Familien in Geldnot
Armut: „Meinen Kindern soll es an nichts fehlen“
Wie sich Armut in einem reichen Land anfühlt, weiß Sabrina Müller sehr genau. Nach einem Burnout ist die Mutter von zwei Kindern auf staatliche Unterstützung angewiesen. Was es für die Familie heißt, mit wenig Geld auskommen zu müssen.
veröffentlicht am 20.08.2026
„Wir kommen über die Runden.“ Diesen Satz sagt Sabrina Müller oft, wenn sie über ihre finanzielle Situation spricht. Denn die 41-jährige Mutter lebt mit ihren beiden Kindern von staatlicher Unterstützung und muss mit wenig Geld auskommen.
„Wir kommen über die Runden.“ Das bedeutet, dass die Familie weder hungern noch frieren muss. Es bedeutet aber auch, dass Sabrina Müller jeden Monat sehr genau rechnet, was möglich ist und was nicht. Lebensmittel kauft sie immer dann, wenn sie gerade im Angebot sind. Für vieles andere wie Spielzeug oder Kleidung durchstöbert sie gerne Flohmärkte. Wenn größere Anschaffungen nötig sind, wird entweder lange vorher gespart – so wie aktuell auf eine neue Couch. Oder in dringenden Fällen auf Raten finanziert – so wie beim Ersatz für den kaputten Kühlschrank vor ein paar Monaten.
Über Armut zu sprechen fällt schwer
Sabrina Müller heißt eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht nennen, wenn sie von ihrer Situation erzählt. Auch Fotos von ihr soll es hier nicht geben. Denn Armut stigmatisiert und wird von außen oft als Versagen gewertet.
Umso wichtiger ist es für betroffene Familien einen Ort zu haben, an dem sie offen und vertraulich über ihre Situation sprechen können und Verständnis und Unterstützung bekommen. Für Sabrina Müller ist die Elternberatung der Manege gGmbH im Don Bosco Zentrum Berlin ein solcher Ort. Weiche Sessel und ein Tischchen mit Kaffee, Wasser und Schokolade schaffen eine gemütliche Atmosphäre in dem Büro im Berliner Stadtteil Marzahn. Und Kindheitspädagogin Anne Succow hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Eltern, deren Kinder die Kita der Einrichtung besuchen oder in der dazugehörigen Schule selbst einen Schulabschluss nachholen.
Die Elternberatung ist eine niedrigschwellige Erstanlaufstelle für verschiedenste Probleme. Finanziert wird sie vor allem durch großzügige private Spender wie die Familie Bernhard Bosch. Bei Erziehungsfragen, Konflikten in der Familie oder akuten Belastungen können Mütter und Väter hierherkommen. Anne Succow hört genau zu, hilft bei Anträgen, begleitet zu Behörden oder vermittelt an andere gezielte Hilfsangebote weiter. Es ist eine Beratung auf Augenhöhe, in freundschaftlichem Plauderton. Gerade deshalb fällt es Müttern und Vätern hier leicht, auch schwierige Themen anzusprechen. In den Gesprächen geht es nicht immer um finanzielle Sorgen, aber oft. Denn ähnlich wie bei Sabrina Müller, ist bei vielen Familien hier das Geld knapp.
Gearbeitet bis zum Burnout
Dabei war die 41-Jährige längst nicht immer von staatlicher Unterstützung abhängig. Nach ihrem Realschulabschluss hat sie eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau gemacht und auch in ihrem Beruf gearbeitet. Für eine Zeitarbeitsfirma war sie in großen Hotels und bei Events tätig. „Manchmal zehn oder 14 Stunden am Tag. Bis zum Burnout. Bis ich irgendwann einfach nicht mehr konnte“, erzählt sie. Sie wollte eine Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen machen, um bessere Arbeitsbedingungen zu haben. Doch dann kam das erste Kind. Und zwei Jahre später das zweite.
Heute sind die beiden Jungs sieben und fünf Jahre alt. Beide gehen in die Kita. Trotzdem ist es für die Mutter nicht einfach, sich eine Arbeit zu suchen, um die finanzielle Situation zu verbessern. Stress und Belastungen wie in ihrem alten Job würde sie nicht mehr aushalten, sagt sie. Und dann ist da noch die Pflege für den älteren Sohn, der aufgrund gesundheitlicher Probleme und Entwicklungsverzögerungen mittlerweile in Pflegestufe zwei eingeordnet wurde. „Ich habe mit dem Großen so viele Arzttermine, Logotherapie und Ergotherapie. Das macht kein Arbeitgeber mit, dass ich dann ständig weg muss“, meint die Mutter. Der Vater der Kinder kümmert sich zwar durchaus liebevoll um seine Söhne, lebt aber nicht bei der Familie und ist als Produktionshelfer an ständig wechselnde Schichtarbeit gebunden.
