Neuer Ansatz

Einsam an Weihnachten

Weihnachten, Fest der Liebe, Fest der Gemeinschaft. Doch was, wenn uns gar nicht nach Feiern zumute ist? Wenn wir uns alleine oder inmitten von Menschen einsam fühlen? Christian Huber hat Ideen für einen neuen Zugang zum Weihnachtsfest.

veröffentlicht am 27.11.2020

Wenn die ersten Lebkuchen in den Geschäften auf uns warten, die ersten Einladungen zu Adventsfeiern eintrudeln, dann spätestens ist klar: Es ist wieder soweit. Vielleicht bereiten die Kinder schon ihre Wunschzettel vor. In den Straßen und an den Häusern wird die Weihnachtsbeleuchtung installiert.

Weihnachten. Fest der Liebe. Fest der Familie. Fest der Gemeinschaft. „Stade“ Zeit. Ein Zauber liegt in der Luft, und normalerweise auch Glühweinduft. Nicht zu vergessen die Lieder, die uns lange vor Weihnachten durch den Tag begleiten, ob im Autoradio oder beim Einkaufen. Wann ist denn endlich Weihnachten, fragen Kinder mit erwartungsvollen Augen. Hoffentlich noch nicht allzu bald, schließlich sind noch nicht alle Erledigungen getan, auch der Baum fehlt noch.

Was, wenn uns alles zu viel ist?

Ja, alle Jahre wieder. Doch was ist, wenn uns eigentlich gar nicht nach alledem zumute ist? Weil die letzten Wochen und Monate eigentlich viel zu viel waren. Oder weil die aktuelle Situation mit Pandemie und den dazugehörigen Maßnahmen ein normales Weihnachtsfest nicht ermöglicht. Oder auch weil dieses Jahr, oder schon länger, eine oder einer so sehr fehlt, dass es ohne sie oder ihn einfach nicht mehr das Wahre ist?

Zur Weihnachts- und Vorweihnachtszeit ist es oft besonders schwer, Einsamkeit auszuhalten, das Vermissen einer oder mehrerer vertrauter Personen. Es schmerzt, wenn man den vermeintlich perfekten Familien zusieht und dabei immer wieder an das erinnert wird, was einem fehlt. Selbst die vielleicht bewährte Methode, sich mit Fernsehen abzulenken, fällt schwer, weil doch immer wieder das gleiche kommt. Und dabei muss man noch nicht einmal alleine sein. Viele Menschen fühlen sich inmitten zahlreicher anderer Leuten, inmitten der ganzen Familie, einsam. Mancher hat vielleicht das Gefühl nicht gesehen zu werden, nicht verstanden zu werden. Wer möchte schon als Weihnachtsmuffel gelten oder wie der Grinch die Weihnachtsfreude anderer trüben? Schnell wird dabei das Wortspiel „Gemeinsam einsam“ bittere Realität.

Wie aber kann man umgehen mit der Spannung zwischen den großen Erwartungen an Weihnachten auf der einen Seite und der Realität auf der anderen Seite? Schrauben Sie diese Erwartungen erst gar nicht so hoch! Wir überfordern uns besonders in der Weihnachtszeit häufig selbst. Ist es wirklich so schlimm, wenn nicht alles perfekt ist? Gerade heuer wird man den einen oder anderen Kompromiss wohl in Kauf nehmen müssen. Gewohnte Besuche können möglicherweise nicht stattfinden, und auch der vielleicht übliche Gottesdienst in der Heiligen Nacht wird nicht sein wie die Jahre zuvor. Bei vielen wird die Runde eine deutlich kleinere sein als in den vergangenen Jahren. Für andere wird es gar nicht sehr anders sein, weil sie Weihnachten alleine bereits kennen.

Weihnachten ist eigentlich ein stilles Ereignis

Was aber nun tun? Gibt es vielleicht einen anderen Menschen im Umfeld, der auch einsam ist? Vielleicht lohnt sich ja ein Versuch, sofern es die Corona-Maßnahmen zulassen, gemeinsam den Abend zu verbringen? Auch wenn das Fragen Überwindung kostet, was kann schon passieren? Möglicherweise gibt es die Möglichkeit, via Videotelefonie zumindest ein Weilchen virtuell verbunden zu sein? Natürlich ist das kein Ersatz für ein gemeinsames Fest. Aber es kann vielleicht ein kleiner Trost sein.

Und wenn sich wirklich keine Lösung auftut? Oder wenn wir eine solche Lösung nicht wollen, weil Schmerz, Trauer, Krankheit oder ein anderer Grund das nicht zuzulassen scheinen? Hilfreich könnte es sein, den Abend dann bewusst zu planen. Nehmen Sie sich etwas vor, was sie schon lange machen wollten. Etwa ein bestimmtes Buch lesen oder einen Film genießen, den Sie schon lange sehen wollten. Weihnachten kann man auch ganz anders begehen. Schließlich ist Weihnachten im Innersten eigentlich ein stilles Ereignis. Vielleicht kann hier ein Ansatz liegen. „Versuch‘s nochmal mit Weihnachten“ empfiehlt der bekannte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski im gleichnamigen Lied. Er beschreibt darin sehr gut, dass Weihnachten wehtun kann, weil Erinnerungen geweckt werden, die im Alltagsstress oft nicht so präsent sind. Dass das Fest es aber trotzdem Wert ist, ihm eine Chance zu geben: „Die vielen guten Geister, die unseren Traum bewachten, sind wieder da und bitten mich: Versuch‘s nochmal mit Weihnachten!“

Gott macht sich klein, hilflos, schutzlos

Wenn auch unser kindlicher Traum vom harmonischen Weihnachtsfest so nicht mehr lebt, so können wir trotzdem auf eine neue Ebene mit dem Weihnachtsfest kommen. Die Weihnachtsgeschichte ist doch auch in heutigen Tagen – oder sogar gerade heutzutage – so besonders! Der allmächtige Gott, der die Welt erschaffen hat, der sie im Innersten zusammenhält und alles in seinen Händen hält, kommt als kleines Kind auf die Erde. Er macht sich klein, hilflos, schutzlos und abhängig. In Jesus legt sich Gott zu unseren Füßen ins Stroh. Wo könnte er uns näher sein als in diesem Moment? Der spätmittelalterliche Philosoph Meister Eckhart sagte dazu: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht. […] Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt alles.“ Vielleicht kann die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt des Weihnachtsfestes einen neuen Zugang dazu eröffnen, der es ermöglicht, Weihnachten tatsächlich wieder eine Chance zu geben.

Wie auch immer Ihr Heiliger Abend aussieht, gönnen sie sich etwas! Verlangen Sie nichts von sich, was Sie nicht leisten können oder wollen. Es ist in Ordnung so wie es ist. Denken Sie, besonders heuer, auch am Heiligen Abend an Menschen, die alleine und/oder einsam sind. Auch das ist Weihnachten!


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