Würzburg

So arbeitet Don Bosco mit jungen Menschen in der Corona-Zeit

In der gemeinnützigen Caritas-Don Bosco GmbH in Würzburg werden junge Menschen mit besonderem Förderbedarf unterstützt. Die Pandemie stellt Jugendliche und Einrichtung vor besondere Herausforderungen. Ein Gespräch mit Direktor Andreas Halbig.

veröffentlicht am 02.03.2021

Studien zeigen: Jugendliche leiden unter den Folgen der Corona-Pandemie. Wie geht es den jungen Menschen in Ihrer Einrichtung?
Erfreulicherweise sind nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr die Prüfungen für unsere Teilnehmenden gut gelaufen. Die Quote derer, die bestanden haben, war genauso hoch wie sonst, vielleicht sogar ein bisschen besser. Die aktuelle Herausforderung ist für uns der Übergang von der Ausbildung in den ersten Arbeitsmarkt, der aktuell oft aufgrund der Pandemie nicht klappt. Im Moment haben wir etwa 50 Prozent der Teilnehmenden im Haus und 50 Prozent im Fernlernen. Unsere Reha-Teams haben genau geprüft, wer braucht die pädagogische Unterstützung vor Ort, wer sollte ins Haus kommen, damit der Erfolg der Maßnahme nicht gefährdet ist. Wer hat zuhause vielleicht gerade eine Schieflage oder wer braucht unsere Hilfe, um nicht abgehängt zu werden.

Natürlich würden wir gerne auch die anderen 50 Prozent bei uns im Bildungszentrum unterstützen. Das Ganze ist aber eine Gratwanderung: Viele Jugendliche hier im Haus zu haben, erhöht die Sorge um die Gesundheit von Mitarbeitenden und Teilnehmenden. Auf der anderen Seite wissen wir: Unsere Jugendlichen sind nicht ohne Grund hier und auf unsere Unterstützung angewiesen.

Haben psychische Probleme wie Ängste und Depressionen bei den Jugendlichen zugenommen?  
Auf jeden Fall. Aus diesem Grund haben wir trotz des Lockdowns eine relativ große Zahl Teilnehmender wieder ins Haus geholt. Die jungen Menschen drehen sich zuhause oft um sich selbst und finden nicht den Weg nach draußen. Unsere Fachdienste, Sozialpädagogen und Psychologen rufen zwar an und halten Kontakt. Aber auf die Distanz ist es schwer, den jungen Menschen zu helfen, sie soweit zu bringen, dass sie sich öffnen, dass sie sagen, mir geht es gerade nicht gut. Gerade Menschen mit Depressionen fehlt der persönliche Kontakt.

Bei den Autisten ist es ganz unterschiedlich. Einige sind ganz froh, dass sie nicht zu einem Kontakt gezwungen werden – auch wenn es für ihre Entwicklung wichtig wäre.

Gibt es Fälle, bei denen wegen Corona ein Traum geplatzt ist?
Der Knackpunkt ist häufig der unmittelbare Übergang von Ausbildung und beruflicher Qualifikation hin zum Beruf. Es gibt junge Menschen hier, die ihren Vertrag schon in der Tasche hatten. Sie erhielten nach längeren Praktika von tollen Firmen die Zusage, und die wurde dann zurückgenommen. Da sind Träume geplatzt. Man hat dreieinhalb Jahre auf etwas hingearbeitet, hat immer wieder Kontakt zu einzelnen Firmen gehabt, die Jugendlichen haben versucht, sich dort schon einmal einzuarbeiten. Die Unternehmen haben entsprechenden Support gegeben. Und dann zieht die Firma im entscheidenden Moment zurück, sagt, wir müssen erstmal schauen, ob wir die Krise überleben. Sie zieht zurück, weil sie nicht anders kann. (Geplatzte Träume – So geht es jungen Menschen in der Pandemie)

