Lebenswege

Zwei Ordensleute über die Beziehung zu ihren Geschwistern

Ordensleute leben in einer Gemeinschaft mit Ordensschwestern und -brüdern zusammen. Doch was ist mit ihren leiblichen Geschwistern? Salesianerpater Claudius Amann und Don Bosco Schwester Bernadeth Geiger erzählen.

veröffentlicht am 25.05.2021

„Sie ist meine Beatrix“

Pater Claudius Amann

Pater Claudius Amann hat drei Geschwister. Seiner jüngsten Schwester fühlt er sich besonders verbunden. Sie kam mit Down-Syndrom zur Welt.

„Ich mag wirklich sagen: Ich liebe sie. Beatrix ist neun Jah re jünger als ich und schon als Kind hatte ich einen sehr guten Draht zu ihr. Mit elf Jahren ging ich ins Gymnasium und Internat der Salesianer Don Boscos nach Buxheim. Das heißt, ich war nur zu bestimmten Zeiten daheim. Meine ältere Schwester und mein Bruder waren irgendwann nicht mehr zu Hause, haben geheiratet und studiert. Aber meine Beatrix war immer zu Hause. Genauso wie ich, denn auch als Salesianer Don Boscos habe ich meinen Urlaub immer daheim verbracht. Ich habe schon früh erlebt, dass es schön ist, Geschwister zu haben. Bei allen Streitereien, die auch wir hatten. Da sind wir klassische Geschwister. Da sind auch manchmal die Fetzen geflogen, aber nicht mit meiner Beatrix. Seit dem Tod unserer Eltern lebt sie in einer Einrichtung – in meiner Heimat am Bodensee. Sie ist jetzt 55 Jahre alt. Ich versuche, sie alle paar Monate zu besuchen, und telefoniere regelmäßig mit ihr. Mir tut es manchmal leid, dass sie so eingeschränkte Möglichkeiten hat, zum Beispiel beim Sprechen, und ich freue mich über das, was sie dennoch daraus macht. Sie hat eine solche Lebensfreude, das bewundere ich an ihr. Sie kennt zwar ein paar Leute, aber den engsten Bezug hat sie zu uns Geschwistern. Darum bin ich ganz nah mit ihr. Ich liebe sie von ganzem Herzen.“

„Es ist nie Funkstille“

Schwester Bernadeth Geiger

Die Don Bosco Schwester Bernadeth Geiger hätte es sich nicht vorstellen können, als Einzelkind aufzuwachsen. Die 36-jährige Tirolerin ist froh um ihre drei Geschwister.

„Mit meinen beiden Brüdern – Stefan ist drei Jahre älter, Daniel ein Jahr jünger – hatte ich als Kind ein sehr enges Verhältnis. Wir sind wirklich miteinander groß geworden. Meine Schwester Maria ist sechs Jahre jünger als ich. Da war das aufgrund des Altersunterschiedes einfach anders. Jetzt als Erwachsene haben wir viel Kontakt und ich weiß, egal, was ist, ich kann mit ihr darüber sprechen. Eine vielleicht besondere Beziehung habe ich zu meinem Bruder Stefan, denn er hat dieselbe Lebensentscheidung wie ich getroffen und ist ins Kloster gegangen. Zuerst als Salesianer Don Boscos, dann ist er zu den Benediktinern gewechselt. Mit ihm bin ich etwa alle zwei Wochen im Austausch – und sei es nur über WhatsApp. Es ist nicht so, dass wir viel über geistliche Themen reden, aber ihm kann ich leichter erzählen, was ich gerade in der Jugendarbeit mache oder welche religiösen Projekte wir planen. Wir sind da durch unsere gleichen Lebenswege in gewisser Weise mehr miteinander verbunden und bei wichtigen, entscheidenden Schritten würde ich ihn als Ersten informieren. Alles in einem schätze ich an meinen Geschwistern, dass wir einfach füreinander da sind. Es ist nie Funkstille.“


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