Bestseller über Kaiserin Elisabeth

Martha Schad: Historikerin schreibt Frauen ins Licht

Seit Jahrzehnten gibt die Autorin Martha Schad Frauen eine Stimme, die die Geschichte geprägt haben, ohne in ihr sichtbar zu sein. Mit wissenschaftlicher Akribie und erzählerischem Gespür macht sie ihre Lebenswege einem breiten Publikum zugänglich.

veröffentlicht am 03.10.2026

Goethe, Mozart, Einstein, Franz von Assisi oder Mahadma Ghandi – Namen, die jeder kennt. Sie stehen in Schulbüchern, auf Straßenschildern und Denkmälern. Ein Männerreigen, der Kultur, Wissenschaft, Politik, Kirche und gesellschaftlichen Wandel geprägt hat. Doch was ist mit den großen Frauen der Geschichte, die Königreiche führten, Orden gründeten, Weichen stellten und für ihre Überzeugungen kämpften? Die so vielen Menschen, die außergewöhnliche Lebenswege meisterten und doch viel zu oft im Schatten der Geschichtsschreibung blieben?

Die promovierte Historikerin Martha Schad hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Frauen ins Licht zu holen und ihre Geschichten zu erzählen. Sie nimmt brillante Wissenschaftlerinnen und Visionärinnen in den Fokus, setzt den „berühmtesten Frauen der Weltgeschichte“ ein literarisches Denkmal. Sie schreibt über vergessene Widerstandskämpferinnen der NS-Zeit, widmet sich den Frauen berühmter Dichter und Komponisten und veröffentlicht eine vielbeachtete Biografie über Stalins Tochter.

Gutes Gespür für Forschungslücken

Martha Schad hat ein gutes Gespür für Forschungslücken und ein großes Interesse an starken Frauen, die zu wenig Beachtung erfahren haben. Bereits 1989 schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Augsburg über „Die Frauen des Hauses Fugger von der Lilie“. Zu dieser Zeit gibt es schon viel Literatur rund um die berühmte Handwerker- und Kaufmannsfamilie. Doch kein Werk widmet sich bis dato den Fugger-Frauen, obwohl diese in der Familiengeschichte eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Auch Martha selbst kennt das Gefühl, nicht beachtet zu werden. 1939 kommt sie in München zur Welt und wächst in Augsburg auf. Ihre ersten Jahre sind geprägt vom Zweiten Weltkrieg und der strengen Erziehung der NS-Zeit. Sie ist eine sehr gute Schülerin und ihre Lehrerin sieht sie bereits im Lehramtsstudium. Doch das kommt nicht in Frage: „Mein Vater hat nach dem Krieg sehr wenig verdient und war noch nicht wieder als Finanzbeamter tätig. Allein das Straßenbahngeld hätte meine Eltern völlig überfordert.“

Ohne Abitur nach Cambridge und an die Sorbonne

Also geht sie ihren eigenen Weg. Nach dem Realschulabschluss arbeitet Martha bei einer Firma für Handarbeitsgarne. „Als die Tochter des Direktors nach England ging, bin ich gleich hinterher“, schmunzelt sie. Zwei Semester verbringt sie in Cambridge, schließt zwei weitere in Paris an. „Man konnte an der Sorbonne auch ohne Abitur studieren. Da habe ich nicht lange gezögert und mich eingeschrieben.“ Mit ihren exzellenten Sprachkenntnissen will sie Flugbegleiterin werden. Doch es kommt anders.

Martha lernt ihren Mann kennen, heiratet mit 21 und bekommt einen Sohn und eine Tochter. Fast zwei Jahrzehnte lebt sie die klassische Frauenbiografie der damaligen Zeit, als Hausfrau und Mutter. In ihrer Freizeit spielt sie Tennis. Die Ehe ist harmonisch, bis ihr Mann sich nach 14 Jahren in eine Kollegin verliebt. Martha zieht Konsequenzen und geht mit den Kindern zurück nach Augsburg zu ihren Eltern. „Meine Mutter riet mir, mich an der Universität zu bewerben. Ich habe dann als Sekretärin im Sprachenzentrum angefangen.“

„Das, was die mir zum Schreiben geben, könnte ich selber“

Tag für Tag tippt sie wissenschaftliche Texte und merkt bald: „Das, was die mir zum Schreiben geben, könnte ich selber.“ Der Gedanke setzt sich fest und eines Tages verkündet sie ihren Professoren, dass sie nun auch studieren wird. „Sie haben mich komisch angeschaut und gefragt: Sie meinen Ihren Sohn? Und ich sagte: Nein, ich selbst“, erzählt Martha mit trockenem Humor. Da sie keine Hochschulreife hat, ermöglicht man ihr ein Begabtenabitur ohne Schulbesuch. Danach schreibt sie sich für Kunstgeschichte und Geschichte ein und startet ihre akademische Laufbahn.

