Den Sonntag feiern

Der Rhythmus von Alltag und Fest

Volle Terminkalender und neue Gewohnheiten verändern den Sonntag: Theologe Martin Kirschner erklärt im Interview, warum der Sonntag dennoch eine besondere Kraft hat – und wie Familien ihm wieder mehr Raum geben können.

veröffentlicht am 22.05.2026

Wenn Sie an den Sonntag denken, was verbinden Sie ganz persönlich mit diesem Tag?
Ich verbinde damit so etwas wie einen Wochen-Feierabend, an dem Dinge hochkommen können, die unter der Woche keinen Platz hatten. Mir fällt es selbst sehr schwer, den Sonntag wirklich freizuhalten. Ich habe mir angewöhnt, dass mir der Samstagnachmittag, die Sonntagsnacht und der Sonntagvormittag heilig sind. Eine geistliche Zeit, besonders am Sonntagmorgen mit Joggen und Gottesdienst. Gegen Sonntagmittag oder -nachmittag meldet sich dann schon die kommende Woche an.

Es ist kein Geheimnis, dass immer weniger Menschen sonntags in die Kirche gehen. Welchen Einfluss hat das für die Bedeutung des Sonntags in unserer Gesellschaft?
Nach Corona ist die Zahl der Gottesdienstbesucher stark eingebrochen. Vereinsamung, Individualisierung und das Digitale wurden stärker, was den Sonntag geschwächt hat. Eine sehr geringe Zahl, vielleicht 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, gehen in den Gottesdienst. Aber zum einen glaube ich, dass die Menschen, die in den Gottesdienst gehen, eine Art Stellvertreter sind. Sie halten sozusagen den Sonntag zum Himmel hin offen und treten im Gebet für die anderen ein. Biblisch ist das ein wichtiges Motiv. Und zum anderen glaube ich, dass auch andere den Sonntag sehr bewusst gestalten, wenn sie in die Natur gehen, wenn sie Zeit mit den Kindern oder mit den Eltern verbringen oder beim Sonntagsbrunch. Ich glaube also schon, dass der Sonntag lebt.

Sie haben das Digitale schon genannt. Welchen Einfluss haben Entwicklungen wie die Digitalisierung oder das heute verstärkt vorkommende Homeoffice darauf, wie der Sonntag gelebt wird – besonders in Familien?
Durch Homeoffice und Handy gibt es eine Tendenz, jederzeit abrufbar zu sein. Ich schließe mich da ein. Diese ständige Verfügbarkeit macht es schwer, den Sonntag als Schutzraum zu erhalten. Aber es gibt noch eine andere Ebene, nämlich so etwas wie unsere innere Zeittaktung. Die ist stark von der verplanten Zeit des Terminkalenders und von der Taktung der digitalen Medien bestimmt. Da liegt der deutlichste Kontrast zur Sonntagsliturgie, die ein ganz anderes Tempo, eine ganz andere Rhythmik hat. Sie lässt Leere zu, Wiederholung und Vergegenwärtigung. Von vielen wird das als langweilig oder ungewohnt empfunden. Aber eigentlich wäre es wichtig, diesen Rhythmus zu leben – auch in Verbindung mit den Rhythmen der Natur wie dem Schlaf-Wach-Rhythmus und eben dem Wochenrhythmus.

 Welche Bedeutung hat der Sonntag aus theologischer Sicht? 
Der Sonntag ist doppelt codiert: Er ist zugleich der letzte Tag der Woche und der erste. Er hat Dinge vom jüdischen Sabbat aufgenommen und verbindet sie mit der Feier der Auferstehung Jesu.
Diese Spannung finde ich sehr wichtig. Der Sonntag bietet Raum für Lob und Dank, für das Staunen über das Schöne. Nicht weniger wichtig ist aber die andere Seite. Am Wochenende geraten wir aus dem normalen Takt, dann kommen Dinge hoch, die wir unter der Woche verdrängen. Wir sind mit einem überwältigenden Maß mit Katastrophen und Gewalt konfrontiert, das braucht dringend Raum zum Verarbeiten.

Es ist die Nacht vom Karsamstag mit all der Schuld, all der Verzweiflung, all der Irritation, in der es Ostern wird. Vielleicht müssen wir diese Krise auch an jedem anderen Wochenende ein bisschen durchleben, damit es Sonntag werden kann und wir Auferstehung erfahren können. Das ist eine Sinngebung, die ich persönlich tragfähig und auch theologisch sehr stimmig finde.

