Sicher feiern
„Je selbstbewusster ein Kind unterwegs ist, desto eher kann es sich schützen“
Feiern zu gehen, gehört zum Jungsein dazu und unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung. Zugleich gibt es Gefahren, die Eltern und Kinder sich bewusst machen sollten. Tipps von Psychologin und Familienberaterin Esther Schinz.
veröffentlicht am 28.04.2026
Welche Bedeutung hat das Feiern für Jugendliche?
Zum einen geht es für sie darum, ein Gefühl von Leichtigkeit zu bekommen, also Druck und Alltagsschwere einmal hinter sich lassen zu können und nichts leisten zu müssen. Zum anderen ist es ein wichtiger Raum, um soziale Kontakte zu knüpfen und mit der Peergroup zu schauen, wo stehe ich, was ist mein Status. Es geht darum, Beziehungen zu festigen und vielleicht auch mal Grenzen zu testen.
Welche Gefahren sehen Sie, wenn Jugendliche feiern gehen?
Gefahren gibt es in mehreren Bereichen. Einer ist das Thema Grenzüberschreitung. Es kann sein, dass Jugendliche ihre eigenen Grenzen überschreiten zugunsten den Regeln der Peergroup. Dass die Peergroup zum Beispiel strafbares Verhalten an den Tag legt. Ein junger Mensch lässt sich vielleicht hinreißen, dabei mitzumachen, wenn bei ihm wenig Selbstbehauptung und wenig Selbstbewusstsein vorhanden sind. Dabei werden die Grenzen von anderen überschritten.
Hinzu kommen die Dauerbrenner-Themen wie Alkohol- und Drogenkonsum. Vor allem ein unreflektierter Umgang damit ist schwierig. Auch KO-Tropfen sind eine Gefahr.
Eine Gefahr könnte auch darin liegen, wie das Beziehungsgeschehen zuhause ist. Wie offen kann sich der junge Mensch mit diesem Thema zuhause zeigen? Wie viel Vertrauen ist da? Gibt es Heimlichtuereien? Das wäre ein Nährboden dafür, dass Dinge nicht gut abgesprochen werden und nicht gut beaufsichtigt sind.
Wie können Eltern sensible Themen bei ihren Kindern ansprechen?
Das ist eine ganz individuelle Sache. Das Wichtigste, ist das Vertrauen, eine sichere Beziehung. Wenn Eltern Vertrauen in ihre Kinder setzen und das eigene Urteilsvermögen der Kinder stärken, wenn sie neugierig-interessiert nachfragen und nicht misstrauisch, dann merkt der Jugendliche, da ist Interesse an mir und meiner Person. Meine Eltern vertrauen mir, dass ich mein eigenes Urteil fällen kann. Das kann dazu führen, dass ein Kind sich schneller und lieber öffnet, als wenn zum Beispiel eine vorgefasste, vielleicht negative Meinung über die Peergroup an das Kind herangetragen wird.
Ganz wichtig ist auch, dass Eltern Aufklärung betreiben. Dass sie also nicht aus Sorge, dass das Kind zumacht, Themen gar nicht erst ansprechen. Das wäre der falsche Weg. Es muss nicht sein, dass die Eltern ihre Kinder über alles selbst aufklären. Wichtig ist nur, dass sie ihnen die Wege zeigen, wo sie sich Infos holen können, und dass sie Bescheid wissen, wo und über welches Thema sich ihr Kind gerade informiert.
Bei Themen wie Alkohol, Drogen oder KO-Tropfen, die Sie schon angesprochen haben, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Wenn es um mögliche Gefahren im sexuellen Bereich geht, könnte es schwieriger werden.
Ja, definitiv. Im Rahmen eines natürlichen Abnabelungsprozesses wenden sich Jugendliche mit diesem Thema nicht unbedingt gerne als erstes an ihre Eltern. Sie haben auch ein Recht auf Privatsphäre. Aber es gibt gute Anlaufstellen im Internet oder im Jugendamt, die einem Wege aufzeigen können, oder auch spezialisierte Beratungsstellen, zum Beispiel, was die Themen sexualisierte Gewalt oder Drogen angeht.
Wenn man im Beratungsdschungel nicht weiterweiß, ist es lohnenswert, sich zunächst an eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle zu wenden. Die sind gut aufgestellt und kennen viele Angebote, auch ortsnahe Angebote oder Zusatzangebote. Schulen oder schulpsychologische Dienste sind weitere Beispiele, wohin man sich wenden kann.
Welche Regeln sollten zwischen Eltern und Kindern vereinbart werden?
Es kommt ein bisschen darauf an, wie alt das Kind ist. Wenn Eltern Vertrauen in das Kind setzen und ungefähr einschätzen können, wie gut sich das Kind an Absprachen hält, kann mehr Freiheit in die Regelung kommen. Wenn aber eher Sorge besteht, dass das Kind sich nicht selbst schützen kann, dann wäre es wichtig, dass das Kind mehr beaufsichtigt ist.