Es ist das Jahr 1979. Martha Schad ist 40, geschieden, alleinerziehend. Und sie erfindet sich in diesem Moment neu. Gemeinsam mit ihren Kindern, die für die Schule büffeln, sitzt sie abends am Küchentisch und lernt. In ihrem Ehrgeiz wird sie für ihre jüngeren Kommilitonen bald zum Vorbild. Sie macht einen hervorragenden Abschluss und promoviert. Ein Wissenschaftler rät ihr, beim Schreiben zu bleiben. In den darauffolgenden Jahren findet die Historikerin viele bemerkenswerte Frauen, schenkt ihnen die Beachtung, die sie verdienen, und gibt ihnen ihren Platz in der Geschichte zurück.

Mit fast 50 landet sie ihren ersten Bestseller

Mit fast 50 landet sie mit „Kaiserin Elisabeth und ihre Töchter“ ihren ersten Bestseller. Es ist der Beginn einer langen, erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin. Ihre zahlreichen Werke werden in zwölf Sprachen übersetzt, drei sogar verfilmt. Darunter „Gottes mächtige Dienerin“ – ein spannendes Porträt von Schwester Pascalina, der einflussreichsten Frau, die je im Vatikan gelebt hat. „Ich durfte Papst Benedikt persönlich eine Ausgabe überreichen. Später hat sogar meine Enkelin in der Verfilmung mit Christine Neubauer mitgespielt“, erzählt sie stolz.

Die Familie steht sich sehr nah. Beide Enkel sind Mitte zwanzig und Martha sieht sie regelmäßig. Mit ihrem Mann, dem ehemaligen Staatssekretär Baldur Wagner, lebt sie seit vielen Jahren in Neusäß bei Augsburg. „Wir haben mit 73 geheiratet“, erzählt Martha lächelnd. Es ist ihre dritte Ehe – zuvor war sie 25 Jahre lang mit einem evangelischen Pfarrer zusammen. Ob ihr deshalb auch kirchliche Themen nahe sind? Immer wieder führen sie ihre Forschungen in den Dunstkreis des Vatikans.

Literarische Pilgerfahrten nach Rom

2018 schreibt sie über die vier Königinnen, die im Petersdom bestattet sind. Auch ihr neuestes Werk, das 2025 anlässlich des Heiligen Jahres veröffentlicht wurde, ist eine literarische Pilgerfahrt nach Rom. In „Leuchtspuren am Himmel von St. Peter“ widmet sie sich den weiblichen Figuren auf den Kolonaden. 140 Heilige sind dort in Stein verewigt, darunter 38 Frauen – Kirchenlehrerinnen, Märtyrerinnen und Ordensgründerinnen, die sich strahlend weiß vom blauen Himmel abheben. Jede erhält ihre eigene kleine Biografie.

„Besonders fasziniert hat mich die Heilige Klara, die auch auf dem Buchcover zu sehen ist“, sagt Martha Schad. Der bedeutende Bildhauer Gian Lorenzo Bernini hat den Moment verewigt, in dem sie zur Verteidigung ihres belagerten Klosters eine Monstranz in die Höhe hält. Klara von Assisi verfasste als erste Frau eine Ordensregel für Frauen und war als Ordensgründerin nachhaltig erfolgreich: „Bis heute gibt es weltweit viele Klarissenklöster, auch in Deutschland und der Schweiz“, sagt Martha beeindruckt.

Jahrelang recherchiert sie über die Tochter von Stalin 

Die Frauen, denen sich Martha Schad seit Jahrzehnten mit Spürsinn, Leidenschaft und Expertise widmet, sind für die Historikerin weit mehr als Forschungsobjekte. Sie werden zu Wegbegleiterinnen und manche lassen sie nie mehr los. So wie Swetlana Allilujewa, die Tochter des russischen Diktators Stalin. Jahrelang recherchiert Martha und nutzt Russischkenntnisse aus einem Volkshochschulkurs, um in Moskau Türen zu öffnen. Unermüdlich sucht sie nach Zeitzeugen und nach Swetlana selbst. Lange ohne Ergebnis.

