Kindergarten

Ein Rundgang durch das "Don Bosco Haus der Kinder" in Telfs

Rund 80 Kinder besuchen die Einrichtung der Don Bosco Schwestern in Tirol, die eine Kinderkrippe, einen Ganztageskindergarten und einen integrativen Volksschulhort umfasst. Der Orden hat das Haus vor einem Jahr übernommen.

veröffentlicht am 27.10.2021

Im Garten geht es rund. Es ist ein schwüler Sommertag Ende Juli und Badehandtücher liegen ausgebreitet am Spielplatz. Wer will, läuft in Badehose oder Badeanzug herum. Auf der Reifenschaukel schwingen zwei Kinder gemeinsam in die Luft. Ein Mädchen im rosa Einhorn-Badeanzug jagt die Rutsche hinunter. Einige Kinder lassen sich von der Kindergartenpädagogin mit dem Wasserschlauch abspritzen. Das Wasser aus dem Schlauch findet auch seinen Weg in die Sandkiste, wo der Matsch auf Kübel, Schaufeln und Kinderhosen verteilt wird.

Durch den Garten laufen täglich bis zu 100 Kinder, bei Schön- und bei Schlechtwetter. Rausgehen gehört wie bei den meisten pädagogischen Einrichtungen auch im Don Bosco Haus der Kinder zum normalen Tagesablauf. Die private Kinderbetreuungseinrichtung ist eine von insgesamt acht im Gemeindegebiet von Telfs. Mit seinen rund 16.000 Einwohnern ist Telfs der drittgrößte Ort in Tirol nach Innsbruck und Kufstein. Als vor einem Jahr der Verein „Gemeinschaft Christlicher Arbeitnehmer“ die Trägerschaft zurücklegte, wurde die Bitte an den Verein der Don Bosco Schwestern für Bildung und Erziehung herangetragen, die Einrichtungen zu übernehmen. Nach einer Zeit intensiver Gespräche und Verhandlungen, auch mit der Gemeinde Telfs, kam der Verein dieser Bitte nach.

Kinder lernen im Tun

Wer das Haus zum ersten Mal betritt, braucht etwas Orientierungssinn. Mehrere Bauphasen und Verwendungszwecke haben in den Innenräumen Spuren hinterlassen. Das 1904 erbaute Vereinshaus der Katholischen Arbeitnehmer beherbergte während des Zweiten Weltkrieges eine Schuhfabrik. In den 1950er-Jahren diente es als Unterkunft für ungarische Flüchtlinge und als Jugendherberge. Von 1970 bis 1994 wurde das Haus als Schülerheim genutzt, bis es schließlich seine Bestimmung als Kinderbetreuungseinrichtung fand. Die Räumlichkeiten, in denen die Kinder spielen, forschen und lernen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem kommt das großzügige Raumangebot dem pädagogischen Konzept der „offenen Arbeit“, nach dem die Einrichtung geführt wird, sehr entgegen.

Die „Offene Arbeit“ oder auch „Individuelle Entwicklungsbegleitung“ entwickelte sich in den 1970er-Jahren und ist mittlerweile vielerorts üblich. „Es bedeutet, dass Kinder frei entscheiden, wo, wie und mit wem sie sich beschäftigen wollen“, erklärt Monika Lengg, Leiterin des Hauses. „Kinder lernen im Tun, nicht, indem wir ihnen die Welt erklären.“ Im Don Bosco Haus der Kinder gibt es keine von der Pädagogin festgelegten Programme, die die Kinder abarbeiten. Hier wird für sie eine anregende Umgebung gestaltet, sogenannte Lernräume, in denen sie Spiel- und Beschäftigungsmaterial und Werkzeug vorfinden. „Die Kinder dürfen ihrer inneren Stimme folgen, Interessen nachgehen, das tun, was für sie ansteht. Wir Erwachsenen begleiten sie dabei“, erklärt Lengg.

