Jugend und Kirche

Zuhause in der digitalen Welt

Ein Leben ohne Smartphone können sich Kinder und Jugendliche kaum vorstellen. Doch ist die Kirche darauf vorbereitet, der jungen Generation auch in der digitalen Welt zu begegnen?

veröffentlicht am 01.01.2020

Ich hab’s geschafft“, ruft der etwa zehnjährige Junge begeistert seiner Mutter zu, die etwas ratlos nickt und hilflos auf den Bildschirm schaut, auf dem das Videospiel Minecraft zu sehen ist. Geschafft heißt, dass ihr Sohn ein neues Gebäude errichtet hat, das aussieht wie ein Haus aus Legosteinen. Nur dass er sich dazu noch eine Rüstung bauen kann und ein Schwert, einen Zaun oder sogar einen Hund, um damit sein Haus vor Eindringlingen zu beschützen. „Ist das überhaupt kindgerecht, und was genau passiert eigentlich in dem Spiel?“, will seine Mutter auf dem „Münchner Elternabend Medien 2019“ wissen.

So wie ihr geht es vielen Eltern, die sich fragen, was ihre Kinder eigentlich alles mit ihrem Handy, am Laptop und am Tablet machen, und wie, aber vor allem wo sie sich in der Online-Welt bewegen.

Dass Kinder und Jugendliche Medien eigenständig und je nach ihren Bedürfnissen nutzen, ist heute Normalität. Internet, Smartphones, Spielkonsolen und ­YouTube sind Teil ihres Lebens. 98 Prozent der Kinder haben laut der KIM-Studie 2018 potentiell die Möglichkeit, zu Hause das Internet zu nutzen. So bewegen sich bereits zwei Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen im Internet. Zwar sind die Sechs- bis Siebenjährigen eher selten online, bei den Acht- bis Neunjährigen nutzen aber schon drei von fünf Kindern das Internet und bei den Zehn- bis Elfjährigen sind es immerhin vier von fünf Kindern. Bei den Zwölf- bis 13-Jährigen sind 94 Prozent im Internet unterwegs.

Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche in Haushalten aufwachsen, in denen laut der JIM-Studie 2018 Fernseher bei 95 Prozent zur normalen Medienausstattung gehören. 71 Prozent der Familien haben Spielkonsolen und immerhin 67 Prozent besitzen ein Tablet. Außerdem gibt es in jedem zweiten Haushalt einen MP3-Player, und ein Drittel der Familien hat mindestens einen E-Book-Reader im Haus. Bei drei von vier Familien gehört auch ein Abo eines Video-Streamingdienstes wie Netflix oder Amazon-Prime dazu.

Jeder zweite Jugendliche hat ein eigenes Smartphone

Natürlich haben Kinder und Jugendliche auch eigene Geräte – ganz vorne dabei ist das Smartphone. Bei den Sechs- bis 13-Jährigen besitzen dem EU-Kids-Online-Report zufolge knapp die Hälfte (49 Prozent) ein eigenes Smartphone, einen Computer oder Laptop haben in dem Alter jedoch nur 19 Prozent. Bei den Jugendlichen bis 19 Jahre hat fast jeder (97 Prozent) ein Smartphone und 71 Prozent zusätzlich einen eigenen Computer oder Laptop, so die JIM-Studie.

Während Kinder, Sechs- bis 13-Jährige, ihr Smartphone hauptsächlich zum Verschicken von Textnachrichten nutzen, verwenden Jugendliche ihr Handy für WhatsApp, Instagram und YouTube. Danach folgen Snapchat, Spotify und Google. Insgesamt sind Jugendliche nach eigenen Angaben täglich 221 Minuten im Internet unterwegs.

Für alle Altersgruppen ist WhatsApp die wichtigste App, denn der Austausch von Nachrichten hat im Alltag der Kinder und Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Etwa 95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen WhatsApp mehrmals pro Woche, 81 Prozent nutzen den Messenger täglich und erhalten durchschnittlich 36 Nachrichten am Tag (siehe JIM-Studie 2018). Auch digitale Spiele haben einen wichtigen Stellenwert. Rund drei von fünf Jugendlichen spielen regelmäßig Online-Spiele.

Dass Apps wie WhatsApp und Instagram auch dazu verwendet werden, andere auszuschließen, Unwahrheiten zu verbreiten und ungefragt intime Fotos zu verschicken, ist nichts Neues. Um Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass auch digitales Verhalten reale Konsequenzen hat, braucht es verlässliche Maßstäbe. Ein guter Ansatzpunkt für die Kirche?

