Starke Freunde
Das Glück der Pferde
Für einige Jugendliche und junge Erwachsene von Don Bosco Aschau geht es einmal im Monat auf den Reiterhof. Sie pflegen die Pferde, führen sie herum und reiten an der Longe – eine besondere Art der Therapie, die bei vielen Herausforderungen helfen kann.
veröffentlicht am 21.05.2026
Chiara hat sich erst mal eine Katze geschnappt. Auf dem Weg von den Pferdeboxen zum Putzplatz hatte sie das Tier unter einem Tischchen entdeckt. Jetzt kommt die 21-Jährige, ihren Kopf an den weichen Katzenkopf gekuschelt, zu den anderen geschlendert.
Auf dem kleinen Platz zwischen Koppel, Wohnhaus, Gerätehallen und Stall stehen nebeneinander aufgereiht Lucky, Lukas und Lumpi. Drei Mädchen wuseln schon eifrig um die Pferde herum, bürsten die Mähnen, striegeln das Fell und kratzen die Hufe aus. Shetland-Pony Lukas bekommt hübsche Zöpfchen.
Erfolge und Erfahrungen, die im Alltag nicht möglich sind
Freitagnachmittag, Reittherapie von Don Bosco auf dem Reiterhof Preintner in Haselbach bei Aschau am Inn. Vier Jugendliche und junge Erwachsene aus dem wenige Kilometer entfernten Don Bosco Berufsbildungswerk sind heute bei der Therapieeinheit dabei. Insgesamt nehmen zwölf Mädchen und Jungen an dem Angebot teil. Einmal im Monat verbringen sie, jeweils in Vierergruppen, jeweils eineinhalb Stunden auf dem Hof.
Die Teilnehmenden hätten die Möglichkeit, „rauszukommen, an der frischen Luft zu sein, mit den Tieren zu interagieren, neue Gefühle und neue Herausforderungen zu entdecken“, sagt Pädagogin Nicole Leibel, die das Angebot bei Don Bosco Aschau begleitet und koordiniert. Die Jugendlichen könnten Erfolge erleben und Erfahrungen machen, die im Alltag nicht möglich seien.
Die Therapie hilft bei psychischen und körperlichen Problemen
Eine Reittherapie eigne sich für „so gut wie alle Störungsbilder“, erklärt Leibel. So könne sie beispielsweise Autisten helfen, die Probleme mit sozialer Interaktion haben, Teilnehmenden mit einem geringen Selbstwertgefühl oder jungen Menschen, die unter Ängsten leiden. Auch Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen profitierten von der Therapie.
Die vier jungen Frauen, Chiara, Anna-Maria, Sophia und Maria, haben inzwischen, angeführt von Reittherapeutin Martina Peitz, Lukas und Lumpi über den Hof in die Reithalle geführt. Maria führt das frisch frisierte weiße Pony an Halfter und Führstrick über den Sandboden. Anna-Maria reitet freihändig mit ausgestreckten Armen auf Lumpi an der Longe, den Oberkörper elegant mal nach rechts, mal nach links drehend. Die Therapeutin führt, prüft, bestärkt und gibt ruhig die Kommandos.
Das Getragenwerden bewirkt ein besonderes Gleichgewicht
„Das Pferd bringt ein dreidimensionales Bewegungsbild mit, das viele Reize im Gehirn ansteuert“, sagt Martina Peitz. „Wenn Menschen Probleme haben, normal zu gehen, weckt das genau diese Nervenstrukturen, diese Reize im Gehirn durch die Bewegung wieder auf.“ Die Personen kämen durch das Getragenwerden in ein besonderes Gleichgewicht. Menschen mit Spastiken könnten sich auf dem Pferd entspannen.
Bei Jugendlichen mit Depressionen, Panikattacken oder anderen Krankheitsbildern aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie „kann man sehr gut über die Symbiose, die das Pferd anbietet, alte Bindungsstrukturen antriggern und wieder wecken“, so Peitz. „Man kann das gut nutzen, wenn jemand negative Bindungserfahren gemacht hat, egal ob im Urvertrauen mit der Kernfamilie oder ob er im Alltag in der sozialen Kompetenz seine Schwierigkeiten hat.“ Peitz ist Sozialpädagogin und arbeitet seit 16 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe. Vor 14 Jahren hat sie eine Weiterbildung zur Reitpädagogin gemacht und bietet diese Therapieform seitdem neben ihrem Hauptberuf an, seit gut einem Jahr auch im Auftrag von Don Bosco.