Zu den Lernräumen gehören zum Beispiel Ateliers, in denen gemalt oder gebastelt wird, Bereiche für das Rollenspiel, eine Werkstatt und auch der Turnsaal, in dem bereits verschiedene Bewegungsstationen aufgebaut sind, als ein Grüppchen vom Garten hier eintrudelt. Die Kinder rutschen eine aufgestellte Langbank hinunter, flitzen auf Rollbrettern durch den Raum und zeigen Sprungkunststücke auf einer blauen Matte. Sie lachen und sind einfach gut drauf.

Lernraum am Mittagstisch

Monika Lengg leitet das „Haus der Kinder“ seit sechs Jahren. Die Diplompädagogin und psychologische Beraterin hat zuvor als Lehrerin gearbeitet, war im Alternativschulbereich und als Beraterin für das SOS-Kinderdorf tätig. Sie führte die „Offene Arbeit“ im Haus der Kinder ein. Dieser Prozess erforderte zunächst, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Boot zu holen. Gemeinsam besuchten sie Fortbildungen, oder Experten kamen für Seminare ins Haus. Die gelungene Neuausrichtung gehört für Lengg zu den Erfolgserlebnissen der letzten Jahre. „Die Kinder nehmen es an, und wir sehen, wie es fruchtet. Sie fühlen sich wohl, und die Arbeit ist im Gegensatz zu früher wesentlich entspannter“, erklärt sie. Was ihr besonders auffällt: Die Kinder werden schnell selbstständig und das soziale Lernen funktioniert sehr gut. „Hier tut sich einiges bei den Kindern“, sagt Lengg. „Sie bilden von sich aus Teams, um gemeinsam etwas zu schaffen. Sie arbeiten zusammen und übernehmen Verantwortung für sich und andere.“

Wir werfen einen Blick ins „Kinderrestaurant“. Ja, auch das ist ein Lernraum. Im Prinzip funktioniert es wie im Urlaub am Buffet: Das Essen steht von 12 bis 13 Uhr bereit. In diesem Zeitraum können die Kinder selbst entscheiden, wann sie essen gehen wollen. Sie kommen allein oder mit den Spielkameraden. Julian* schöpft gerade mit einem großen Schöpflöffel Suppe in seinen Teller. Dann geht er vorsichtig zur Anrichte und löffelt Frittaten hinein. Lena* ist schon beim Hauptgang: ein mildes Curry mit Couscous und Salat, zubereitet in der hauseigenen Küche. Auch wenn gekleckert wird, Hilfe beim Hantieren mit den großen Kellen braucht heute keiner.

Andere Einrichtungen der Don Bosco Schwestern werden ebenso nach dem pädagogischen Konzept der Offenen Arbeit geführt. Für Don Bosco Schwester Regina Maier gibt es in der Offenen Arbeit grundlegende Parallelen zur Pädagogik Don Boscos. „Unsere Aufgabe als Pä­dagogin, als Pädagoge ist es immer, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, es mit seinen Bedürfnissen zu sehen, um dann ein Umfeld zu schaffen, in dem es sich entwickeln kann. Damit ist auch eine familiäre Atmosphäre gemeint. Das passt zu dem, was Don Bosco ausmacht: Das Kind soll mit Freude und freier Gestaltungsmöglichkeit lernen können.“ Schwester Regina ist selbst Kindergartenpädagogin und leitet die Schwesterngemeinschaft in Stams, etwa zehn Autominuten von Telfs entfernt.

Kennenlernen und einarbeiten

Seit die Don Bosco Schwestern das Don Bosco Haus der Kinder im Herbst 2020 übernommen haben, ist Schwester Regina die Vertretung des neuen Trägers vor Ort. „Hier im Haus war schon vieles da, was wunderbar funktioniert hat“, sagt sie. Nach und nach habe man sich eingearbeitet und eigene Erfahrungen eingebracht. In Stams betreiben die Don Bosco Schwestern einen Kindergarten, eine Kinderkrippe, Sozialpädagogische Wohngruppen und insgesamt drei Horte, zwei davon in Hall und Mils. Die Einrichtung in Telfs ist nun eine weitere Außenstelle. „Die Herausforderung für uns war, dass das Haus eine verhältnismäßig große Einrichtung ist. In der Art hatten wir das noch nicht“, sagt Schwester Regina. „Für uns als Träger war die Größe zu Beginn schon spürbar, und zwar in verschiedenen Bereichen.“ Es gibt in Telfs zwei Standorte, das Haus der Kinder und den Kindergarten und Hort Heilig Geist. Seit September 2021 werden die beiden Standorte als zwei eigene Einrichtungen geführt.