Erreichbarkeit ist ein ganz wichtiger Punkt, damit ein Erwachsener notfalls eingreifen kann. Dass Absprachen getroffen werden, mit wem ist mein Kind unterwegs, kenne ich die Person, sich Infos einzuholen und vielleicht auch Zeiten abzusprechen und dann zu schauen, ob das eingehalten werden kann.
Das ist ein Lernprozess für beide Seiten, ein Ausprobieren. Wenn Familien merken, wir kommen nicht weiter, das Kind will schon total viele Freiheiten, ich als Elternteil bin aber sehr besorgt und weiß nicht, ob ich so weit loslassen kann, weil ich wenig Vertrauen habe, dass das Kind gut auf sich aufpassen kann, dann ist es immer wichtig zu schauen: Wie können wir hier eine Klärung oder einen Kompromiss herbeiführen, damit der Wunsch nach eigenständigen Entscheidungen berücksichtigt werden kann und gleichzeitig die Beziehung nicht leidet. Manchmal rutscht das dann in ein kontrollierendes und strafendes Verhalten, und das führt oft dazu, dass das Kind eher aus dem Kontakt geht und sich nicht an die Regeln hält.
Wie klappt es, dass die Absprachen eingehalten werden?
An erster Stelle steht eine vertrauensvolle Beziehung, sodass das Kind weiß, egal, was passiert, ich kann damit zu meinen Eltern kommen. Andererseits soll es aber auch merken: Meine Privatsphäre wird geachtet, ich muss nicht alles haarklein meinen Eltern erzählen. Wichtig ist auch, dass das Kind ein gesundes Selbstbewusstsein hat. Je selbstbewusster ein Kind unterwegs ist, desto eher kann es sich selber schützen. Kinder, die eher ängstlich oder unsicher sind, neigen dazu, vielleicht ein bisschen zu flunkern oder sich nicht an Absprachen zu halten.
Vertrauen ist wichtig – und dass Neugier und Interesse bestehen. Zugleich ist es gut, wenn die Kinder die Regeln ein bisschen mitbestimmen können, weil das die Selbstverpflichtung erhöht.
Ganz wichtig finde ich auch den Punkt des Vorlebens. Wie konsequent lebe ich Regeln vor? Wie lebe ich Kritikfähigkeit vor? Kinder, gerade Jugendliche, fangen an, sehr genau zu beobachten und kritisch zu hinterfragen: Möchte ich so sein? Was finde ich nachahmenswert bei meinen Eltern? Es ist manchmal schwieriger, sich an Regeln zu halten, wenn man denkt, das finde ich unfair, ich muss etwas machen, was meine Eltern nicht machen.
Nun könnte man sagen, mit 18 Jahren ist es ohnehin vorbei, dann haben die Eltern nichts mehr zu melden.
Wenn man nur auf die Gesetzeslage guckt, dann vielleicht. Aber die Beziehung besteht ja hoffentlich darüber hinaus. Wenn in den ersten Lebensjahren eine sichere Bindung aufgebaut werden konnte, selbst wenn man sich mal gefetzt und dann wieder vertragen hat, dann ist das ganz entscheidend für eine sichere Beziehung zwischen Kindern – auch erwachsenen Kindern – und ihren Eltern. Dann kommen sie vielleicht auch später noch mit ihren Fragen.
Was sollten Eltern nicht tun – auch wenn sie sich Sorgen machen?
Druck ausüben. Und sich selbst nicht gut im Blick behalten, sich nicht den Raum dafür nehmen, sich selber erstmal zu beruhigen, sich etwas Gutes zu tun, bevor man mit dem Kind in Kontakt geht. Die Kinder sind ja selber in einer hormonellen Umbauphase, da genügt manchmal schon ein kleiner Blick und es ist vorbei.
Abraten würde ich auch von rigiden Verboten und von Strafen, die nicht plausibel erscheinen. Ich würde immer erstmal schauen, was ist mein Motiv, was möchte ich damit erreichen, und versuchen, das Kind zu verstehen. Was ist das Motiv des Kindes, dass es mich gerade so genervt ignoriert, was braucht das Kind? Auch Kinder zu tracken würde ich nicht empfehlen, das wäre auch eine Grenzüberschreitung.
Oder sie im Halbstundentakt anrufen und fragen, ob noch alles okay ist …
Ja, genau, das wäre immer wieder eine Unterbrechung und ein Einmischen in die Privatsphäre. Da würde ich gut gucken, was vorher abgesprochen ist, und im Bedarfsfall nachjustieren. Vielleicht gibt es auch Kinder, die tausend Mal anrufen wollen, wenn sie unterwegs sind.