Die fesselnde Biografie über die Tochter des fürchterlichen Despoten erscheint schließlich im Jahr 2005, ohne dass Martha Schad ihr begegnet wäre. Das Buch wird ein voller Erfolg, doch die Wissenschaftlerin kann das Kapitel für sich nicht abschließen und sucht weiter. Jahre später folgt sie einer Eingebung. Swetlana war mehrfach verheiratet und Martha findet in einem amerikanischen Telefonbuch ihren früheren Stiefsohn. Dieser gibt schließlich die richtigen Hinweise und bald darauf spürt sie Lana Peters, wie sie sich zuletzt nennt, in einem Seniorenheim in Wisconsin auf.

"Eine ganz liebevolle Begegnung, die ich auf keinen Fall missen will“

Martha Schad fliegt in die USA, um sie zu besuchen. Eine unvergessliche Reise, die sie heute noch bewegt. „Wenn man eine Biografie über mich schreiben würde, dürfte diese Geschichte auf keinen Fall fehlen“, sagt sie heute. „Swetlana wartete vor dem Altenheim auf mich. Als ich nach all den Jahren endlich vor ihr stand, war ich so gerührt, dass mir die Tränen runterliefen.“ Die beiden Frauen reden viel, gehen sogar gemeinsam einkaufen. „Es war eine ganz liebevolle Begegnung, die ich auf keinen Fall missen will.“ Bis zu Swetlanas Tod bleibt sie mit ihr in Kontakt.

Es ist kein Zufall, dass Martha Schad zuerst an eine andere Frau denkt, wenn sie nach den Höhepunkten ihrer eigenen Biografie gefragt wird. Schon immer hat sie die Bühne jenen überlassen, die sie der Öffentlichkeit nahebringen wollte – ohne sich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Dazu gehört auch, dass sie ihre Bücher bis zuletzt wertfrei schreibt. „Das mache ich ganz bewusst, denn es ist mir wichtig, dass die Leserinnen und Leser sich ein eigenes Bild machen“, betont Martha.

Wissenschaftliche Dokumentation und populäre Erzählung 

Ihre Aufgabe sieht sie darin, so viele fundierte Fakten und Informationen wie möglich zusammenzutragen. Dafür reist sie an Schauplätze, vergräbt sich in Archiven, spricht – wenn möglich – mit Familienangehörigen und anderen Menschen aus dem Umfeld. Sie setzt ihre Empathie und Kommunikationsstärke ein und kommt nah heran, an die Frauen, die sie porträtiert. Beim Schreiben gelingt ihr dann der „Mittelweg zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und populärer Erzählung“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt.

Martha Schad hat das Genre der Biografie in der Geschichtsschreibung salonfähig gemacht. Eine begeisterte Leserschaft und gute Kritiken geben ihr recht. Für ihre Verdienste hat sie viele Würdigungen erhalten – von der Ehrenmedaille der Stadt Augsburg bis zum Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden. Ein Lebenswerk, auf das sie stolz sein kann, und das – so hofft sie – Nachfolger findet. Denn Lücken in der Geschichtsschreibung gibt es weiterhin genug, wenn es um das Leben von Frauen geht.

Jetzt beginnt der Ruhestand – mit 87 Jahren 

So nonchalant wie Martha Schad mit 40 ihr zweites Leben als Wissenschaftlerin begonnen hat, so klar akzeptiert sie nun, dass ihr Platz nicht mehr am Schreibtisch ist.  Die „Leuchtspuren am Himmel von St. Peter“ sind ihr letztes Werk. Nun widmet sie die Zeit ihrem Mann. Sie sind gerne auf Reisen und freuen sich, noch so viel unternehmen zu können. „Ich hätte nie gedacht, dass ich erst mit 87 in den Ruhestand gehe“, schmunzelt sie. Nach fast fünf Jahrzehnten voll spannender Geschichten über starke Frauen ist nun Zeit für ihre eigene.

Dieser Beitrag erschien zuerst in „mariam“, dem Magazin der Don Bosco Schwestern. 

Buchtipp

Das jüngste Werk von Martha Schad: „Leuchtspuren am Himmel von St. Peter – Berninis heilige Frauen auf den Kolonnaden in Rom“ (Kunstverlag Josef Fink, € 19,80)


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