass wir alle Möglichkeiten ausschöpfen werden“, macht Vera klar. Und tatsächlich tut es ihnen gut, sich in Obhut der Ärzte begeben. „Es war entlastend. Sie hatten einen Plan und das hat uns Sicherheit gegeben“, erinnert sich Tobias.

Es folgt eine Zeit, die dem Paar alles abverlangt. Vielfältige Untersuchungen ergeben bei beiden Diagnosen, die wenig Mut machen. „Danach haben wir nichts mehr dem Zufall überlassen.“ Zyklusmonitoring, Hormongaben, engmaschige ärztliche Begleitung – es ist ein Prozess, in dem es kein Zurück mehr gibt. Vera saugt jede Information aus dem Internet auf, scheint irgendwann mehr zu wissen, als die Ärzte selbst. „Ich würde davon abraten, zu viel zu googeln, aber ich konnte nicht anders“, sagt sie mit einem kleinen Lachen. Vor allem, als klar ist: Es wird auf eine künstliche Befruchtung hinauslaufen.

„Wir hatten in dieser Zeit nur noch ein Thema“, erinnert sich Vera, die sich mehr und mehr von ihren Freunden zurückzieht. „Ich hatte den Kopf nicht mehr frei, konnte nicht abschalten, hatte mit vielen Ängsten zu kämpfen.“ Vor allem die Frage, wie sie auf den Hormoncocktail reagieren wird, bereitet ihr Sorgen. „Schlimmer als die Nebenwirkungen ist der psychische Druck. Das Warten, die Ungewissheit und die Angst, dass sich alle Anstrengungen nicht lohnen könnten“, beschreibt Tobias die Gefühle von damals.

"Lasst eure Sorgen zu!"

Aber lange lassen die beiden solche Gedanken nicht zu. „Wir sind gut darin, uns positiv zu stimmen und lassen uns nicht so schnell runterziehen“, sagt Tobias. „Ich habe zu Vera gesagt: Wir tricksen jetzt die Eileiter aus und dann wird deine Gebärmutter einen wunderbaren Job machen.“ Zugleich hilft Vera das Wissen, dass ihr Mann auch alternative Wege gehen würde. „Wir haben uns in dieser Zeit auch mit den Themen Leihmutterschaft und Adoption auseinandergesetzt und das hat viel Druck genommen.“

Als Vera nach der ersten künstlichen Befruchtung tatsächlich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, kann sie es kaum glauben. Aber wirkliche Freude will sich auch nicht einstellen. Zu groß ist die Angst, das Kind wieder zu verlieren. „Erst in der 19. Schwangerschaftswoche, als ich zum ersten Mal Bewegungen spürte, habe ich mich entspannt und konnte es genießen“, sagt sie erleichtert. Heute macht Töchterchen Lu* die ersten wackeligen Schritte und zeigt ihr bezauberndes Lächeln mit fünf Zähnen. Sie ist ein Jahr alt und es erscheint ihren Eltern immer noch wie ein Wunder, dass es sie gibt.

Die Erinnerungen an ihren schweren Weg zum Kind sind immer noch sehr präsent. „Auch wenn man optimistisch ist, eine Kinderwunschbehandlung ist eine harte Zeit, in der man viele Hürden nehmen muss“, sagt Vera nachdenklich und Tobias rät Paaren in der gleichen Situation: „Lasst eure Sorgen zu. Es heißt ja immer: Entspannt euch, dann klappt es auch. Aber genau das setzt einen zusätzlich unter Druck.“

Gut getan haben ihnen dagegen die vielen Gespräche mit der Familie, mit Freunden und anderen Betroffenen.  „Wir sind mit dem Thema offen umgegangen und haben erfahren, wie viele sich in der gleichen Situation befinden. Das Wissen, dass wir nicht alleine sind, hat uns viel Kraft gegeben. Das wünschen wir anderen auch.“

*Namen auf Wunsch der Gesprächspartner von der Redaktion geändert

 

Zum Weiterlesen

Daten und Fakten

Fakten zum Thema Ungewollte Kinderlosigkeit. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/ungewollt-kinderlos-infografiken

Infoportal des Familienministeriums

Das Bundesfamilienministerium liefert Infos zu Ursachen, Behandlung, Beratung und Förderung. https://www.informationsportal-kinderwunsch.de/

Beratung und Hilfe

Katharina Appia berät als Kinderwunsch-Coachin im Ruhrgebiet Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch https://praxis-appia.de/. In ihrem Podcast „Alles da, nur Ella nicht“ (https://praxis-appia.de/podcast/) berichtet Katharina von ihrem Leben ohne Kind und macht anderen Betroffenen Mut.

Die katholische Schwangerschaftsberatung von Caritas und dem Sozialdienst katholischer Frauen berät auch bei ungewollter Kinderlosigkeit https://www.skf-zentrale.de/fachreferate/schwangerschaftsberatung/schwangerschaftsberatung

BKiD - Deutsche Gesellschaft für Kinderwunschberatung https://www.bkid.de/

Wunschkind e.V. - Verein der Selbsthilfegruppe für ungewollte Kinderlosigkeit https://www.wunschkind.de/

pro familia – Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch https://www.profamilia.de/themen/unerfuellter-kinderwunsch.html


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