Wochenende gestalten

Unser Sonntag als Großfamilie

Ausschlafen, nichts müssen – oder doch alles unterbringen, was unter der Woche liegen geblieben ist? Für viele ist der Sonntag Erholung, für andere Arbeit, für manche Gottesdienst. Für die vierfache Mutter und Lehrerin Barbara Humer ist er alles zugleich.

veröffentlicht am 22.05.2026

  • Barbara Humer

Der siebte Tag als Ruhetag hat eine lange Tradition. Schon die Bibel beschreibt den Rhythmus von Arbeit und Ruhe. Und tatsächlich scheint der Sonntag bis heute etwas zu sein, das wir brauchen – auch wenn wir ihn ganz unterschiedlich gestalten.

Ich bin Lehrerin und wenn ich meine Schülerinnen und Schüler frage, wozu es den Sonntag braucht, höre ich alles Mögliche: ausschlafen, Fußball spielen, Zeit mit der Familie haben oder einfach nichts tun. Manche wünschen sich sogar offene Geschäfte – allerdings nur, wenn sie selbst nicht arbeiten müssten. Also bleiben die Geschäfte am Ende der Lerneinheit meist doch lieber geschlossen, denn der Sonntag ist uns ja heilig.

Ich lebe mit meiner Familie in einem Haus mit drei Generationen: meine Eltern, meine Schwester mit Partner, mein Mann, unsere vier Söhne und ich. Drei Wohneinheiten, alle unter einem Dach. Jede Generation lebt ihren eigenen Sonntag, manchmal verleben wir ihn auch zusammen. 

Alle Familienmitglieder haben unterschiedliche Bedürfnisse 

Unser gemeinsamer Treffpunkt ist der große Esstisch meiner Eltern. Wenn wir alle zusammensitzen und mein Bruder mit Familie zu Besuch ist, sind wir mindestens 16 Menschen. 16 Menschen und ganz unterschiedliche Sonntage: Meine Geschwister nutzen den Tag gerne zur Erholung, manchmal auch um zu arbeiten, mal für Ausflüge und mal für Matches am Fußballplatz.

Mein Mann ist zerrissen zwischen Arbeit und dem Bedürfnis nach Erholung, dem Wunsch nach Gottesbeziehung und nach Familienzeit. Meine Kinder ministrieren gerne und fühlen sich in der Schulkapelle zu Hause. Wenn es keine Messe gibt, dann wird der Sonntag für sie zum Erholungstag. Die Kleinen spielen Lego, fahren Rad oder wollen Ausflüge machen. Die Großen brauchen einfach mal Abstand. Wovon? Von allem! Meine Eltern, vor allem mein Vater, sehen im Sonntag vordergründig den Tag des Herrn.

Und ich? Ich wurde mehr oder weniger streng katholisch erzogen. Ein Sonntag ohne Messe war in meiner Kindheit unvorstellbar und ist für meinen Vater auch heute noch eine kaum tragbare Entscheidung. Mir fällt es dennoch oft schwer, die Messe zu besuchen. Eine lange Zeit, während meine Kinder noch klein waren, fühlte ich mich mit meiner, manchmal doch auch unruhigen, Rasselbande nirgends wirklich willkommen. 

Mein Vater feiert jeden Sonntag den Gottesdienst mit Begeisterung 

Diese Phase liegt hinter uns. Aber jetzt sind es Kleinigkeiten, die den Messbesuch erschweren oder verhindern. Eine Verkühlung mit Fieber, eine schwere Schularbeit, unvorstellbare Wäscheberge, die gewaschen werden wollen, das schöne Wetter, das mit einem Ausflug lockt.

Für meinen Vater sind das banale Gründe. Jeden Sonntag verfolgt er einen Gottesdienst. Auf Grund seiner Erkrankung meist im Fernsehen, aber mit so viel Begeisterung, ja Inbrunst, dass ich seinen Glauben immer wieder zutiefst bewundere. Er, der im Leben als Internist und leitender Oberarzt so oft schwere Entscheidungen getroffen hat, der viel hinterfragt und kritisch denkt, feiert Messe und kann immer, wirklich immer etwas für sich mitnehmen.

Egal, wie schwach die Predigt ist, egal, wie einfach die Feier, egal wie klein die Gemeinschaft der Gläubigen: mein Vater feiert Messe. Er feiert sichtbar, mit lauter Stimme betend und singend. Er macht mir immer wieder deutlich, dass es eine MessFEIER ist, die durch die persönliche Hingabe lebt.

Der 16-Jährige will eine Ministranten-Gruppe aufbauen 

An Sonntagen, an denen ich an unserer Schule die Messe mitfeiere, bringe ich ihm die Krankenkommunion mit nach Hause und spende sie meinem Vater. Dann spüre ich, wie sehr ihn diese persönliche Begegnung mit Jesus stärkt. „Es ist eine Chance, die man nicht vergeben sollte“, so seine Worte. 

Mein 16-jähriger Sohn sieht das mittlerweile ähnlich wie mein Vater. So lästig ihm die Messe in verschiedenen Phasen seines Lebens war, so wichtig ist sie ihm gerade. Er bemüht sich momentan darum, eine Ministranten-Gruppe aufzubauen. Ich erkenne seine Begeisterung, ich spüre sein Bedürfnis nach Gemeinschaft und ich bin so stolz, wenn ich sehe, wie er versucht, in seinem Umfeld Kirche und Sonntag aktiv zu gestalten.

