Neues Leben

Jedes Kind ist ein Christkind

Der erste Besuch bei einem neugeborenen Familienmitglied verzaubert Eltern und Kinder Pernsteiner. Das kleine Bündel zieht die ganze Familie in seinen Bann. Liebe und Geborgenheit sind zu spüren – eine echte Weihnachtserfahrung!

veröffentlicht am 04.01.2022

Vor knapp einem Monat wurde mein Neffe Benjamin geboren. Es war mitten im Advent und auch mitten im vierten österreichischen Corona-Lockdown, weshalb wir uns mit dem Besuchen, Bestaunen und Beglückwünschen etwas gedulden mussten. Erst zu Weihnachten durften wir das Haus meines Bruders und meiner Schwägerin aufsuchen. Wir fühlten ein Stückweit nach, wie es einst den Hirten von Bethlehem erging, als sie von den Gloriarufen – statt über Whatsapp – die Freudenbotschaft erfuhren und zum Stall aufbrachen, um das Jesuskind zu sehen. Auch sie brachten Geschenke mit, ich schätze mal Felle, Windeln und eine stärkende Mahlzeit. Und ganz sicher trugen auch sie das Baby reihum einer nach dem anderen im Arm und liebkosten es – eine Szene, die mir bei Weihnachtskrippen immer abgeht.

Beim Kontakt mit Neugeborenen geschieht eine wundersame Verwandlung. Das spürten bei diesem Besuch meine Frau und ich an uns selbst und erst recht bei unseren Kindern, die uns mit ihrem „Darf ich ihn halten?“ zuvorkamen. Ihr Entzücken über die „so süüüßen“ winzigen Fingernägel des Cousins, ihr Streicheln über den flaumigen Kopf, ihr sehnsüchtiges Warten auf ein Öffnen der graublauen Augen, ihr Stolz über sein ruhiges Verweilen in ihrem Arm, ihr Kichern über die tastende Suche seines Mundes nach der Mutterbrust und ihre besänftigenden Gesten und Worte bei seinem Weinen: Die schönsten und zärtlichsten Seiten kamen da zutage, während alle Grübeleien und Gezänke von der Autofahrt wie weggeblasen waren. Das Wunder des neuen Lebens zog uns in den Bann.

Ein kleines Bündel Liebe, das auf Schutz angewiesen ist – so kam Gott auf die Welt

Ein kleines Bündel Liebe, das gerade erst aus dem Nichts entstanden und völlig auf eine schützende Umgebung angewiesen ist, die es ebenfalls in Liebe verwandelt: So wollte Gott auf die Welt kommen. Es stimmt mich froh und dankbar, dass er damit dem Kind- und auch dem Elternsein so viel Aufmerksamkeit, Aufgabe und Würde zugestand. Jesus war nicht nur selbst Kind, sondern sagte später „Wer ein Kind aufnimmt, nimmt mich auf“. Er holte Kinder in die Mitte, bezeichnete sinngemäß das Bewahren des Kindlichen als Eintrittskarte für den Himmel und war erschreckend hart gegenüber Erwachsenen, die Kindern Schlimmes antun. Wo es nicht um die Sicherheit und das Wohl von Kindern geht, darf sich eine Institution und auch eine Familie zurecht nicht christlich nennen.

Dass genau dieses Geburtsgeschehen hinter Advent und Weihnachten steht, spielt sicher mit bei der kindlichen Geborgenheit, die viele Menschen in dieser Jahreszeit in konzentrierter Form spüren wollen. Die schulfreien Tage mit ihren kirchlichen Feiern, Familientreffen und Besuchen, mit ihren Keksen, Kerzen, Liedern, Geschenken und Glückwünschen sind eine Auszeit, in der alle ihre guten Seiten nach außen kehren dürfen. Sie sind Oasen auf der Wanderung durch das Leben, die es vor der fortschreitenden Wüstenbildung zu schützen gilt. Jedesmal ist es für mich ein trauriger Moment, wenn der Weihnachtsfestkreis mit dem Sonntag nach Dreikönig wieder ausklingt, der Baum zur Sammelstelle kommt und Krippe, Schmuck und Liedermappen fürs nächste Jahr verstaut werden.

Beim Beten hält der Papa die mexikanische Jesuspuppe im Arm

Besonders schwer fällt der Abschied von unserem „Niño Dios“ - einer fast lebensgroßen Gipsfigur, die uns die Schwiegereltern einst aus Mexiko gebracht haben. Dort gibt es am Heiligabend den Brauch, dass alle Mitfeiernden jeweils eine Liedstrophe lang die Jesuspuppe in ihren Armen wiegen und dafür Süßigkeiten erhalten. Seit wir ein solches echtes Christkindl besitzen, entwickelten wir ganz unterschiedliche Zugänge dazu. Während ich es beim Beten gerne an mich nehme, ziehen ihm unsere Mädels begeistert Puppenkleider an. Damit ist jetzt bald wieder Schluss. Wird die Sehnsucht zu groß, können wir aber den kleinen Benjamin besuchen, der schon bald kein Neugeborener mehr sein wird. Sein Wachsen erinnert daran, dass auch Jesus kein Säugling blieb und seine Eltern auch noch als Pubertärer beschäftigte. Der Auftrag für uns: Jedes Kind wie das Christkind zu behandeln.


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