Gefahr im Netz

Warum Jugendliche Challenges lieben

Manche Mutproben im Internet sind lustig, einige dumm und andere lebensgefährlich. Warum Teenager besonders anfällig für diese Art der Selbstdarstellung sind und was Eltern tun können, um sie zu schützen.

veröffentlicht am 01.03.2019

Wer sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt und sonst eher selten auf YouTube, Instagram, Tik Tok und Co. unterwegs ist, wird bald mit großen Augen und offenem Mund vor dem Bildschirm sitzen, wenn er sich die sogenannten Challenges ansieht, mit denen sich Jugendliche im Internet präsentieren. Challenges sind Herausforderungen oder Mutproben, bei denen Menschen sich filmen und die Videos dann über soziale Netzwerke verbreiten. Vor allem Jugendliche lieben das Format. Die Spannweite ist dabei von äußerst harmlos bis sehr gefährlich oder gar lebensbedrohlich. Einige Beispiele:

Ice Bucket Challenge
Die „Eiskübel“-Challenge startete im Sommer 2014. Sie war die erste, die sich massenhaft im Internet verbreitete. Menschen filmten, wie sie sich einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf schütteten. Dann schickten sie das Video an Freunde und forderten sie auf, dasselbe zu tun.  Mit der Aktion wollten die Urheber auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen und Spenden sammeln. Auch Prominente wie Bill Gates und Mark Zuckerberg beteiligten sich.

Condom snorting Challenge
Die Teilnehmer stecken sich die Spitze eines Kondoms in ein Nasenloch, halten das andere mit dem Finger zu und atmen kräftig ein. Ziel ist es, das Kondom durch den Rachen und dann aus dem Mund wieder herauszuziehen. Nicht angenehm und nicht gesund. Im schlimmsten Fall wird das Kondom verschluckt oder eingeatmet.

Tide Pod Challenge
Eine Flüssigwaschmittelkapsel wird im Mund zerbissen, der Inhalt läuft langsam aus dem Mund heraus. Eine lebensgefährliche Aktion. Nachdem Dutzende Teenager wegen schwerer Vergiftungen behandelt werden mussten, rief die Herstellerfirma dazu auf, sich nicht an der Challenge zu beteiligen. YouTube löschte die Videos.

Bad Make-up Challenge
Mädchen und Jungen filmen sich dabei, wie sie sich wie wild mit Lippenstift, Puder, Lidschatten und anderen Schminkutensilien das Gesicht bemalen.  

„In my feelings“-Challenge
Es begann damit, dass der Social-Media-Star Shiggy zum Song „In my feelings“ von Drake auf der Straße tanzte. Das Video verbreitete sich, immer mehr Jugendliche kopierten die Choreografie. Schließlich fingen einige an, aus einem fahrenden Auto zu springen und auf der Straße zu tanzen. Oft mit schlimmen Folgen. Trotzdem wurde die Challenge in dieser Variante erst richtig zum Hit.

Nicht lachen Challenge
Zwei Spieler sitzen sich gegenüber. Sie füllen sich den Mund mit Wasser. Während eine dritte Person Witze erzählt, versuchen die beiden, nicht zu lachen. Wenn es doch passiert, gibt es eine mehr oder weniger große Wasserschlacht.  

Bird Box Challenge
Angelehnt ist sie an den Film „Bird Box“, in dem Menschen, um sich vor einer dunklen Macht zu schützen, mit einer Augenbinde herumlaufen. Bei der Challenge tun Jugendliche genau das, allerdings im echten Leben und bei normalen Alltagstätigkeiten. Im Januar ist eine 17-Jährige US-Amerikanerin mit verbundenen Augen Auto gefahren und in den Gegenverkehr gekracht. Wenige Tage später nahm YouTube ein ausdrückliches Verbot gefährlicher Challenges in seine Richtlinien auf. Bereits zuvor waren bei der Plattform gefährliche Inhalte allgemein gemäß den Richtlinien verboten.  