„Irgendjemand muss ja damit anfangen!“, erklärte er vor einigen Wochen und machte den ersten Schritt. Wenn wir etwas bewirken wollen, dann müssen wir selbst anpacken. Das habe ich meinen Kindern so oft gesagt. Jetzt sehe ich, was ein einzelner junger Mensch bewirken kann, wenn er es mit Begeisterung versucht. Zwar stehen nicht jeden Sonntag zwanzig junge Menschen um den Altar, aber es sind auch nie weniger als drei. Vor einem Jahr stand dort noch niemand. Vielleicht beginnt ja genau so Kirche von morgen?

Zeit für Ruhe, Computer, Handy und Freunde

Nach der Messe nimmt sich mein Sohn sonntags Zeit für sich. Er zieht sich gerne ein bisschen aus dem Trubel zurück und genießt die Ruhe in seinem Zimmer. Manchmal am Computer, manchmal am Handy, selten mit Nichtstun. Was er vermeidet, ist zu lernen, denn dafür ist der Sonntag nicht da. Nach dem gemeinsamen Essen ist er gerne mit seinen Freunden draußen unterwegs. Dann ist er einfach weg und tankt Energie.

Für meine Mutter und mich beginnt der Sonntag schon am Freitag mit ganz simplen Fragen: „Was werden wir essen? Wer isst mit? Wer übernimmt das Kochen?“ Diese Fragen gehören bei uns zum Sonntag und machen den Tag zwar einerseits zu einem Tag der Familie, andererseits aber auch zu einem Tag der Arbeit. Arbeit, die sich manchmal lohnt. Wenn alle glücklich und satt sind, wenn gute Gespräche bei Tisch Platz finden, wenn man Sorgen und Freuden teilt und Kraft sammelt für die neue Woche.

Es gibt aber auch die anderen Sonntage. Dann wird am Essen herumgemeckert, der eine schweigt, die andere hat schlechte Laune und der dritte gar keinen Hunger. Ja, auch dann sind wir eine Familie und sagen zumindest danke. An die Köchinnen, dafür, dass wir einander haben, dafür, dass es auch wieder schöner wird. Was bei uns aber bei keinem Essen fehlen darf ist das Tischgebet, unser Dank an Gott. Gemeinsam zu beten verbindet uns als Familie und darüber hinaus.

Besondere „Momente, die wir so nur an Sonntagen erleben“

Schön sind auch die Momente, die wir so nur an Sonntagen erleben. Ein gemeinsamer Spaziergang zur Eisdiele, eine Runde Fußball im Garten, Momente der Ruhe, mit einem Buch oder einem Tee. Mal eine Pause vom Alltag nehmen, ein Gespräch führen oder einen Ausflug planen, den wir dann am nächsten Sonntag verwirklichen. Wir können den Sonntag gemeinsam oder individuell verbringen. Das Schöne an unserer Großfamilie ist, dass man alleine sein darf, aber nie alleine sein muss.

Unbeantwortet ist noch immer die Frage, was nun der Sonntag für mich ist. Für mich ist der Sonntag Last und Entlastung. Ich freue mich auf die Messe, mal mehr, mal weniger. Ich genieße die Zeit, in der wir gemeinsam spielen, kochen, unterwegs sind und in der wir als Familie wachsen, streiten, Neues entdecken oder einfach da sind. Ich bin davon überzeugt, dass Gott uns ein Angebot macht - und zwar ohne Bedingungen und mit der freien Wahl. Wir dürfen zur Messe gehen, wir dürfen feiern. Nicht weil wir dazu verpflichtet sind, sondern weil Gott bereit ist, auf uns zu warten, manchmal auch mehr als sieben Tage.

Machen Sie mit: Wie feiern Sie den Sonntag?

Schreiben Sie uns, was der Sonntag Ihnen bedeutet. Wir freuen uns über Ihren Beitrag an redaktion[at]donbosco-magazin.eu . Auszüge aus ausgewählten Zusendungen veröffentlichen wir auf dieser Webseite oder auf unseren Social Media Kanälen.


Verwandte Themen

Kalender, in dem ein Samstag und Sonntag mit einem Smiley markiert sind, Kugelschreiber
Den Sonntag feiern
Volle Terminkalender und neue Gewohnheiten verändern den Sonntag: Theologe Martin Kirschner erklärt im Interview, warum der Sonntag dennoch eine besondere Kraft hat – und wie Familien ihm wieder mehr Raum geben können.
Mutter, Vater und zwei Kinder sitzen gemütlich im Ehebett und frühstücken
Tipps und Ideen
Der Sonntag ist für viele Familien die einzige gemeinsame Ruhe-Insel in einem hektischen Alltag. Zwischen Kita, Schule, Beruf, Haushalt und anderen Verpflichtungen kann der Tag zu einem kleinen Fest für alle werden. Ideen für besondere Sonntagsmomente.
Eine Familie sitzt zusammen am Küchentisch, unterhält sich und isst.
Wertvoller Anker
Im hektischen Familienalltag bleiben Rituale oft auf der Strecke, beobachtet Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge. Er plädiert dafür, sie mit viel Emotionalität wieder zu pflegen und die Kinder aktiv in die Gestaltung der Rituale miteinzubeziehen.