Keine Solidarität

Warum helfen Mütter sich nicht?

In der Schwangerschaft hatte sich Stefanie Kortmann alles so schön ausgemalt. Als Mutter würde sie Teil einer Gemeinschaft sein. Und heute, sechs Jahre später? Enttäuschung und Ernüchterung. Was ist passiert?

veröffentlicht am 01.03.2021

Vielleicht waren es die vielen Glückshormone, keine Ahnung. Ich hatte soeben erfahren, dass ich ein Kind bekommen werden – da spielt der Kopf schon mal verrückt. Jedenfalls lief ich durch die Fußgängerzone und sah gefühlt nur noch Schwangere und Mamas. Dicke Bäuche an mir unbekannten Frauen, die von Kinderwagen schiebenden Mütter umkurvt wurden. Ich war selig und wie gesagt sicher nicht ganz zurechnungsfähig, als mir der Gedanke kam: Nun bin ich auch ein Teil des exklusiven internationalen Mutti-Clubs. Wir Mütter sind durch unser Schicksal vereint. Wir gehören zusammen – und wir halten zusammen. Oder doch nicht?

Sechs Jahre später. Die Schwangerschaftshormone sind längst verflogen. Das Kind ist da. Es wurde gewickelt, gewogen, gestillt – all das ist erledigt. Es kann nun selbstständig essen, also meistens. Kinderwagen, Babytrage, Buggy – auch das ist Geschichte. Stattdessen steht die dritte Fahrradgeneration in der Garage, neben den Inlinern und dem sauschnellen Scooter mit LED-Leuchtreifen. Alles das zeigt deutlich: Die Kleinkindphase ist vorbei.

Ich wäre offen gewesen für tiefgründiges Miteinander

Was ist geblieben von dem Gedanken, dass wir Mütter qua Geburt verbunden sind? Dass wir uns stützen in den ersten Jahren der Kindererziehung, weil sie so verdammt anstrengend sein können? Dass wir leicht füreinander Verständnis aufbringen können, weil wir wissen, wie es sich anfühlt, einen kleinen Menschen auf die Welt zu bringen, die harten Fiebernächte durchzustehen oder – viel weniger pathetisch – wie es ist, Kind und Job und die vielen anderen Themen unseres Alltags unter einen Hut zu bringen. Ernüchterung.

Ich bin ernüchtert darüber, wie wenig tiefgründiges Miteinander ich mit dem Baby und Kleinkind an meiner Seite erfahren durfte. Dabei habe ich beruflich einige Monate ausgesetzt, hätte also genug Zeit gehabt. Und auch die Bereitschaft, in einen Austausch zu treten, Aufmerksamkeit zu verschenken – war alles da. Allein, es ist so gut wie nie passiert. Nicht im Vorbereitungskurs, nicht beim Babyschwimmen und auch in der Kita-Zeit nur sehr selten. Stattdessen gab es viel mehr Momente, in denen es darum ging, kritische Fragen abzuwehren (Das Kind soll schon mit zwei Jahren in die Kita?), Rechtfertigungen auszusprechen (Ja, sie schläft in meinem Bett) oder diesen ewig sinnlosen Vergleichen standzuhalten. Na, krabbelt die Kleine denn schon? Nein, sie tanzt.

Mir scheint, als ob viele Frauen sich in dem Moment der Geburt einen unsichtbaren, aber sehr robusten Panzer anlegen. Hinter diesem Schutzschild können Mama und Kind zu einem guten Team heranwachsen, mag sein. Doch gleichzeitig manifestiert sich damit schleichend die Vorstellung, Kindererziehung sei nun Aufgabe der Eltern, also – bezogen auf den Alltag der meisten Familien – maßgeblich die Aufgabe der Mutter. In diesem Kokon versucht die Frau die Fäden jederzeit in den Händen zu halten. Bevor man sich öffnet, eventuell gar nach Hilfe fragt, muss viel passieren. Erst wenn nichts mehr geht und die Augenringe die Kniekehle berühren, fällt der Ich-kann-das-allein-Vorsatz und das damit erschaffene Abwehrbollwerk um. Wie dumm.

„Mutter Natur“ hat uns nicht als Einzelkämpferinnen auf die Welt geschickt

Es wäre so viel einfacher, wenn man sich gegenseitig austauscht und die Kinder mal abnimmt. Denn Fakt ist: Wir Mütter SIND durch unser Schicksal verbunden. Wenn sich ein Kind ankündigt, haben (fast) alle die gleichen Erwartungen, Fragen, Sorgen und Ängste. Wieso denken wir, wir müssten das alles alleine schaffen? Es ist ein Anspruch, dem wir im Grunde nicht gerecht werden können, denn „Mutter Natur“ hat uns eben nicht als Einzelkämpferinnen auf die Welt geschickt. Ein Kind (fast) alleine zu erziehen, war nie geplant, denn im Grunde unserer DNA sind wir Rudeltiere. Aber irgendwas lässt uns glauben, wir wären schlauer als die Affen. Warum eigentlich?

Es bräuchte ein wenig Mut, die Antennen auszufahren und Beziehungen zu wagen, die sich rund um das Kind ergeben können. Es wäre eine große Chance für alle Beteiligte. Ich will nicht aufhören, daran festzuhalten.


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