Jugendliche wollen sich vor anderen zeigen

Schon diese kleine Auswahl zeigt, wie vielfältig die Aktionen sind, mit denen sich Jugendliche vor laufender Kamera selbst darstellen. Und sie macht deutlich: Challenges können lustig sein oder doof. Sie können körperliche Schäden verursachen und sogar lebensgefährlich sein. Die Frage ist: Warum machen die Jugendlichen das?

„Jugendliche sind neugierig und gerne in Konkurrenz mit anderen“, erklärt Stefanie Rack von der Initiative klicksafe, die sich für mehr Sicherheit im Internet einsetzt. „Es ist in der Entwicklungspsychologie nichts Neues, dass Jugendliche Herausforderungen suchen und sich vor anderen gerne zeigen. Dass sie das, was sie können, präsentieren wollen.“ Challenges seien genau das, was „bei Jugendlichen den Nerv trifft“. Dabei gibt es nach Ansicht der Lehrerin und Medienpädagogin durchaus Challenges, die harmlos oder lustig sind oder sogar mit Gewinn genutzt werden können. „Sie generell abzulehnen, wäre falsch.“ Zudem habe es Mutproben schon immer gegeben, sie gehörten zur Lebensphase Pubertät dazu. „Wir sind früher als Mutprobe nachts über den Friedhof gelaufen“, sagt Rack. Das Problem: „Heute wird das durch das Internet potenziert. Man versucht, immer noch gefährlichere Sachen zu machen.“

Was früher also das Durch-den-See-Schwimmen oder Alkoholtrinken bis zum Umfallen war, sind heute gefilmte Schminkorgien oder Tanzeinlagen auf der Autobahn. Früher sahen ein paar Freunde zu und vielleicht der oder die Angebetete, die man mit der Aktion beeindrucken wollte. Heute ist, zumindest theoretisch, die ganze Welt Zeuge. Und während damals die Mutprobe mit der mehr oder weniger erfolgreichen Durchführung beendet war, vergisst das Internet nichts.

Was ist Spaß und was ist gefährlich?

Umso wichtiger ist es, die Jugendlichen vor den Gefahren von Challenges zu schützen. Stefanie Rack rät Eltern, mit den Kindern über die Konsequenzen zu sprechen: „Was passiert, wenn du dies oder jenes machst? Was passiert, wenn du so etwas teilst? Damit rufst du quasi andere dazu auf, so etwas zu tun.“ Generell wichtig sei es, dass die Teenager ein gutes Gefühl dafür hätten, dass sie „auch so dazugehören und nicht nur, wenn sie etwas besonders Gefährliches machen. Zu wissen: Was macht mich aus? Und zu unterscheiden: Was ist Spaß, was kann lustig sein und was ist gefährlich?“

Gespräche könnten sich ganz nebenbei ergeben. „Wenn ich sage, ich habe in der Zeitung von dieser neuen Challenge gelesen. Kennst du die schon? Ist das bei euch in der Klasse ein Thema? Was hältst du davon? Da kann man schon mal vorfühlen, was für ein Risikobewusstsein ein Kind schon hat“, erklärt Rack. Vielleicht hilft es den Jugendlichen auch, einmal nachzulesen, was eine Gleichaltrige zu dem Thema zu sagen hat.

Die Bloggerin Livia Kerp (16) bringt ihre Meinung klar auf den Punkt: „Warum gibt es immer wieder Jugendliche, die sich auf solche irrsinnigen Mutproben einlassen? Nur wegen ein paar mehr Klicks auf YouTube? Oder geht es hier um Ansehen oder darum, ‚cool‘ zu sein?“, fragt sie in ihrem Blog. „Für mich hat ‚Mut‘ nichts damit zu tun, einfach alles zu machen, was andere vorgeben. Sondern ‚Mut‘ ist für mich, auch mal ‚Nein‘ zu sagen und seinen eigenen zu Weg gehen.“ Cool, dieses Mädchen!

Falls Eltern fürchten, dass ihr Kind durch Challenges in Gefahr geraten könnte, sollten sie mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter reden und ihren Sorgen Ausdruck geben. Und sich bei Bedarf Hilfe holen, zum Beispiel beim Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer", Tel.: 0800 / 111 0 550


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