Übungssache

Wasser marsch in Mettenheim

Bei Don Bosco im bayerischen Mettenheim können Jugendliche ausprobieren, wie Feuerwehrarbeit funktioniert. Echte Einsätze macht die Mannschaft nicht. Aber die jungen Feuerwehrleute sind mit Begeisterung dabei.

veröffentlicht am 11.08.2021

Zunächst brennt nur die Sonne. Das Thermometer zeigt 26 Grad, gefühlt liegt die Temperatur deutlich höher. Eine drückende Hitze liegt an diesem Juninachmittag über dem Gelände des Don Bosco Jugendwerks Mettenheim. Wie ein kleines Dorf im Dorf wirkt die Einrichtung. Das Zentrum bildet ein Platz mit Maibaum, Bänken und Seerosenteich.

Und dann brennt es wirklich. Flammen schlagen aus einer Feuerschale auf der Wiese, Rauch steigt auf. Von Panik allerdings keine Spur, der Brand ist geplant. Die Jugendfeuerwehrmannschaft von Don Bosco hat eine Übung anberaumt. Dafür wurden auf der großen Grasfläche abseits der Gebäude Holzlatten in einer Feuerschale entzündet. Fünf Feuerwehrmänner und eine Feuerwehrfrau haben ihre Uniformen übergezogen. Die Truppe versammelt sich neben dem Einsatzwagen, einem hölzernen Gefährt, auf dem Schläuche, Seile und andere Gerätschaften deponiert sind. „Aufstellen, immer zwei hintereinander, viele nebeneinander“, ruft Kommandant Johann Eder. Die sechs Jugendlichen begeben sich auf ihre Positionen. Dann gibt Eder den Einsatzbefehl: Das Feuer in der Schale muss gelöscht werden.

Lernen für alltägliche Situationen

Die jungen Feuerwehrleute stürmen los. Jeder weiß genau, was er zu tun hat. Florian und Fabian bilden den Angriffstrupp, Leon und Erik den Wassertrupp und Larissa und Stephan den Schlauchtrupp. Der Wassertrupp kümmert sich um die Wasserversorgung vom Hydranten. Zusätzlich sperrt er mit roten Leitkegeln die Straße ab. Die Angreifer stehen mit dem Schlauch an der Schale. Der Schlauchtrupp verbindet die Schläuche so miteinander, dass das Wasser da landet, wo es hinsoll. Florian, der Mann an der Spritze, hebt die Hand. Das Wasser mag erst nicht, Leon und Erik müssen nachjustieren, aber dann schießt es durch den Schlauch. Der Angreifer zielt auf die Feuerschale. Es zischt. Und kurze Zeit später schwimmen die verkohlten Holzlatten im Wasser. Per Handsignal meldet Florian: Feuer gelöscht. Kommandant Eder beendet die Übung. Jetzt ist abbauen und aufräumen angesagt.

Seit 2015 bietet Johann Eder, der in Mettenheim für die Berufsvorbereitung im Bereich Raumgestaltung zuständig und selbst leidenschaftlicher Feuerwehrler ist, für die Jugendlichen Feuerwehrlehrgänge an. Fünf bis zehn Personen pro Schuljahr nehmen regelmäßig daran teil. Etwa alle zwei Wochen findet normalerweise eine Einheit statt. Einen Verletzten bergen, einen Notruf absetzen, ein Feuer löschen. „Ich versuche, immer Sachen zu machen, die man im täglichen Leben brauchen kann“, erklärt der 48-Jährige. Echte Einsätze mache die Truppe nicht, betont Eder. Mit seinem Angebot möchte er den Jugendlichen die Möglichkeit geben, die Arbeit der Feuerwehr kennenzulernen und auszuprobieren. Wer mag, kann sich später daheim bei der Feuerwehr engagieren. Manche haben bereits Erfahrung.

So wie der 16-jährige Leon. Er hat mit elf Jahren in seiner Heimatgemeinde bei der Jugendfeuerwehr angefangen. Alle seine „Spezln“, sagt er, waren auch dabei. Dass die Mettenheimer Mannschaft nur zum Üben gedacht ist, ist für ihn kein Problem. Im Gegenteil. „Du weißt nie, was passiert“, erklärt er. „Es kann immer jemand anders reagieren, als man denkt. Da kann ganz schnell ein Menschenleben in Gefahr sein.“ Zudem könne man einen Brand nur schlecht einschätzen, es könnten beispielsweise Gasflaschen betroffen sein. „Das sind so Sachen, die lässt man doch die Profis machen.“

„Brennen“ für die Feuerwehr  

Leon ist Anfang vergangenen Jahres wegen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche nach Mettenheim gekommen und hat zunächst an der Berufsvorbereitung teilgenommen. Seit September macht er eine Ausbildung in Metalltechnik. Er lebt in dem Internat, das zur Einrichtung gehört. „Es war immer hart in der Schule“, sagt er. „Durch viel Hilfe habe ich es geschafft, dass ich jetzt alles auf die Reihe kriege.“ Seine Noten seien gut. Wenn er mit der Ausbildung fertig ist, will er die Speditionsfirma seiner Oma übernehmen.