Ein Haus zu führen, obwohl im Ort keine Don Bosco Schwestern ansässig sind, führte zu weiteren Überlegungen des Ordens vor der Übernahme. „Als Ordensgemeinschaft ist es uns wichtig, dass die Pädagogik und Spiritualität Don Boscos in die Einrichtung einfließen. Wir haben uns überlegt, wie wir das gewährleisten können“, erklärt Schwester Regina. „Mit unseren Außenstellen in Hall und Mils haben wir bereits Erfahrungen sammeln können. Wir haben die ,Salesianische Begleitung‘ eingeführt. Damit können wir bewirken, dass unsere Ordensgründer Don Bosco und Maria Mazzarello auch in diesen Häusern lebendig sind.“

Konkret bedeutet das, dass Schwester Regina Maier zehn Stunden pro Woche anwesend ist, um mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gespräche zu führen und an Teamsitzungen teilzunehmen. Sollte es die Corona­lage im neuen Jahr wieder zulassen, wird sie auch stundenweise in den einzelnen Gruppen mitarbeiten.

Rückblickend auf das letzte Jahr, das nicht nur wegen der Neuübernahme ein sehr anspruchsvolles war, spürt Schwester Regina viel Freude: „Sehr vieles ist gut gegangen. Wir haben viel geschafft in diesem Jahr, obwohl die Situation allein mit der Pandemie schwierig genug war. Das freut mich sehr und ich bin dafür dankbar.“    
   
*Namen von der Redaktion geändert

Das "Don Bosco Haus für Kinder" der Don Bosco Schwestern in Telfs

Der Verein für Bildung und Erziehung der Don Bosco Schwestern hat das „Don Bosco Haus der Kinder“ in Telfs zum 1. September 2020 übernommen. Im Haus sind eine Kinderkrippe, ein Ganztageskindergarten und ein integrativer Volksschulhort untergebracht. Rund 80 Kinder im Alter von eineinhalb bis zehn Jahren werden hier von 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut. Das Haus selbst bietet viel Platz. Den Kindern stehen großzügige Spiel- und Lernbereiche wie Atelier, Werkraum, Baubereich, Bewegungsmöglichkeiten und ein Garten zur Verfügung. Eine hauseigene Küche sorgt für ausgewogene Ernährung. Die Einrichtung ist ganzjährig geöffnet.


Verwandte Themen

Schwester Lydia Kaps im Gespräch mit Jugendlichen im Don Bosco Zentrum Magdeburg
Jugendarbeit
Das Kinder- und Jugendzentrum Don Bosco in Magdeburg bietet jungen Menschen Vertrauen und Sicherheit. Weil das katholische Bonifatiuswerk den Einsatz der Schwestern für beispielhaft hält, unterstützt es das Zentrum mit seiner diesjährigen Diaspora-Aktion.
zwei junge Auszubildende in Schreinerei
Würzburg
In der gemeinnützigen Caritas-Don Bosco GmbH in Würzburg werden junge Menschen mit besonderem Förderbedarf unterstützt. Die Pandemie stellt Jugendliche und Einrichtung vor besondere Herausforderungen. Ein Gespräch mit Direktor Andreas Halbig.
Ivana Martan in ihrem Zimmer an Schreibtisch
Salzburg
Die 24-jährige Ivana Martan lebt in einer Wohngemeinschaft mit Don Bosco Schwestern in Salzburg. Die Studentin genießt den Alltag mit ihren Mitbewohnerinnen im "Haus Mornese". Wir haben die ungewöhnliche WG besucht.