Das Pferd als Medium, als Verbindung zum Menschen
Anders als bei der klassischen Psychotherapie oder auch bei der Physiotherapie wird bei der Reittherapie über ein sogenanntes Therapie-Dreieck gearbeitet, bestehend aus dem Pferd, dem Therapeuten und dem Klienten. Das Pferd dient als Medium, als Verbindung zum Menschen. Dadurch wirkt diese Therapieform weniger offensiv, als wenn sich Therapeut und Klient in einem Raum gegenübersitzen. Stattdessen werden über das Pferd Erfahrungen vermittelt und diese reflektiert. Die Therapie wirkt aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Der Therapeut muss nicht alles thematisieren, kann aber alle Themen aufgreifen, die er für wichtig hält.
Natürlich müssen die Tiere, die bei der Reittherapie zum Einsatz kommen, bestimmte Voraussetzungen erfüllen. „Ein Reittherapiepferd muss in seiner Ausbildung sehr sicher sein und eine gute Rückenmuskulatur haben“, erklärt Peitz. „Es sollte ein Pferd sein, das man gut einschätzen kann, das eine besondere Persönlichkeit hat, das sich gerne von Menschen anfassen lässt. Es sollte grundsätzlich gut geprägt, freundlich und gut erzogen sein.“
Besser umgehen mit Ängsten
Auf den Bayerischen Warmblüter Lumpi trifft das alles zu. Sophia mag den schwarzen Wallach von allen Pferden auf dem Hof am liebsten. „Er hat so einen schönen Gang“, sagt die 17-Jährige, die bei Don Bosco eine Ausbildung zur Bürokauffrau macht. „Man hat eine Verbindung mit dem Pferd und spürt die ganzen Bewegungen. Das ist so ein gutes Gefühl!“ Sophia erzählt, dass sie mit Ängsten zu tun habe. Die Arbeit mit den Pferden helfe ihr, im Alltag besser damit umzugehen.
Die 20-jährige Maria ist im zweiten Ausbildungsjahr zur Gärtnerin im Landschafts- und Gartenbau und wohnt in einer der heilpädagogischen Wohngruppen von Don Bosco. Sie hat vor einiger Zeit eine Diagnose bekommen, die bei ihr dazu führt, dass sie zurzeit nicht reiten möchte. Aber Pony Lukas herumzuführen, es zu streicheln, tut ihr gut. „Das fühlt sich befreiend an, es lockert auf und lenkt mich ab“, sagt sie. Ihre Familie hat ein eigenes Pferd, um das sie sich gerne kümmert, wenn sie zuhause ist. „Ich brauche Action, ich bin kein Büromensch.“
Bindung und Vertrauen: „Das fühlt sich frei an“
Chiara hat sich gerade mit Hilfe von Martina Peitz auf Lumpi geschwungen und sitzt nun stolz im Sattel. Die schmale junge Frau mit den halblangen schwarzen Haaren ist im zweiten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement. Erst im Schritt, dann im Trab geht es für die junge Reiterin im Kreis herum. Dann wechselt das Pferd auf das Kommando der Therapeutin hin wieder die Gangart.
Chiara strahlt über das ganze Gesicht. Ihre Haare fliegen unter dem Helm. Zum ersten Mal reitet sie im Galopp. Anschließend kommt sie vor den Besucherinnen zum Stehen. Wie es sich für sie anfühlt, auf so einem großen Tier zu sitzen? „Zuerst beängstigend, aber dann, wenn man draufsitzt, ist da so eine Bindung, ein Vertrauen“, lacht sie vom Pferd herab. „Das fühlt sich frei an.“ Auch Peitz freut sich für ihre Klientin: „Überleg mal, wie mutig du bist. Du reitest auf dem Lumpi Galopp!“
Ihr Lieblingspferd, erzählt Chiara noch, sei ein anderes. Ihm fühlt sie sich besonders nahe. Heute hat sie eine ganz besondere Verbindung mit dem großen, starken Lumpi gespürt. Und kann mächtig stolz auf sich sein.
Das Berufsbildungswerk Don Bosco in Aschau
Don Bosco Aschau am Inn ist eine Einrichtung der beruflichen und gesellschaftlichen Rehabilitation und Bildung junger Menschen mit einem besonderen Hilfe- und Förderbedarf sowie Angeboten der Jugendhilfe. Die Teilnehmenden werden ganzheitlich gefördert und begleitet, um sie beruflich zu qualifizieren und nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Etwa 200 junge Menschen leben und arbeiten in der Einrichtung, zu der neben Werkstätten, Betrieben und einer Berufsschule auch ein Internat, heilpädagogische Wohngruppen, Fachdienste, Freizeiteinrichtungen und ein Ausbildungshotel gehören.
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