Larissa, die einzige Frau im Team, arbeitet zurzeit bei den Raumgestaltern mit. „Ich wusste noch nicht, welche Ausbildung ich machen will und welche Berufe für mich geeignet sind“, erzählt sie. In Mettenheim hat sie sich entschieden, eine Ausbildung zu machen, und sich auch schon einen Ausbildungsplatz in der Region gesichert. Zur Don Bosco Feuerwehr kam sie, weil ihre Schwester zu Hause bei der Feuerwehr ist, und dachte, dass sie das auch mal ausprobieren könnte. Sie schätze daran, dass man lerne, Menschen zu retten, sagt sie. „Auch Teamarbeit gefällt mir sehr.“ Ihren männlichen Kollegen fühlt sie sich gewachsen. Frauen machen den Job genauso gut wie Männer, ist sie überzeugt. Leon stimmt zu: „Da ist einfach jede Person wichtig, die helfen kann, egal ob Mann oder Frau.“

Johann Eder ist selbst seit 30 Jahren Feuerwehrmitglied in seinem Wohnort und – das Wortspiel lässt sich an dieser Stelle kaum vermeiden – brennt für die Feuerwehr. Auch viele seiner Freunde und seine beiden Söhne sind dabei. Eder hat einen normalen Mannschaftsdienstgrad. Durch spezielle Lehrgänge hat er sich Zusatzqualifikationen erworben. Unter anderem kann er mit einer Sauerstoffflasche auf dem Rücken arbeiten und darf eine Motorsäge führen. Sowohl daheim als auch in Mettenheim ist er dabei, wenn die Mannschaften zu Einsätzen gerufen werden.

„Die Gruppe muss zusammenhalten, sonst geht es nicht“

Dass Eder das Feuerwehrangebot bei Don Bosco geschaffen hat, ist einem Zufall zu verdanken. Als der Raumausstatter-Meister und Ausbilder vor Jahren kurzfristig zwei Kollegen vertreten musste und dadurch eine größere Gruppe von Jugendlichen zu betreuen hatte, lieh er sich probeweise ein paar Spritzen. Einige seiner Feuerwehrkollegen kamen dazu, machten kleine Löschübungen mit den jungen Leuten, stoppten Zeiten und nahmen selbst erstellte Prüfungen ab. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren begeistert. Seitdem bietet Eder die Lehrgänge jedes Jahr an. Um an die nötige Ausrüstung und Kleidung zu kommen, hörte er sich bei Feuerwehren um, startete Spendenaufrufe und gab Anzeigen auf. Sogar eine 50 Jahre alte elektrische Pumpe bekam er für seine Truppe geschenkt, die er allerdings trotz aller Anstrengungen und Versuche noch nicht zum Laufen bringen konnte.

In seinem Angebot sieht Eder eine große Chance für die Jugendlichen. Bei den Lehrgängen könnten sie Kameradschaft spüren, sagt er, könnten erleben, „dass man in der Gruppe arbeitet, vielleicht auch mal mit jemandem, mit dem man sonst nicht so kann“. Sie merkten, dass im Ernstfall einer alleine hilflos sei. „Die Gruppe muss zusammenhalten, sonst geht es nicht.“ Auch Verantwortungsbewusstsein lernten die jungen Männer und Frauen, zum Beispiel dadurch, dass sie für ihr Material und ihre persönliche Schutz­ausrüstung zuständig seien. Darüber hinaus fördert die Feuerwehrarbeit bei einigen Jugendlichen Fähigkeiten zutage, zum Beispiel technische oder soziale, die bisher verborgen geblieben waren.

Auf dem „Dorfplatz“ von Don Bosco trocknen die Wasserschläuche unter einem strahlend blauen Himmel. Die Feuerwehrleute haben die Uniformen aufgeräumt und genießen ihre Nachmittagspause, bevor sie an die Arbeit in den Werkstätten zurückkehren. An den Tischen vor dem Laden sitzen ein paar Leute und essen Eis. Die Feuerschale steht noch hinten auf dem Rasen. Die Sonne brennt.


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