Einsamkeit

„Ich kann in einer Familie leben und mich einsam fühlen“

Seit der Corona-Pandemie sind noch mehr Menschen einsam als zuvor. Das merkt auch Sr. Hermi Dangl bei ihrer Arbeit in der Wiener Gesprächsinsel. Ein Interview über Wege aus der Einsamkeit und das Glück des Alleinseins.

veröffentlicht am 01.07.2021

Einsamkeit war lange ein Tabu-Thema. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie trauen sich mehr Menschen, darüber zu sprechen. Wie erleben Sie das in Ihrer Arbeit?
Es hat eine Zeit gedauert, bis das Thema bei uns angekommen ist. Aber jetzt ist es da, und auch das Thema Corona generell, in Bezug auf die Arbeit, das Studium oder die Situation in den Familien. Jetzt kommen die Leute, und zwar verstärkt auch jüngere. Gerade Studentinnen und Studenten, die keinen sehen, sich mit keinem treffen können, sind sehr stark von Einsamkeit betroffen. Die Spannungen in den Familien mit Homeoffice und Homeschooling machen sich jetzt bemerkbar. Ich habe immer gesagt, dass noch viel verborgen ist, und glaube, dass auch jetzt noch viele Nachwirkungen der Pandemie auftreten werden.

Ich höre immer mehr von Situationen, in denen die sozialen Beziehungen wegbrechen, weil Menschen zwar kommunizieren wollen, es aber nicht können und sich immer mehr zurückziehen, manchmal so stark, dass es in eine Depression hineinführt. Es gibt einen fließenden Übergang von tiefer Einsamkeit bis zu körperlichen Symptomen wie Müdigkeit, Nervosität, Herzrasen oder Schlafstörungen. Manche Leute holen sich ein Haustier, wenn sie nicht mehr ausdrücken können, was in ihnen vorgeht. Dann ist der Hund, der Vogel oder das Meerschweinchen eine Art Ersatz. Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Hund sie immer angestupst hat, wenn sie geweint hat. Wenn sie nicht mehr konnte, hat der Hund ihr gezeigt, dass er da ist.

Welchen Rat geben Sie Menschen, die unter Einsamkeit leiden?
Oft überlegen wir mit den Menschen gemeinsam, was sie gerne tun, was ihnen guttut. Ob das Spazierengehen ist oder Lesen, das ist das Erste, was wir gemeinsam mit den Leuten erarbeiten. Was macht mir Freude und wie kann ich es umsetzen?

Menschen, die in eine Depression hineingerutscht sind, können teilweise den Tagesablauf nicht mehr strukturieren. Dann kann man versuchen, ihnen zu helfen, dass sie wieder in der Früh aufstehen, dass sie sich Essen machen. Und dann geht es darum, ein Projekt zu starten. Nicht 97 Sachen auf einmal, sondern eine. Zum Beispiel: Heute gehe ich spazieren. Wenn die Person wieder einen Bezug zu sich selbst bekommt, dann ist es vielleicht im nächsten oder übernächsten Schritt wieder möglich, jemanden anzurufen oder auf andere Weise aktiv Kontakt zu suchen. Dass Nähe für uns Menschen wichtig ist und wie schlimm es ist, wenn sie fehlt, hat man in der Pandemie deutlich gesehen. Eine Empfehlung ist auch, dass Leute, die den Wunsch haben, angerufen zu werden, selbst jemanden anrufen.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben schon vor Corona dazu beigetragen, dass Einsamkeit zunimmt?
Wir haben eine große Vereinzelung. Jeder schaut auf sich und vielleicht noch ein bisschen auf die Familie, aber dann ist Schluss. Wir schauen, was uns wichtig ist und was wir erreichen können. Leistung steht vor dem Sein. Wenn jemand krank wird, egal ob er alt oder jung ist, ist er schnell raus. Wer nichts mehr leistet, ist nichts mehr wert. Auch wenn jemand die Arbeit verliert, ist das ein sehr massiver Einschnitt. Selbst wenn ich einen geliebten Menschen verliere, habe ich zu funktionieren. Sicherlich wird auch mal Rücksicht genommen, das ist unterschiedlich, ich will nicht alles über einen Kamm scheren, aber ich erlebe das oft so.

Zudem kommt es immer auch darauf an, wie das soziale Gefüge, die Familie, die sozialen Kontakte sind, wenn jemand durch Krankheit herausfällt. Aber ich habe auch mehrfach erlebt, dass jemand zum Beispiel Krebs hat und in einem guten sozialen Gefüge lebt, und dann passiert es doch, dass gute Freunde plötzlich sprachlos sind, weil sie mit demjenigen nicht mehr umgehen können. Das bringt wahnsinnig viel Einsamkeit, weil die Person selbst nicht in der Lage ist zu kommunizieren.

