Interview

Wie Eltern reagieren, wenn ihre Kinder sich outen

Wenn Kinder oder Jugendliche sich zuhause outen, stoßen sie auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Welche das sind und was Eltern und Kindern in dieser Situation hilft, erklärt Elena Winter vom Münchener Jugendzentrum diversity.

veröffentlicht am 25.01.2022

Welche Erfahrungen machen Jugendliche, wenn sie sich ihren Eltern gegenüber outen, wie reagieren die Eltern?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Eltern, die sehr positiv reagieren, viel Unterstützung anbieten und das sehr gut akzeptieren. Andere wissen, wahrscheinlich auch aus eigener Unsicherheit heraus, nicht so richtig, wie sie damit umgehen sollen. Von diesen Eltern kommt dann nicht so eine starke Reaktion oder es ist für sie vielleicht auch gar kein so großes Thema. Es kommt allerdings auch immer wieder vor, dass das Outing ignoriert wird. Dass also eine jugendliche Person sich bei den Eltern outet und das danach kein Thema mehr ist, dass es übergangen wird. Dass also, wenn ein Mädchen sich als lesbisch geoutet hat, immer wieder gefragt wird, ob es einen Jungen gibt, ob es einen Freund hat. Das ist natürlich sehr belastend. Und es gibt auch Eltern, die sehr ablehnend reagieren und gar kein Verständnis dafür aufbringen können.

Egal, wie letztendlich die Reaktion ausfällt: Viele Jugendliche haben große Angst davor, sich vor der Familie oder den Eltern zu outen.

Dabei ist das Thema Diversität heute deutlich präsenter in der Gesellschaft als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Woran liegt es, dass die Jugendlichen trotzdem so viel Angst haben?  
In der Beratung erlebe ich, dass Jugendliche sich tatsächlich große Gedanken darüber machen, wie sie es ihren Eltern am besten sagen können, ob sie es ihren Eltern sagen möchten, wann sie es ihnen sagen möchten. Es ist nach wie vor ein großes Thema.

Dabei habe ich das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, ob es um die sexuelle Orientierung oder um die geschlechtliche Identität geht. Wenn sich ein Kind oder ein Jugendlicher oder eine Jugendliche als trans outet, ist diese Person nochmal stärker auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Denn da geht es ja auch darum, die gewünschten Pronomen zu verwenden, die gewünschten Namen, es geht um die rechtlichen Schritte. Daher kann ich mir vorstellen, dass das häufig nochmal mit anderen Ängsten verbunden ist.

Es stimmt, dass sich einiges verbessert hat und diese Themen präsenter ist. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie akzeptierter sind. Es gibt leider immer noch Übergriffe auf queere Personen und Orte, wie zum Beispiel auf eine queere Bar in Hamburg letztens. So etwas findet immer noch statt und führt natürlich nicht dazu, dass es den Kindern und Jugendlichen leichter fällt. Auf der anderen Seite gibt es viel mehr Vorbilder, zum Beispiel durch YouTube, Instagram, Tiktok, sodass sich die Jugendlichen nicht mehr so alleine fühlen. Das kann eine Unterstützung sein.

Was empfehlen Sie Eltern, die merken, dass Sie mit dem Weg, den ihre Kinder gehen, nicht zurechtkommen oder ihn sogar ablehnen?
Zunächst mal ist es wichtig zu schauen, worauf sich diese Ablehnung genau begründet, was die Hintergründe sind und was genau abgelehnt wird. Manchmal steckt große Angst oder Sorge dahinter. Oft höre ich zum Beispiel, dass die Angst besteht, dann nicht Oma oder Opa werden zu können. Deshalb ist es gut, in sich hineinzuhören und sich zu fragen, was genau lehne ich ab und warum tue ich das, und dann damit zu arbeiten und es zu reflektieren. Und sich bewusst zu machen, was für einen Leidensdruck es bei den Kindern auslösen kann, wenn sie diese Seite der Kinder ablehnen. Wichtig ist auch, dass die Eltern wissen, dass sie da nicht alleine durchgehen müssen. Sie können Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen.

Was raten Sie Jugendlichen, die das Gefühl haben, sich zuhause verstecken zu müssen, und sich nicht trauen, mit ihren Eltern über ihr beispielsweise Schwul-, Lesbisch- oder Transsein zu sprechen?
Oft ist es hilfreich, sich Unterstützung zu suchen, sei es zum Beispiel bei Freunden oder Freundinnen oder bei Vertrauenslehrkräften. Oder auch bei Beratungsstellen, zu denen man ein gewisses Vertrauen hat und wo man weiß, hier kann ich offen darüber sprechen, hier wird es gut aufgenommen.

In Beratungsgesprächen schauen wir individuell mit den Jugendlichen, wie das Outing vonstattengehen kann. Muss es gerade ein Outing geben oder ist vielleicht etwas anderes zunächst wichtiger. Geht es vielleicht erstmal darum, Kontakte zu knüpfen, andere Ansprechpersonen, Gleichaltrige zu finden.