Es geht darum, dass Eltern gut auf ihre eigenen Grenzen achten und sich nicht zu sehr zurücknehmen. Die meisten Eltern, die wir erleben, haben sehr gute Absichten, aber manchmal ist ihr Verhalten nicht hilfreich. Abwertend über die Gruppe oder die Freunde des Kindes zu sprechen, kann das Kind dazu verleiten, Dinge für sich zu behalten.
Wir beraten auch viele Eltern, die getrennt sind oder hier und da Streit haben. Aber Jugendliche brauchen Eltern, die sich nicht gegeneinander ausspielen. Es geht darum, richtig gut als Eltern in Kontakt zu bleiben, damit man nicht in die Falle tappt: Bei Papa hätte ich das gedurft, er hat gesagt, ich darf das alles. Dann am besten den Hörer in die Hand nehmen und nochmal nachfragen, ob das auch wirklich so ist! Eltern können ganz viel erreichen, wenn sie in so einer Situation an einem Strang ziehen.
Ich würde Kinder auch nicht zu sehr in Watte packen. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, so sehr das Eltern auch schmerzt. Wenn die Kinder zum Beispiel zum ersten Mal Liebeskummer haben oder einen über den Durst getrunken haben. Es ist wichtig, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen, damit sie daraus lernen können. Man kann sie gut vorbereiten, aber den restlichen Weg müssen sie selber gehen.
Was ist zu tun, wenn wirklich etwas passiert ist?
Zuerst mal Ruhe bewahren. Es ist schon großartig und man hat als Eltern viel erreicht, wenn ein Kind in so einer Situation zu einem kommt. Im nächsten Schritt kann man die Notfallnummern wählen. Sowohl Polizei als auch Rettungsdienst wissen Bescheid und kennen weitere Anlaufstellen. Es gibt ein großes Angebot an Beratung, die auch anonym möglich ist. Viele Menschen wissen nicht, dass man sich zum Beispiel beim Jugendamt anonym beraten lassen kann. Kinder und Jugendliche können anonym in Familienberatungsstellen kommen. Es gibt viele Wege. Wichtig ist nur, dass man den ersten Schritt gemeinsam geht.
Immer empfehlen würde ich, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Gerade wenn Eltern denken, ich muss jetzt stark sein, das ist ein Thema, das für mich selber schwierig ist, würde ich sagen, schauen Sie sie um, ob es irgendwo Gruppen oder Online-Angebote gibt, damit man sich nicht so alleine fühlt. Es geht unheimlich vielen Familien ähnlich, und die wissen das nicht voneinander. Wenn die Mauern der Scham oder Zurückhaltung etwas runtergefahren würden, würden viele Menschen merken, uns geht es allen ähnlich, und das kann sehr entlastend wirken.
Es gibt unterschiedliche Hilfen wie Apps, Telefondienste oder Test-Armbänder für KO-Tropfen, die jungen Menschen beim Feiern mehr Sicherheit geben sollen. Was halten Sie davon?
Alles, was ein Gefühl von Sicherheit schaffen kann, halte ich zunächst nicht für falsch. Das kann guttun. Im Rahmen von Erziehungsberatung ist es wichtig, dass Jugendliche damit nicht überfrachtet werden und dass ihnen keine Angst gemacht wird. Besser ist es, sich zusammen hinzusetzen und zu sagen, dies oder jenes wären Möglichkeiten, sich abzusichern, und was gibt es darüber hinaus. Also dass Kinder darin gestärkt werden, gut für sich selber zu sorgen – über Hilfsmittel hinaus. Nicht alleine sein, in der Gruppe gut aufeinander aufpassen zum Beispiel.
Esther Schinz ist Psychologin und arbeitet als Beraterin bei der Erziehungs- und Familienberatung der Stadt Köln.
Hilfen und Tools für mehr Sicherheit
- Sicher nach Hause: Personen, die sich auf dem Nachhauseweg unsicher führen, können beim Heimwegtelefon anrufen und werden von Ehrenamtlichen telefonisch nach Hause begleitet.
- Sicherheitsapp und Alarmsystem: Mit nur einem Klick können die Nutzer von SafeNow im Notfall Freunde und Familie informieren und in bestimmten Gebieten Sicherheitspersonal verständigen.
- Drinkcheck-Armbänder: Die Testbänder sollen zeigen, ob sich K.O.-Tropfen in einem Getränk befinden. Von unterschiedlichen Anbietern.
- Codewort zum Hilfeholen: Die Frage „Ist Luisa da?“ signalisiert dem Personal von Bars oder Clubs, dass die fragende Person bedroht oder belästigt wird.
- SOS-Handzeichen: Mit einer Geste (Hand, die sich um den Daumen schließt und wieder öffnet) können Opfer von häuslicher Gewalt andere Menschen unauffällig auf ihre Notlage aufmerksam machen.