Kirche und die digitale Welt

Dass es nicht nur für Eltern schwierig ist, einen Zugang in die veränderten Lebenswelten der jungen Leute zu finden, bestätigt Sonja Lexel vom Referat Jugendpastorale Grundsatzfragen Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. „Katholische Kirche und digitale Welt haben sich noch nicht so angenähert“, sagt sie. „Jugendliche unterscheiden gar nicht mehr zwischen digital und analog“, erklärt die studierte Theologin und Religionspädagogin. „Es gibt einen Spruch: Was es im Internet nicht gibt, gibt es nicht, und wenn Kirche da nicht auftaucht, kann sie auch nicht ins Bewusstsein von jungen Menschen kommen“, ist Lexel überzeugt. Gerade, wenn sie sowieso kirchenfern seien. Die Kirche müsse bedürfnisorientiert vorgehen. „Wir müssen uns fragen: Was brauchen die jungen Leute? Wie können wir ihr Leben in der digitalen Welt mit Werten anfüllen und bereichern?“, betont Lexel. Junge Menschen würden online viele Erfahrungen mit Themen wie Tod und Auferstehung, Sieg und Niederlage machen und ihnen begegne viel Hass im Netz. Dies wären Themen, wo wir als Kirche da sein könnten.

„Wir haben wirklich gute Seelsorger, und die müssen das Handwerkszeug bekommen, auch digital ihre gute Seelsorge umzusetzen“, sagt Sonja Lexel. Man müsse die digitale Lebenswelt junger Leute mit religiösen Themen in Verbindung bringen. Zum Beispiel anhand ethischer und moralischer Fragen, die in Computerspielen vorkämen, oder anhand anderer religiöser Themen oder sakraler Gebäude, die es in einigen Spielen gebe.

„Ich sehe aber die Chance, dass die Leute, die jetzt ausgebildet werden, ebenfalls mit diesen Themen aufgewachsen sind und sich daher auskennen und Dinge entwickeln können.“

Den Herausforderungen einer zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft stellen sich auch die Salesianer Don Boscos. „Unsere Anliegen und Angebote müssen auch im digitalen Raum auffindbar sein und in zeitgemäßer Form genutzt, beworben und verbreitet werden“, sagt Pater Johannes Kaufmann, zuständig für die Jugendpastoral des Ordens in Deutschland. Einen ganz besonderen Fokus wolle die Ordensgemeinschaft deshalb in Zukunft auch auf die Begegnung und Beziehung mit jungen Menschen in der digitalen Welt legen. „Don Bosco wollte junge Menschen zu frohen Christen, aber auch zu mitverantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern erziehen. Mitreden, diskutieren und lernen, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, gehörte für ihn zu den Grundvoraussetzungen, um Kirche und Gesellschaft nachhaltig mitzugestalten. Das bedeutet, dass wir junge Menschen dazu ermutigen und befähigen müssen, auch in der virtuellen Welt Dinge zu hinterfragen und sich verantwortungsbewusst einzubringen“, so Kaufmann. Gerade der medienpädagogischen Qualifikation komme dabei in Zukunft eine hohe Bedeutung zu, so der Salesianer.

Das Treffen mit Freunden bleibt wichtig

Neben der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche sich nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt bewegen, haben die Studien gezeigt, dass die liebste Freizeitbeschäftigung bei jungen Leuten immer noch das Treffen mit Freunden ist. Es geht also nichts über eine Begegnung in der analogen Welt. Dies wird auch der besorgten Mutter auf dem Münchner Medienelternabend versichert – Freunde treffen schlägt Minecraft.                   
  
Die Umfragewerte stammen aus den KIM- und JIM Studien 2018, die sich auf Stichproben von Kindern und Jugendlichen stützen. Außerdem aus den Berichten des EU Kids Online research networks der London School of Economics and Political Science.

Zahlen und Fakten

Wie sich Kinder* mit ihren Feunden verabreden

  • 26 % schicken meistens eine Textnachricht (z.B. über WhatsApp)
  • 25% gehen meistens einfach bei ihren Freunden vorbei
  • 18 % rufen ihre Freunde zum Verabreden eines Treffens auf dem Festnetz an
  • 11 % rufen auf dem Handy an
  • 11 % treffen sich mit ihren Freunden immer an einem festen Ort und gehen dort vorbei

*Kinder von 6-13 Jahre

Quelle: KIM 2018, Angaben in Prozent, Basis: alle Kinder, n=1.231

Die tägliche Mediennutzung von Jugendlichen*

  • 94 % Smartphone
  • 91 % Internet
  • 84 % Musiknutzung
  • 65 % schauen online Videos
  • 42 % sehen täglich fern

* Jugendliche von 12-19 Jahre

Quelle: JIM 2018, Angaben in Prozent, Basis: alle Kinder, n=1.200

Mehr Informationen unter anderem zur KIM-Studie auf der Website des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest

Mehr Informationen auf der Website des Forschungsprojekts EU Kids Online


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