Gute Erfahrung

Wie Kinder warten lernen

Warten ist eine Fähigkeit, die wir im Alltag immer wieder brauchen. Kindern den Wert des Wartens zu vermitteln, ist allerdings gar nicht so einfach. Wie's funktionieren kann, erklärt Psychologe und Lernchoach Fabian Grolimund.

veröffentlicht am 21.11.2022

Ab welchem Alter ist bewusstes Warten überhaupt möglich?
Das fängt ab etwa vier Jahren an. Kleinere Kinder können auch schon unterscheiden, ob etwas heute oder morgen ist. Aber das bewusste Warten kommt erst ab etwa vier Jahren. Ein typisches Experiment ist, dass man Kindern sagt, sie können jetzt einen Aufkleber haben oder später vier. Die Dreijährigen nehmen den Aufkleber jetzt. Die Vierjährigen entscheiden sich eher, zu warten und später mehr zu bekommen.

Welchen Wert hat das Warten – auch und gerade für Kinder?
Es ist eine Fähigkeit, die wir im Alltag immer wieder brauchen. Wir bekommen nicht alles sofort. Die Kinder brauchen die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub, sonst sind sie immer sehr schnell ungeduldig. Halte ich es aus, dass ich meinen Freund erst morgen sehe oder dass wir erst am Wochenende zu den Großeltern fahren? Dass ich Geld sparen muss, bis ich mir meinen Wunsch erfüllen kann? Es hilft Kindern, wenn sie an diese Fähigkeit herangeführt werden.  

Wie können Eltern ihren Kindern das vermitteln?  
Indem sie es tun. Erklären lässt sich das eigentlich nicht. Man stellt eine Situation her oder lässt eine Situation zu, in der das Kind warten muss. Man sagt ihm, wie lange es noch warten muss, zum Beispiel noch einmal schlafen. Das Kind quengelt und findet das gar nicht toll. Jetzt geht es darum, dass man als Elternteil Vorbild ist, dass man geduldig ist, und dass man es aushält, dass die Situation für das Kind schwierig ist.

Dabei sollte man von einem Drei- oder Vierjährigen nichts erwarten, was vielleicht erst ein zehnjähriges Kind leisten kann. Es ist ein langer Prozess, bis Kinder das können. Sie werden sehr frustriert sein, sie werden das zum Ausdruck bringen, aber jedes Mal wird es ein bisschen leichter.

Ganz wichtig ist mir: Kinder, die warten lernen sollen, brauchen Eltern, die warten können. Wenn Kinder in einem Umfeld leben, in dem immer alles sofort passieren muss und die Erwachsenen keine Geduld haben, ist es schwierig für die Kinder, warten zu lernen. Wichtig ist außerdem, dass die Erwachsenen verlässlich sind. Kinder können besser warten, wenn sie sich sicher fühlen, dass das, worauf sie sich freuen, auch kommt.

Vieles, zum Beispiel Unterhaltung oder Konsum, steht rund um die Uhr zur Verfügung. Führt das dazu, dass wir nicht mehr warten können?
Das ist ein relativ großes Problem. Ich sehe gerade wieder überall Werbung für Kredit-Käufe. Willst du ein Motorrad, dann nimm einfach einen Kredit auf. Wir kommen als Gesellschaft immer mehr weg von dem Modell, ich spare das Geld für ein Produkt, ich warte und kaufe es mir dann, wenn ich es mir leisten kann. Stattdessen leasen wir es oder kaufen es auf Pump. Viel mehr junge Erwachsene als früher sind heute verschuldet und kommen aus diesen Schulden nicht mehr heraus.

Auch wir älteren Erwachsenen und Eltern können Vieles ohne Warten haben. Wenn ich eine Serie schauen will, kann ich das sofort tun.
Die natürlichen Wartezeiten haben sich extrem reduziert. Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass wir auf etwas warten müssen. Wir sind es gewohnt, dass wir es sofort haben können. Gleichzeitig ist das Warten eine ganz wichtige Fähigkeit, denn vieles, was wirklich wertvoll ist, kriegen wir erst nach einer Wartezeit oder einer Geduldsprobe. Es braucht Zeit, Mühe und Ausdauer, um beispielsweise einen schulischen oder beruflichen Erfolg zu erzielen oder eine Freundschaft oder Beziehung zu pflegen. Oft müssen wir angenehme Dinge aufschieben, um auf eine wichtige Prüfung wie die Lehrabschlussprüfung oder das Abitur zu lernen. Wenn wir als Kind nie gelernt haben, bestimmte Wünsche und Bedürfnisse ein wenig aufzuschieben, werden wir damit Schwierigkeiten haben.

Zudem nehme ich mir auch die Vorfreude, wenn ich nicht warte. Angenommen, ich möchte als Kind ein neues Computerspiel oder ein Puppenhaus. Ich lege Geld zur Seite oder wünsche es mir zum Geburtstag. In der Zeit, in der ich warte, freue ich mich darauf, dass ich etwas haben werde – manchmal mehr, als wenn es dann da ist. Wenn ich einen Urlaub gebucht habe, kann ich mich Monate lang darauf freuen, kann mich vorbereiten, mir Bilder anschauen.

Adventskalender sollen Kindern helfen, das Warten auf Weihnachten zu erleichtern. Erfüllen die teilweise sehr aufwendigen Kalender noch diesen Zweck?
Kinder haben kein gutes Zeitgefühl. Alles, was ihnen anzeigt, wie lange sie noch warten müssen, ist für sie hilfreich. Wenn wir am Adventsonntag wieder eine Kerze mehr anzünden oder jeden Tag ein Türchen mehr öffnen, merken die Kinder, wie lange es noch dauert.

Die Kalender sollten das Warten und die Vorfreude symbolisieren. Es kann auch etwas Kleines drin sein, aber nicht unbedingt jedes Mal ein Geschenk. Es geht darum, die Zeit bis Weihnachten für die Kinder fassbar zu machen. Dabei kommt es weniger darauf an, was in dem Kalender ist. Das eigentlich Schöne ist das Ritual drumherum, das bewusste Öffnen mit der Familie. Toll ist es, wenn die Vorfreude mit den Eltern mitgetragen und mitgelebt wird.

Porträt Fabian Grolimund

Der Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund leitet mit einer Kollegin die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er hat mehrere Bücher über das Lernen geschrieben und hält Vorträge und Weiterbildungen für Eltern und Fachpersonen. 


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