Wie kann Kirche heute dazu beitragen, dass der Sonntag wieder als besonderer Tag erfahrbar wird?
Ich finde es wichtig, im Gottesdienst Raum für Erfahrungen zu geben, für offene Fragen, Klage und Stille. Ebenso wichtig ist es, den Kindern und der Familie Raum zu geben. Da kann sich eine Spannung ergeben, mit der man umgehen muss. Es kann mal das eine, mal das andere im Vordergrund stehen oder die Kinder haben einen separaten Kindergottesdienst. Es gibt aber auch Gestaltungselemente, die einen gemeinsamen Raum öffnen, etwa wenn mit einer Klangschale in die Stille geführt wird. Im Gegensatz dazu gibt es auch eine erstarrte Liturgie – wenn die Liturgie nicht schön gestaltet ist, oder die Sonntagspflicht den eigentlichen Sinn der Messe überlagert. Es gibt dieses Wort Jesu, dass der Sabbat für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Sabbat. Das passt da sehr schön.

Wenn wir auf den Sonntag einer typischen Familie schauen, dann sitzen die Kinder vielleicht lernend oder zockend in ihrem Zimmer, Mama macht die Steuer und Papa steht am Herd. Der Tag läuft eher dahin, als dass er für gemeinsame Erlebnisse genutzt wird. Wie kann man das als Familie mit kleinen Mitteln anders gestalten, so dass der besondere Wert des Tages wieder deutlicher wird?
Zum einen würde ich da noch einmal auf diese Spannung zwischen Sonntagsgebot und Freiheit hinweisen. Denn wenn man einfach die Zeit dahingleiten lässt, dann wir der Sonntag verschusselt. Umgekehrt, wenn man die Kinder in den Gottesdienst schleift, können sie eine regelrechte Allergie entwickeln. Es braucht da immer wieder ein neues Nachjustieren zwischen diesen beiden Extremen. Das ist eine große Kunst. Wenn man es einfach laufen lässt, werden die Kinder weder in die Liturgie noch in die Kirche hineinfinden. Dafür muss man schon auch etwas tun. Familienrituale können da sehr hilfreich sein. Das kann der Sonntagsausflug sein oder die Kerze, die angezündet wird. In unserer Familie sind wir, zum Beispiel wenn jemand krank war, dazu übergegangen, statt uns aufzuteilen, eine eigene Feier zu Hause zu gestalten. Ich würde Familien empfehlen, das für sie Passende zu suchen.

Nicht jeder ist offen für religiöse oder spirituelle Praxis. Kann der Sonntag auch für diese Menschen ein besonderer Tag sein?
Ich nehme es so wahr, dass diese Fragen auch bei Menschen sehr präsent sind, die sich für nicht religiös halten oder es explizit nicht sind. Ich würde da zum Beispiel Ausdrücke wie „Work-Life-Balance“ oder „Quality Time“ anführen. Auch das hat viel mit dem zu tun, was ich vorhin Rhythmus genannt habe, traditionell gesprochen: der Wechsel von Beten und Arbeiten. Vielen Menschen, die von Religion entfremdet sind, bietet ein weites Verständnis von „Spiritualität“ die Möglichkeit, ihre persönliche Suche zu starten und bewusste Zeiten zu gestalten. Das sollte Kirche aufgreifen und unterstützen – nicht vereinnahmen, sondern hilfreich tätig sein und Räume anbieten, gerade auch Kirchenräume mit ihrer von Generationen „durchbeteten“ Atmosphäre. Es ist wichtig, den Rhythmus von Alltag und Fest wiederzuentdecken, der in der kirchlichen Kultur und im Brauchtum verankert ist. Das ist auch etwas anderes als Freizeit. Es ist eine besondere Zeit, die nicht gleich mit Freizeitveranstaltungen zugeschaufelt wird.

Welche Bedeutung haben Regelungen wie der Sonntagsschutz oder das Ladenschlussgesetz für unsere Gesellschaft?
Die Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft produziert unter vermeintlichen Sachzwängen angeblich Mehrwert – verzweckt dabei die Dinge, beutet Menschen und Natur aus, schöpft Mehrwert ab. Unser Konsumverhalten und diese ganzen Suchtfaktoren, die wir oft mit Freizeit verbinden, haben eine ähnliche Tendenz. Vor dieser übergriffigen Logik braucht es einen Schutzraum, der unverzweckt bleibt. Der Raum, um am Sonntag eine neue Rhythmik und Gemeinschaft zu entdecken, entsteht nicht von allein. Deshalb braucht er ganz konkreten Schutz. Von daher ist es kein Wunder, wenn Kirchen und Gewerkschaften bei diesem Thema oft an einem Strang ziehen. Und es ist sehr wichtig, dass sie das tun.

Könnte nicht ein beliebiger freier Tag pro Woche für Arbeitnehmende den Sonntag vollständig ersetzen?
Dann verschwindet das Gemeinsame: Indem der Sonntag und auch Feiertage für alle gelten, entsteht ein Rhythmus, der die Gesellschaft prägt und Gemeinschaftsbildung ermöglicht. Selbstgewählte freie Tage geben dagegen individuellen Gestaltungsraum. Das eine kann das andere nicht ersetzen.

Porträt Mann mit graumelierten Haaren, Brille und Anzug lachend

Professor Martin Kirschner ist Inhaber des Lehrstuhls für „Theologie in Transformation“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen gesellschaftliche und kirchliche Wandlungsprozesse.


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