Was machen Sie mit den betroffenen Jugendlichen?
Wir sind am Careleaver Projekt der Deutschen Salesianerprovinz beteiligt. Das ist ein Projekt für junge Menschen über 18 Jahre, deren Maßnahme abgeschlossen ist und für die die Jugendhilfe nach dem Gesetz nicht mehr zuständig ist. Wir haben hierfür eigens eine Sozialarbeiterin eingestellt, die den Kontakt hält. Außerdem haben wir einen eigenen Integrationsfachdienst, der dabei unterstützt, einen Job zu finden. Auch wenn Wochen vergehen sollten, bleiben wir dran, versuchen, die Kontakte zu den Firmen aufrechtzuerhalten, um dann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt eine berufliche Integration zu ermöglichen.

Wie geht es den Jugendlichen in dieser Situation und wie geht es ihren Eltern und Familien?
Es führt zu Überforderungssituationen. Die Familien hatten damit gerechnet, dass die Jugendlichen durch die Unterstützung im Berufsbildungswerk und die erfolgreichen Abschlüsse auf eigenen Beinen stehen. Aber das ist jetzt anders. Zu unserer Aufgabe gehört es aktuell auch, Hoffnung zu verbreiten, zu sagen, die Pandemie geht vorbei, in der Wirtschaft wird es weitergehen. Wichtig ist es, die Leute nicht hängen zu lassen, auch wenn die Maßnahme eigentlich vorbei ist.

Dass einige dieser Jugendlichen nun im Lockdown rund um die Uhr mit ihren Eltern zusammen sind, wird die Lage in vielen Fällen nicht einfacher machen.
Die einen sitzen mit den Eltern zuhause. Die anderen haben sich schon abgenabelt oder mussten sich abnabeln. Wir haben ja beispielsweise mehr als 50 Wohnungen in Würzburg angemietet für die Jugendlichen, die kein Zuhause mehr haben. Die haben hier bei uns erste Erfahrungen gemacht und können die Wohnung dann unter Umständen als Mieter übernehmen. Jetzt sind sie erstmal ganz alleine und haben normalerweise auch keine Finanzierung, müssen Sozialhilfe und Wohnungsgeld beantragen.  

Einige sprechen schon von dieser Jugend als einer „lost generation“, einer verlorenen Generation, aufgrund von Corona. Sehen Sie das auch so?
Das würde ich nicht so nennen. Wenn wir in absehbarer Zeit wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren können, glaube ich nicht, dass die Generation in der Summe einen solchen Schaden nimmt, dass man von einer verlorenen Generation sprechen könnte. Was aber womöglich passieren wird, ist, dass Einzelne abgehängt werden. (Junge Frauen und Männer erzählen, wie sie die Pandemie erleben)

Viele Jugendliche sagen, sie könnten aus der Krise auch etwas lernen. Denken Sie, dass das für Ihre Jugendlichen auch gilt?
Das glaube ich schon. Wir stellen immer wieder fest, dass auch im größten Übel Dinge sind, die positive Ergebnisse mit sich bringen. Unsere Büro- und IT-Auszubildenden zum Beispiel haben jetzt die Möglichkeit, Home-Office einzuüben. Das ist bei uns normalerweise nicht vorgesehen. Wir spielen das jetzt durch. Nachdem sich der Arbeitsmarkt verändert, im Sinne der Digitalisierung und dadurch, dass Home-Office generell auf dem Vormarsch ist, denke ich, dass die Jugendlichen in diesen Berufen davon tatsächlich profitieren können.

Hinzu kommt, dass unser technisches Equipment sich verändert hat. Wir haben mehr Gas gegeben in Richtung 4.0, ob das unsere Rechnerausstattung ist oder dass wir Lernplattformen auf den Weg gebracht haben, aus denen die Jugendlichen jetzt, aber auch später, einen Nutzen ziehen können.