Deshalb hoffe ich auch, dass wir nicht, wie es jetzt oft gesagt wird, zur Normalität zurückkehren, sondern dass wir aus dieser Pandemie etwas gelernt haben: dass soziale Beziehungen wichtig sind, dass nicht die Leistung das Wichtigste ist, nicht die Wirtschaft. Das wichtigste ist die Person, der Einzelne und das Gesamte. Der Wert der Person zählt, einfach, weil sie ist, unabhängig davon, was sie hat und leistet. Der Mensch in sich ist wertvoll.

Kann Einsamkeit auch etwas Positives haben?
Wenn sie nicht zu weit fortgeschritten ist, kann das durchaus sein. Wenn ich einmal auf mich zurückgeworfen bin, habe ich einen Blick auf mich, wie wenn ein Spiegel auf mein Herz gerichtet ist. Dann kann eine Innenschau stattfinden. Von einer solchen Erfahrung hat mir neulich eine Frau erzählt. Sie war im Beruf, aktiv, geschieden, alleinstehend, hat keine Kinder. In der Pandemie hat sie plötzlich sehr viel Zeit gehabt, war ganz auf sich zurückgeworfen und hat ihr Leben reflektiert. Was war gut, was war schlecht? Eine so verstandene Einsamkeit kann durchaus etwas Positives haben. Wichtig ist nur, dass die Person sich, wenn sie alleine nicht weiterkommt, Hilfe holt. Dann kann sie immer mehr ihr Leben so annehmen wie es war. Und manches, was verwundet ist, kann heil werden oder darf einen Platz in ihrem Leben kriegen.

Oft sehnt man sich, wenn man im Trubel steckt, nach einem Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Dann kann man sich selbst, Gott und dem Nächsten nahe sein. Man braucht immer wieder solche Rückzugsorte.

Was ist der Unterschied zwischen Einsam-Sein und Alleine-Sein?
Einsam-Sein hat mit meiner inneren Befindlichkeit zu tun. Wenn ich einsam bin, macht mich das traurig oder auch wütend, das kommt auf die Person an. Ich kann in einer Familie oder in einer Ordensgemeinschaft leben und mich einsam fühlen. Das ist dann der Fall, wenn ich keine Beziehung zu anderen habe, die mich froh macht, die mich mit Leben erfüllt. Man kann in einer Ehe leben und sich nichts mehr zu sagen haben als Guten Morgen und Gute Nacht. Ich kann unter vielen leben, aber keinen Ort haben, an dem ich ich selbst sein darf, kann Mutter sein und alles für meine Kinder tun, aber zutiefst einsam sein.

Natürlich muss ich auch offen dafür sein, was mein Partner mir sagen will, muss schauen, wie ich mich in die Gemeinschaft einbringen kann. Wenn nichts mehr an Gegenseitigkeit stattfindet, bin ich einsam.

Manche Menschen fühlen sich sofort unwohl, wenn sie alleine sind...
Das liegt daran, dass sie den Raum, den sie für sich haben, nicht füllen können. Wenn ich persönlich, die ich im Alltag stark eingebunden bin und wenig Zeit habe, mal alleine bin, freue ich mich. Jemand anders, der viel Zeit hat, fühlt sich vielleicht schneller einsam oder unwohl. Manche tun sich leichter, mit ihrer Zeit etwas anzufangen, sie gehen spazieren, werden kreativ, lesen, tun etwas, das ihnen Freude macht.Anderen gelingt das weniger gut.

Tut die Kirche genug im Kampf gegen Einsamkeit?
Ob es genug ist, weiß ich nicht. Aber es gibt eine Fülle. Es ist auch in der Pandemie Einiges entstanden. Es kommt natürlich auch auf die Pfarrgemeinde vor Ort an. Herrscht dort eine Willkommenskultur? Geht da jemand auf eine Person zu, die zum ersten Mal im Gottesdienst ist? Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, immer wieder neu präsent zu machen, was Gott ist. Dass er ein Gott ist, der da ist und wahrnimmt, ob es jemandem gut oder schlecht geht.

Sr. Hermi Dangl

Sr. Hermi Dangl, Sozialarbeiterin, geistliche Begleiterin und Exerzitienbegleiterin, leitet die Wiener Gesprächsinsel, eine Erstkontaktstelle für Menschen in Not. Sie ist Mitglied im Orden der Steyler Missionarinnen.


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