Vor- und Nachteile

Sonntagsarbeit: Was es bedeutet, am Wochenende nicht frei zu haben

Stefan Gehring arbeitet in einer heilpädagogischen Wohngruppe bei Don Bosco Pfaffendorf. Regelmäßig auch an Sonntagen. Im Interview erzählt der Sozialpädagoge, wie er diesen besonderen Arbeitstag erlebt.

veröffentlicht am 27.05.2026

Herr Gehring, Sie betreuen in einer Wohngruppe Jungen zwischen elf und 16 Jahren. Wie sieht ein typischer Sonntag in Ihrer Einrichtung aus?
Der Sonntag ist bei uns ein Ausgleich zur anstrengenden Woche. Erholung und gemeinsame Zeit stehen im Vordergrund. Viele Jungen fahren am Wochenende nach Hause, die meisten Mitarbeitenden haben frei. Mit den Jungen, die in der Einrichtung bleiben, machen wir Ausflüge, fahren ins Schwimmbad oder zu Dorffesten. Wir schauen auch Filme und sie dürfen sonntags mal etwas länger ans Handy als in der Woche. Abends kommen die anderen zurück. Viele haben dann erstmal Heimweh und wir helfen ihnen beim Übergang.

Wie erleben Sie selbst das Arbeiten am Sonntag?
Natürlich bleibt es Arbeit, aber der „Vibe“ ist ein anderer. Alles läuft ruhiger ab. Wir haben Zeit für Dinge, die im Alltag oft zu kurz kommen. Während der Woche fließt viel Energie in Schule, Hausaufgaben und Termine. Sonntags ist für uns Pädagogen ein guter Tag, um Organisatorisches zu erledigen – Wochenpläne schreiben, online Termine abstimmen oder Projekte vorbereiten. Ich bin in unserer Einrichtung Nachhaltigkeitsbeauftragter und nutze die ruhigeren Stunden auch dafür. 

Seit zwanzig Jahren arbeiten Sie bereits in der Jugendhilfe und immer wieder am Sonntag. Wie ist es für Sie, an einem Tag zu arbeiten, an dem viele andere frei haben?
Man sollte es nicht klein reden: Schichtarbeit, Wochenenddienste und lange Arbeitszeiten kosten Kraft – gerade am Anfang. Früher empfand ich es als Verzicht, sonntags arbeiten zu müssen, denn ich habe dadurch an Wochenenden einiges verpasst. Ich hatte weniger Zeit als meine Freunde, konnte nicht so lange feiern gehen, weil ich am Sonntagmorgen fit sein musste. Wenn ich eine Fernbeziehung hatte, konnte ich meine Partnerin am Wochenende oft nicht besuchen, weil die Zeit zu knapp war. 

Wie ist es heute?
Jetzt bin ich Mitte vierzig und die Sonntagsarbeit passt gut zu meiner Lebenssituation. Ich habe eine fünfjährige Tochter und seit der Trennung von meiner Partnerin betreuen wir sie gemeinsam im Wechselmodell. Eine Woche lebt sie bei mir, eine Woche bei ihrer Mutter. Ich arbeite in Teilzeit jede zweite Woche. Wenn meine Tochter nicht bei mir ist, arbeite ich bewusst mehr – da bietet sich der Sonntag gut an. In den Wochen mit meiner Tochter habe ich dann mehr Zeit für sie.

Holen Sie Ihren Sonntag manchmal unter der Woche nach?
Ja, daran habe ich mich nach vielen Jahren Schichtarbeit gewöhnt. Manchmal mache ich einfach einen freien Dienstag zum Sonntag und verbringe entspannte Stunden auf dem Sofa. Es hat auch Vorteile, während der Woche freie Tage zu haben. Keine langen Wartezeiten beim Arzt, leere Schwimmbäder und Fitnessstudios am Vormittag. Und auch religiöse Angebote kann man gut unter der Woche wahrnehmen. 

Erleben Sie den Sonntag trotz Arbeit auch als spirituellen Tag?
Ja, wir sind eine spirituell geprägte Einrichtung, viele Mitarbeitende sind religiös. Es ist wichtig, das authentisch zu leben. Die Jugendlichen wenden sich gerade sonntags mit spirituellen Fragen an die entsprechenden Mitarbeitenden. Großen Wert legen wir an Sonntagen auf das gemeinsame Kochen und Essen. Wir machen etwas Besonderes und die Jugendlichen können mitentscheiden. Dann zünden wir eine Kerze an, sitzen zusammen, essen und unterhalten uns. 

Was macht für Sie den besonderen Wert Ihrer Sonntagsarbeit aus?
Johannes Bosco hat gesagt: „Es genügt, dass ihr jung seid, damit ich euch liebe.“ Dieser Gedanke begleitet mich bis heute. Gerade sonntags geht es darum, Jugendlichen Zeit zu schenken. Sie sollen sich erholen, ihren Hobbys nachgehen und gleichzeitig erleben, wie schön gemeinsame Aktivitäten sein können. Selbst kleine Bastelangebote können die Jungen über Stunden faszinieren, wenn man sie vom Handy losgeeist hat. Gerade weil sonntags weniger Ablenkung da ist, entsteht so Raum für Gemeinschaft und Begegnung. Das macht für mich den besonderen Wert der Sonntagsarbeit aus.

Mann mit grünem T-Shirt und Bart im Garten

Seit 20 Jahren ist Sozialpädagoge Stefan Gehring in der Jugendhilfe tätig. Im Jugendhilfezentrum Dominikus Savio im fränkischen Pfaffendorf betreut er in der heilpädagogischen Wohngruppe Valdocco neun Jungen zwischen elf und 16 Jahren. 


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