Gaben der Natur

Vom Zauber des Kräutersammelns

Endlich ist es wieder so weit: Unser Autor und seine Familie radeln in den Wald zum Bärlauch-Ernten. Zuhause wird das Kraut verarbeitet und genussvoll verzehrt. Später im Jahr landen Brennessel, Spitzwegerich und Löwenzahn im Beutel. Gott sei Dank!

veröffentlicht am 05.03.2026

Einen Vorgeschmack auf das Paradies gibt es im März und April im Auwald nahe unserem Haus. Der nährstoffreiche Boden ist mit einem zuerst zarten, später dichtgrünen Teppich überzogen: Bärlauch, soweit das Auge reicht. Sein Knoblauchduft zeigt uns, dass der Winter besiegt ist. So wird das Waldstück jedes Jahr Ziel unseres ersten Familien-Radausflugs, bei dem dann zu Vogelgezwitscher, Spechtgeklopfe und der ersten Frühlingssonne jeder und jede einen Beutel anfüllt. Daheim wird das Kraut gewaschen, kleingehackt, kurz gedünstet, in Blätterteig mit Schafskäse eingeschlagen und für 15 Minuten ins Backrohr gestellt.

Ist es das gemeinsame Sehnen, Suchen und Sammeln, das für uns den Bärlauch so unerreicht genussvoll macht? Oder seine entschlackende Wirkung für Magen, Darm und Blut, die angeblich auch Meister Petz nach dem Winterschlaf schätzt und damit der Pflanze den Namen gab? Jedenfalls können weder wir Eltern noch die Kinder davon genug bekommen, gleich mehrmals die Woche gibt es das grüne Gold als Strudel, Suppe, Risotto, Knödel oder mit Spaghetti. Unser überreicher Fund beschert auch den Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen Bärlauchpakete mit Rezeptvorschlägen, denn wir können die Freude nicht für uns behalten.

Pflücke nur, was du zweifelsfrei bestimmen kannst!

Natürlich gilt auch für uns die Bärlauchsammelregel Nummer Eins: Pflücke nur, was du zweifelsfrei bestimmen kannst, also kenne genau die Wuchsform der einzeln aus dem Boden treibenden Blätter mit dünnem Stiel und lanzettähnlicher Fläche. Neueinsteiger behelfen sich heute mit Apps, oder sie lassen sich von Profis den Unterschied zeigen zu den giftigen Doppelgängern Maiglöckchen und Herbstzeitlose, denn zur Hochsaison tummelt sich ohnehin die Community am Sammelort. Schon mit zwei befreundeten Familien ist ein Pflücktreffen für uns ein jährlicher Fixtermin. Bärlauch schafft Begegnung, schon wenn es um Austausch der Lieblingsrezepte geht.

Wenn wir dann Ende April gesättigt sind und keinen Bärlauch mehr riechen können, warten neue Ernten: Etwa die Brennnessel, die wir als Spinat zu Kartoffeln genießen, während wir die gelb leuchtenden Löwenzahnblüten zu Honig ansetzen und den Spitzwegerich zu Hustensaft. Im Mai folgen die Holunderblüten, die im Keller in großen Gefäßen mit Zucker und Zitrone zum Sirup reifen, im Juni die zum Tee getrockneten Scharfgarben und Lindenblüten sowie das Johanniskraut, dessen Blüten sich, mit Olivenöl in die Sonne gestellt, in das beste Massier- und Wundheilungsöl verwandeln, und aus Ringelblumen werden Salben. Unser Spätsommer-Geheimtipp ist das Wildgemüse Portulak, einfach köstlich!

Darf man die Natur als Ressourcenlieferant betrachten? Ja, unbedingt! 

Es erstaunt daher wohl wenig, dass unsere Familienspaziergänge durch Wald und Wiesen Beutezügen ähneln und wir schon präventiv Säcke mitnehmen, um gefundene Schätze nach Hause zu retten. Die Vielfalt wächst und wächst, jedes Jahr lernen wir eine neue Pflanze kennen, der Fundus der oft vergessenen Volksmedizin ist schier unerschöpflich. Begonnen haben wir damit, als wir Eltern wurden und gesunde Ernährung sowie unterstützende Maßnahmen zur Selbstheilung bei diversen Wehwehchen plötzlich Thema wurden. Heute stöbern unsere jugendlichen Kinder bei Husten, Halsweh oder Heiserkeit von alleine im Teeregal, kauen bei  Blähungen Rosmarin oder mixen leckere Smoothies mit Blüten und Grünzeug.

Anfangs plagte mich die Frage, ob es falsch sei, die Natur als Ressourcenlieferant zu sehen, sie damit ein Stück zu verzwecken und womöglich den Blick auf das Schöne zu verstellen. Mittlerweile bin ich vom Gegenteil überzeugt: Man schätzt und schützt, was man nützt, und das Empfangen hinterlässt so viel Freude, Dankbarkeit und auch Ahnung von der Verbundenheit mit allen Geschöpfen, von Sinn und einem liebenden Willen dahinter. So ist die Pflanzenfülle für mich ein Stück Gotteserlebnis. Franz von Assisi hat es so formuliert: „Herr, sei gelobt für unsere Mutter Erde, die uns ernährt und lenkt, und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ Da muss ich natürlich sofort wieder an Bärlauch denken. 


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