Weihnachtsgeschichte

Die heilige Nacht

Ein junger Vater ist auf der Suche nach Feuerholz, um seine Frau und sein Kind zu wärmen. Da trifft er auf einen alten Hirten... Eine Weihnachtsgeschichte nach Selma Lagerlöf.

veröffentlicht am 23.11.2020

Es war einmal ein Mann, der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuerholz zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. „Ihr lieben Leute, helft mir“, sagte er. „Meine Frau hat eben ein Kind geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen!“ Aber es war tiefe Nacht und alle Menschen schliefen.

Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er in diese Richtung und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirte wachte über die Herde. Als der Mann, der Feuerholz leihen wollte, näherkam, sah er, dass dort drei große Hunde saßen. Bei seinem Kommen stürzten sie auf ihn zu und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten. Aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten. Er sah, wie ihre scharfen Zähne leuchteten. Er fühlte, dass einer nach seiner Hand schnappte. Aber die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärtskommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin auf das Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.

„Nimm, so viel du brauchst“

Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirte auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, unwirsch und hart gegen alle Menschen. Als er den Fremden kommen sah, griff er nach seinem langen Stab, um ihn nach ihm zu werfen. Der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los. Aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste an ihm vorbei, weit über das Feld. Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: „Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuerholz. Meine Frau hat eben ein Kind geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.“ Der Hirte hätte am liebsten Nein gesagt. Aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht treffen wollte, da wurde ihm ein wenig bange. Er wagte es nicht, dem Fremden seine Bitte abzuschlagen. „Nimm, so viel du brauchst“, sagte er zu dem Mann. Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Zweige mehr übrig. Geblieben war nur ein großer Gluthaufen. Und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können. Als der Hirte dies sah, sagte er abermals: „Nimm, so viel du brauchst!“ Er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte.

Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände noch versengten sie seinen Mantel. Der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären. Als der Hirte das alles sah, begann er, sich zu wundern: Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, der Stab nicht trifft und das Feuer nicht brennt? Er stand auf, um dem Fremden zu folgen. Bald hatte er ihn eingeholt und fragte: „Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?“ Da sagte der Mann: „Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.“ Dann ging er weiter, um bald Frau und Kind mit dem Feuer wärmen zu können. Nach einer Weile kamen beide dort an, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirte, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin  u wohnen. Er hatte mit seiner Frau und seinem Kind in einer Berggrotte Unterschlupf gefunden, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.

Er sah die Engel überall

Der Hirte dachte, dass das Kind dort in der Grotte gar erfrieren könnte. Er zog ein weiches Schaffell aus seinem Beutel. Das gab er dem fremden Mann und sagte, er möge das Kind darauf betten. Genau in dem Augenblick, in dem er sich so freundlich zeigte, wurden ihm die Augen geöffnet. Und er sah, was er vorher nicht hatte sehen können. Und hörte, was er vorher nicht hatte hören können: Er sah, dass rund um ihn ein Kreis von Engeln stand.

Und jeder von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wäre. Da ahnte er, warum in dieser Nacht alles wie verwandelt war. Er spürte eine andere Freude. Er spürte seine Angst und seinen Ärger nicht mehr so wie zuvor. Und er spürte ein großes Staunen: Jetzt sah er die Engel überall. Sie saßen in der Grotte und sie saßen auf dem Berge und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, sangen und spielten fröhlich und übermütig. Und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind. Alles das sah er in dieser Nacht, in der er früher nichts erkennen konnte als lauter Dunkelheit. Alles war wie verwandelt. Auch in ihm.

Cover Bilderbuch Die heilige Nacht

Text: nach der Geschichte „Christuslegenden“ von Selma Lagerlöf, überarbeitet von Susanne Brandt, aus: „Die heilige Nacht. Eine Weihnachtsgeschichte nach Selma Lagerlöf. Mini-Bilderbuch“ (Don Bosco Verlag, € 2,00) von Susanne Brandt, auch erhältlich als Kamishibai-Bildkartenset.


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