Können Sie überhaupt pädagogisch arbeiten oder geht es vor allem um Organisation und Logistik?
Die Logistik, die Organisation und die Einhaltung des Hygiene- und Schutzkonzepts nehmen natürlich einen großen Raum ein. Aber wir können pädagogisch arbeiten. Wir haben 50 Prozent der jungen Menschen hier, sodass unsere Mitarbeitenden sich gut um sie kümmern können. Die Teilnehmenden, die zuhause sind, erhalten ihr Lernpaket, bekommen von den Ausbildern Unterstützung und auch praktische Aufgaben. Die Fachdienste halten täglich Kontakt.

Wir sind dran an den jungen Menschen, aber das kann das Persönliche nicht ersetzen. Daher führen wir auch Befindlichkeitsbefragungen durch, und wenn wir feststellen, da ist jemand in Schieflage, fordern wir ihn auf, dass er doch zu uns kommt. Oder wir versuchen, mit dem Elternhaus Kontakt aufzunehmen, damit die Isolation durchbrochen werden kann.

Wurden die Bedürfnisse junger Menschen und insbesondere derjenigen mit besonderem Förderbedarf in der Pandemie ausreichend berücksichtigt?
Ganz wichtig ist, dass unser Förderangebot auch in der Pandemie fortgesetzt wird. Wer in einer Maßnahme war, bekommt zwar eine hybride Maßnahme, wie es von der Arbeitsagentur genannt wird, bleibt aber weiter in seiner Maßnahme. Unsere Frage und Sorge ist eher, ob aufgrund der Pandemie und der eingeschränkten Möglichkeiten der Behörden, die sich ja auch isolieren mussten, alle Jugendlichen die Maßnahmen bekommen, die sie bräuchten. Es bemühen sich alle, ich will niemandem einen Vorwurf machen. Aber die Gegebenheiten führen dazu, dass zum Beispiel die Reha-Berater die Jugendlichen nicht mehr persönlich sehen, dass die ärztlichen Dienste die Jugendlichen nicht mehr begutachten können oder der psychologische Dienst nur bedingt zugreifen kann. Dadurch kommt es vielleicht manchmal zu Zuweisungen, die in die falsche Richtung gehen. Ich hoffe, dass nicht viele verloren gehen. Einige müssen das letzte Schuljahr wiederholen. Wir wissen also nicht, wer auf der Strecke bleibt und ob wirklich alle bei uns ankommen, die bei uns gut aufgehoben wären.

Haben Sie vom Staat oder anderen Stellen Unterstützung bekommen?
Nachdem am Anfang unklar war, ob die Arbeitsagenturen unsere Maßnahmen weiter finanzieren, gab es einige Wochen, in denen wir in der Schwebe waren. Wir haben überlegt, mit Kurzarbeit einzusteigen oder das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz zu nutzen. Aber dann kam irgendwann im ersten Lockdown die Rückmeldung, dass, wenn wir das Heimlernen gewährleisten und sicherstellen, dass Jugendliche auch relativ kurzfristig in Maßnahmen und Wohnen zurückkehren, die Finanzierung gewährleistet wird. Ab diesem Zeitpunkt ging es uns wieder besser und wir konnten uns voll auf die Begleitung der Jugendlichen zuhause konzentrieren.

Im Fortbildungsbereich, unserem Ausbildungshotel in Gadheim, haben wir für die Mitarbeitenden Kurzarbeit beantragt. Das war ein Teil der Unterstützung. Außerdem haben wir viele Spenden von Unternehmen bekommen, mit denen wir im Vorfeld kooperiert haben. Zudem haben wir finanzielle Zuwendungen oder Spenden von Mund-Nasen-Masken erhalten.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, eine Einrichtung mit so vielen unterschiedlichen Bereichen von der Kita über die Jugendhilfe und das Berufsbildungswerk bis hin zu mehreren Ladengeschäften in dieser Ausnahmesituation zu managen. Wie ist das zu schaffen?  
Es ist tatsächlich eine Herausforderung. Die Ladengeschäfte müssen laufen. Diejenigen, die zur Versorgung dienen, also Bäckerei, Bäckereiverkauf und Lebensmitteleinzelhandel, versuchen wir mit den Mitarbeitenden zu bewerkstelligen. Mittlerweile sind auch wieder Teilnehmende zur Unterstützung da. Unsere Kinderkrippe ist zu 50 Prozent in der Notbetreuung tätig.