Sabrina Müller bekommt Grundsicherung, dazu den Unterhalt, den der Vater für seine beiden Kinder zahlt, und Pflegegeld für den älteren Sohn. Wenn sie sagt, dass sie über die Runden kommt, dann schwingt dabei auch stolz mit. Denn anders als viele andere in ähnlichen Situationen hat sie keine Schulden. „Ich war immer gut im Kopfrechnen. Das hilft mir jetzt den Überblick zu behalten“, meint sie.
Was auch hilft, sind klare Prioritäten bei den Ausgaben. „Die Miete und die Nebenkosten kommen an erster Stelle“, erklärt Sabrina Müller. „Denn meine Wohnung will ich auf keinen Fall verlieren.“ Mehr als die Hälfte der monatlichen Einnahmen ist damit schon weg. Aber die 41-Jährige ist froh, dass sie überhaupt eine 3-Zimmer-Wohnung hat, in der es neben Wohn- und Kinderzimmer auch einen eigenen Raum für sie selbst gibt. Lange Zeit hat sie mit ihren beiden Söhnen in einer 2-Zimmer-Wohnung gelebt, in der ihr Schlafzimmer gleichzeitig das Wohnzimmer der Familie war.
Miete und Bedürfnisse der Kinder sind am wichtigsten
Ganz weit oben auf der Prioritätenliste stehen außerdem die Bedürfnisse der Kinder. „Meine Kinder sind das Wichtigste für mich. Ihnen soll es an nichts fehlen“, wünscht sich die Mutter. Es ist ihr wichtig, dass keiner ihrer Söhne in abgetragenen oder geflickten Sachen herumlaufen muss. Lieber spart sie an ihrer eigenen Kleidung: „Ich kaufe mir sehr selten etwas Neues und wenn doch, dann nur etwas, das stark reduziert ist.“ Auch kleine Wünsche wie ein Eis oder ein Besuch bei McDonalds soll für die Kinder ab und zu drin sein.
Denn Sabrina Müller hat in ihrer eigenen Kindheit ebenfalls erlebt, was es heißt, mit wenig Geld auskommen zu müssen. „Es gab bei uns immer genug zu essen, aber auf andere Sachen wie Kleidung oder Spielzeug musste ich oft verzichten oder sehr lange darauf warten“, erzählt sie. Sie weiß, wie es sich anfühlt, nicht das haben zu können, was andere Kinder haben. Und wie weh es tut, abfällige Bemerkungen zu hören – etwa weil man sich nicht die Kleidung leisten kann, die gerade in ist.
Freizeit dort verbringen, wo es nichts kostet
Ihren eigenen Kindern möchte sie solche Erfahrungen möglichst ersparen. Und trotzdem muss sie den beiden Jungs oft genug erklären, dass sie etwas nicht haben können, weil es zu teuer ist. „Ich sage ihnen dann offen, dass Mama nicht genug Geld hat und dass sie sich das vielleicht zum Geburtstag wünschen können“, erklärt Sabrina Müller. „Es ist ja auch wichtig zu lernen, dass man nicht immer alles sofort haben kann und dass zum Beispiel Ausflüge etwas Besonderes sind.“
Ein Besuch im Zoo oder am See ist nur möglich, wenn in einem Monat sonst keine größeren Ausgaben anfallen. Ihren Großen würde Sabrina Müller gerne beim Kindersport anmelden. „Aber wahrscheinlich können wir da nicht hin, weil das zu teuer ist“, vermutet sie. Stattdessen verbringt die Familie ihre Freizeit meist dort, wo es nichts kostet: im Park, auf dem Spielplatz oder bei der Oma.
„Sie sollen möglichst unbeschwert Kind sein dürfen“
Dass viele aus dem Bekanntenkreis der Familie in ähnlichen finanziellen Verhältnissen leben, macht die Situation einfacher. „Da ist es nicht so, dass nach den Ferien alle von Urlaubsreisen erzählen würden. Weil die anderen sich das halt auch nicht leisten können.“ Auch große Kinderpartys zum Geburtstag kennen ihre Jungs bisher nicht und verlangen deshalb nicht danach. „Eigentlich sind sie ganz zufrieden mit der Situation“, meint Sabrina Müller.
Manchmal kommt ihr der Gedanke, dass sich das ändern könnte, wenn die Kinder größer werden. Dass sie mehr von den finanziellen Sorgen mitbekommen oder sich mehr mit anderen vergleichen. „Aber vielleicht kann ich dann ja auch wieder arbeiten gehen“, meint Sabrina Müller. „Und bis dahin sollen sie möglichst unbeschwert Kind sein dürfen. Wir kommen schon über die Runden.“