Ich würde den Jugendlichen auch gerne den Druck nehmen, sich outen zu müssen. Das hat auch etwas mit dem Selbstbestimmungsrecht zu tun. Sie dürfen selbst entscheiden, wann, wo und bei wem sie sich outen wollen. Ich habe oft das Gefühl, dass sie denken, meine Eltern haben ein Recht darauf, es zu erfahren, und ich muss es ihnen jetzt sagen. Aber das ist nicht der Fall.

Wenn sie das Coming Out nicht alleine machen wollen, können sie sich jemanden zur Hilfe nehmen, vielleicht eine Freundin mitnehmen, oder es zusammen mit einer Beratungsstelle machen.

Warum gibt es in der Gesellschaft immer noch viele Vorbehalte und Berührungsängste bis hin zu Diskriminierung gegenüber queeren Menschen und was muss sich tun, damit sich das ändert?
Das ist eine große Frage. Der Hauptgrund ist sicherlich, dass wir immer noch in einer heteronormativen Gesellschaft leben und das Konstrukt von Geschlechterbinarität – es gibt nur zwei Geschlechter – sehr stark verinnerlicht haben. Dadurch sind queere Lebensweisen noch immer nicht alltäglich.

Man sieht auch bei anderen Diskriminierungsformen, dass meistens dort Ablehnungsgefahr besteht, wo Menschen etwas fremd erscheint, ihnen etwas unbekannt ist oder sie einfach noch wenige oder keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten und deswegen viele Unsicherheiten bestehen, vielleicht auch Ängste. So entwickelt sich oft eine große Ablehnung einfach aus Unwissenheit heraus.

Deshalb ist es, und da bin ich beim zweiten Teil Ihrer Frage, ganz wichtig, Aufklärung zu leisten oder Aufklärung in Anspruch zu nehmen, sich zu informieren, sich weiterzubilden, zu versuchen, Vorurteile abzubauen. Wir alle können in unserem Alltag mit dazu beitragen, queere Themen zu Querschnittsthemen in gesamtgesellschaftlichen Kontexten zu machen. Zum Beispiel in den Schulen nicht immer von Mann und Frau als Paar zu reden, sondern vielleicht auch mal von Frau und Frau, vielleicht nicht zu sagen, es gibt zwei Geschlechter, sondern zu sagen, es gibt viele Geschlechter. Oder auch in kleinen, alltäglichen Situationen: dass ich, wenn ich einer Person begegne, die ich als weiblich lese, nicht frage, hast du einen Freund, sondern frage, bist du in einer Beziehung.

Ich denke, ein wichtiger Punkt ist die Aufklärung in den Schulen. Hinzu kommen Medien. Serien und Filme mit queeren Charakteren haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Das ist natürlich auch eine gute Möglichkeit der Aufklärung, wenn sie gut genutzt wird. Auch in Büchern, sowohl in Schulbüchern als auch in Kinderbüchern, könnten nicht immer nur Mama und Papa vorkommen, sondern es könnten vielfältige Lebensweisen gezeigt werden.

Ihr Verein bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die schwul, lesbisch, bi, trans oder queer sind, vielfältige Veranstaltungen und Gruppen an. Was schätzen die Teilnehmenden an diesen Angeboten?
Zum einen ist es der Schutzraum, den diversity bietet. Dann ist es die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten austauschen und vielleicht auch mal über Themen reden zu können, die einen beschäftigen und die man möglicherweise mit anderen Personen nicht so gut besprechen kann. Es sind ähnliche Erfahrungen, über die man sich austauschen kann. Und es ist ganz klar auch die Situation, mal nicht die Person in der Gruppe zu sein, die „anders“ ist, sondern mit Leuten zusammen zu sitzen, wo das mal nicht so ein Thema ist, wo es vielleicht sogar mal völlig egal ist. Einfach weil alle auf dem gleichen Stand sind. Hinzu kommt das Gefühl, einfach weniger Angst haben zu müssen, aufgrund der sexuellen Orientierung und bzw. oder der geschlechtlichen Identität diskriminiert zu werden.

Porträt Elena Winter

Elena Winter

Sozialpädagogin Elena Winter arbeitet als Beraterin bei der LesBiSchwulen und Trans* Jugendorganisation diversity in München.

Queer, LGBTQ*: Was ist was?

Die Abkürzung LGBTQ (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer) oder auch LSBTQ (lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich oder transident, queer) steht für lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Personen. Queer meint Personen, die nicht von Geburt an einem bestimmten Geschlecht zugehörig oder heterosexuell sind. Oft werden weitere Buchstaben oder Zeichen an die Abkürzung angehängt. Das I bedeutet intersexuell. Ein + oder * steht für weitere sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten.

Das Wort queer wird inzwischen oft als Überbegriff für alle sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identifizierungen verwendet, die nicht der gesellschaftlichen Norm der Heterosexualität oder dem Prinzip der Geschlechtsbinarität entsprechen.

Beratung und Selbsthilfegruppen für Eltern queerer Kinder


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