Das Dilemma ist: Wir sehen, wir werden gebraucht, wir müssen für die Jugendlichen und für die Kinder da sein. Auf der anderen Seite, und das macht die Sache so richtig belastend: Je mehr Menschen wir hier zusammenbringen, desto schwieriger ist es, die Gesundheit sicherzustellen. Die größte Sorge, die wir haben, ist, dass wir Corona reinbekommen und es nicht eindämmen können. Wir haben immer wieder Fälle, bei denen Jugendliche oder Mitarbeiter Corona mitbringen. Bisher hat unser Schutz- und Hygienekonzept immer gegriffen. Es hat nie eine Streuung gegeben. Aber die Sorge ist, was passiert, wenn es in der Einrichtung zu einer extremen Streuung kommt. Die Jugendlichen brauchen uns. Aber die Gesundheit ist natürlich das höchste Gut. Die gilt es zu schützen - für Teilnehmende und Mitarbeitende.

Welche langfristigen Folgen wird die Pandemie für die Caritas-Don Bosco gGmbH haben?
Wir hoffen, dass die zuweisenden Behörden, also die Arbeitsagenturen, ihre Arbeit trotz Pandemie fortsetzen können und wir beispielsweise im kommenden Ausbildungsjahr junge Menschen in den Maßnahmen haben. Ob das so sein wird, wird die Zeit zeigen. Eine große Sorge ist auch, dass man durch die hohen Kosten, die dem Staat entstehen, – hoffentlich nicht – an den Maßnahmen unserer gemeinnützigen GmbH spart. Wir brauchen jetzt auch wieder Zeit, um unser Fort- und Weiterbildungszentrum in Gadheim hochzufahren. Aber das sind Dinge, die wir in den Griff kriegen. Wenn die Belegung nachhaltig, warum auch immer, zurückgehen würde, dann käme auch eine Einrichtung wie wir in Schieflage.

Es wurde in den vergangenen Monaten viel darüber diskutiert, wer systemrelevant ist und wer nicht, wer wie viel Anerkennung bekommt und wer nicht. Hat Ihre Arbeit von Politik und Gesellschaft genügend Anerkennung bekommen?
Wenn ich Politiker angesprochen habe, habe ich in der Regel eine Antwort bekommen. Gerade in der Zeit, in der die Finanzierung nicht klar war, haben sich politische Persönlichkeiten - zum Beispiel die ehemalige Präsidentin des Bayerischen Landtags Barbara Stamm - für uns engagiert und eingesetzt. Insgesamt war da viel Wertschätzung zu spüren.

Ob die Gesellschaft eine Einrichtung wie ein Berufsbildungswerk oder eine Kindertagesstätte in dieser Situation schärfer in den Blick nimmt, weiß ich nicht. Von den Angehörigen unserer Teilnehmenden gibt es kaum Beschwerden. Die meisten scheinen sehr froh zu sein, dass wir da sind und dass wir dranbleiben. Entweder durch die Präsenzphasen, die wir ermöglichen, oder durch unsere Heimlernphasen über das Internet.

Andreas Halbig

Andreas Halbig ist geschäftsführender Direktor der gemeinnützigen Caritas-Don Bosco GmbH in Würzburg. Zu der Einrichtung gehören ein Berufsbildungswerk, ein Jugendhilfezentrum, eine Kindertagesstätte und der St. Markushof mit Hotel, Gärtnerei und Bäckereiverkauf.


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